Am Vortag der Entscheidung boten die Parteien noch einmal alles auf

Am Vortag der Entscheidung boten die Parteien noch einmal alles auf

Vor 60 Jahren – im Oktober 1955 – wurde nach einem heftig geführten Abstimmungskampf eine Volksbefragung über die Zukunft des Landes durchgeführt, wobei 67,7 Prozent der Saarländer mit „Nein“ stimmten und sich damit gegen das Saarstatut entschieden. Dieses war die Vision des saarländischen Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann, der das Saarland zum ersten europäischen Territorium machen wollte. Mit einer Serie erinnert die SZ daran, was sich rund um diese Abstimmung im Landkreis zugetragen hat.

Obwohl der Artikel mit Sicherheit für die Redakteure der "Neuesten Nachrichten" ein willkommenes Propagandamittel darstellte und es fraglich ist, ob sich alle Einzelheiten tatsächlich so zugetragen haben, verfehlten Berichte über Ereignisse dieser Art natürlich nicht ihre Wirkung auf die Abstimmungsberechtigten.

Insbesondere Johannes Hoffmann wurde durch diese Art der Berichterstattung zu einer Reizfigur des Abstimmungskampfes. Ob der Ministerpräsident tatsächlich zynisch lächelte und höhnisch grinste, als er die Tumulte bei seiner Ankunft in Beckingen bemerkte, ist wohl kaum anzunehmen. Wenn dort tatsächlich ein Lächeln auf seinen Lippen zu sehen war, so dürfte dies wohl eher als ein Zeichen seiner Unsicherheit und seines Unverständnisses für den unversöhnlichen Hass zu werten sein, der bei seinen Versammlungsauftritten nicht nur seinem politischen Standpunkt in der Abstimmungsfrage, sondern nicht zuletzt auch seiner Person selbst entgegenschlug. Am Tag vor dem Referendum veröffentlichte die "Saarländische Volkszeitung", das Organ der CVP, das Ergebnis einer Meinungsumfrage. Dabei wurde vorhergesagt, 62,4 Prozent hätten sich für die Annahme des europäischen Saarstatus entschieden.

Dies stellte jedoch wohl mehr Wunsch als Wirklichkeit dar. Die Urheber der Umfrage blieben übrigens im Dunkeln, die SVZ sprach lediglich von einem Fachmann für Demoskopie.

Zu diesem Zeitpunkt war es den Heimatbundparteien unzweifelhaft gelungen, die Mehrheit der Abstimmungsberechtigten auf eine Ablehnung des Statuts einzuschwören.

An diesem Vortag der Entscheidung boten die Parteien noch einmal alles auf, um die Abstimmungsberechtigten in ihrem Sinne zu überzeugen. Noch einmal wurden neue Plakate geklebt und regelrechte Berge von Flugblättern verteilt. Es tauchten auch die Slogans aus dem Abstimmungskampf vor 20 Jahren, aus dem Jahre 1935, wieder auf. "Herr! Mach uns frei!" - "Wir halten das Schicksal in unserer Hand" - "Nix wie hemm!" - "Die Saar bleibt deutsch!" - "Separatisten bleiben Separatisten !" - "Mutter, wenn Du zur Wahlurne gehst, schau in die Augen Deiner Kinder!" - "Schneider will uns wieder germanisieren!"

In vielen Orten kam es an diesem Tag noch zu letzten Versammlungen der Statutgegner, in denen die örtlichen Parteigänger der Nein-Sager-Parteien an die Bevölkerung appellierten, das Statut abzulehnen.

< Wird fortgesetzt.