Römische Villa Borg: Von römischen Funden zur Rekonstruktion

Römische Villa Borg : Von römischen Funden zur Rekonstruktion

Die Römische Villa in Borg ist die größte Anlage ihrer Art im Saar-Mosel-Raum. Die Nachbildungen der Gebäude locken jährlich 50 000 Besucher.

Umrahmt von Feldern und Wald, zwischen den Ortschaften Borg und Oberleuken, liegt die Römische Villa Borg. Etwas versteckt ist sie schon, denn man sieht sie erst wirklich, wenn man direkt davor steht. Umso beeindruckender ist der Anblick, wenn man durch das Torhaus in den Innenhof des Villenareals spaziert und einem das großzügige Herrschaftsgebäude ins Auge sticht.

Den Grundstein – oder vielmehr das hölzerne Grundgerüst – der Villa legte vor mehr als 2000 Jahren ein wohlhabender, romanisierter Kelte, ist sich Bettina Birkenhagen, archäologische Leiterin der Grabungsstätte, sicher. Zwar belegen zahlreiche Funde, dass das Gebiet zwischen Saar und Mosel schon seit der Steinzeit besiedelt wurde. Der Auf- und Ausbau des Gutshofes mit Herrschafts- und Wirtschaftsbereich lässt sich aber auf die Zeit zwischen dem ersten Jahrhundert vor Christus und dem fünften Jahrhundert nach Christus datieren. In diesen 500 Jahren „gab es viele Umbauten und mehrere Besitzer. Die einen wohlhabender als die anderen“, sagt Birkenhagen. Zur Blütezeit zwischen dem zweiten und dritten Jahrhundert nach Christus lebten hier nach Einschätzung der Expertin rund 250 Menschen.

Überhaupt zeuge die Siedlungsgeschichte im Landkreis Merzig-Wadern von einem dichten Netz solcher römischen Anlagen. „Im Kreis gibt es kaum einen Ort, in dem nicht eine römische Ziegel zu finden ist. Borg ist mit 7,5 Hektar aber die größte Anlage im Saar-Mosel-Raum“, sagt Birkenhagen. Und die einzige, die in diesem Maße rekonstruiert werden konnte. Alles begann um 1900 mit dem Lehrer Johann Schneider aus Oberleuken, der mit seinen Schülern oft das Gebiet durchsuchte und bereits auf viele Funde stieß. Durch die beiden Weltkriege geriet die Grabungsstätte allerdings in Vergessenheit und es vergingen mehr als 50 Jahre, bis die Wissenschaft erneut auf das Areal aufmerksam wurde. Raubgrabungen, die das Bodendenkmal zu zerstören drohten, veranlassten das Staatliche Konservatoramt, ab 1986 eine planmäßige Ausgrabung durchzuführen. „Einen Träger für dieses Vorhaben fand das Amt im Landkreis Merzig-Wadern beziehungsweise der Kulturstiftung des Landkreises.“

1994 wurde der Beschluss gefasst, die Villenanlage nicht nur auszugraben, sondern „auch wissenschaftlich fundiert zu rekonstruieren und somit wieder mit Leben zu füllen“, sagt Birkenhagen. Wie bei jeder archäologischen Rekonstruktion handele es sich „nicht etwa um eine original- und detailgetreue Nachbildung, sondern um eine Modellvorstellung, in die alle Informationen der Ausgrabungen einfließen“.

Der Gutshof besteht aus dem bereits rekonstruierten Herrschaftsbereich, pars urbana, und einem Wirtschaftsbereich, pars rustica. Der Wohn- und Wirtschaftstrakt des Herrschaftsbereiches entspricht nur im äußeren Erscheinungsbild dem römischen Original. Die Innenräume werden für Festivitäten, Tagungen oder Seminare genutzt.

Der wohl imposanteste Trakt des Herrschaftsbereiches ist das angrenzende Herrenhaus mit der großzügigen Empfangshalle. Diese erstreckt sich über zwei Stockwerke. Bei den Ausgrabungen fanden die Wissenschaftler inmitten von Schutt- und Planierschichten Fragmente eines schwarz-weißen Mosaikfußbodens. Dieser wurde allerdings nicht rekonstruiert, da im wenige Kilometer entfernten Nennig ein Beispiel im Original zu besichtigen ist. Die weiteren Räume des Herrenhauses dienen als Museum, in dem die bedeutendsten Funde ausgestellt sind.

Körperpflege hatte bei den Römern einen hohen Stellenwert. „Sie war fest in den Tagesablauf eingebunden und ein geselliges Ereignis“, erklärt Birkenhagen. Der Badetrakt der Villa besteht aus einem Ankleideraum, einem funktionsfähigem Kalt- und Warmbad sowie einem Erholungsraum. Bei den Ausgrabungen fanden sich im Schutt des Kaltbades Putzreste mit blauer Grundbemalung. „Das ist Wallerfangener Blau“, erklärt Gerd Schmitt von der Villa Borg. Das ist ein natürliches Farbpigment, das zur Römerzeit bereits in Wallerfangen abgebaut wurde. Eine weitere Besonderheit: Das Villenbad wurde mit einer Fußbodenheizung beheizt. Der Aufbau einer solchen Heizung ist in einem der Räume dargestellt. Außerdem gibt es eine Latrine. Zur Spülung wurde Regenwasser im Innenhof gesammelt, über einen Kanal ins Villenbad und anschließend von der Latrine aus in eine Sickergrube geleitet.

Unmittelbar an das Villenbad schließt die Küche an. Der Brotofen, der Kuppelofen sowie die offene Feuerstelle sind ebenfalls funktionsfähig und werden bei Vorführungen und Kochkursen genutzt. In der angrenzenden Taverne können Besucher Gerichte nach römischen Rezepten probieren.

2000 wurde die großzügige Gartenanlage durch das EU-Projekt „Gärten ohne Grenzen“ erweitert. Es entstanden ein Innenhofgarten, ein Kräutergarten, ein Rosenzimmer, sowie ein Obst-, Gemüse- und Blumengarten. Ein weiteres Element im Innenhof ist das Wasserbecken. „Es diente auch als Wasserreservoir und Löschwasserspeicher. Vermutlich hat man auch das Wasser zur Spülung der Latrine in Phasen ohne Regen aus diesem Becken bezogen“, mutmaßt Birkenhagen.

Auf dem Gelände des Herrschaftsbereiches befinden sich zudem Grundmauern zweier Nebengebäude, die zurzeit ausgegraben werden. Zusätzlich hat das Archäologie-Team eine Töpferei, eine Schmiede und eine Glashütte errichtet. Diese ist nach einem Vorbild in Trier rekonstruiert und dient auch zu Forschungszwecken vieler Universitäten und Studenten. In speziellen Öfen stellen sie Glas her. Die Ergebnisse werden in Fachzeitschriften publiziert, erklärt Birkenhagen.

Rund 50 000 Besucher jährlich zählt der Archäologiepark, inklusive Tagungs- und Seminargäste. Um vor allem junge Leuten für Geschichte zu begeistern, bedarf es besonderer Angebote. „Infotainment ist hier das Stichwort“, sagt Schmitt. In Zusammenarbeit mit der Hochschule für Bildende Kunst entwickelte das Team der Römischen Villa einen Medientisch mit einem Miniaturmodell der Anlage. Berührt man gewisse Punkte werden kurze Zeichentrickfilme an die Wand projiziert, in denen eine Alltagssituation gezeigt wird. „Die Filme sind nur mit Musik unterlegt. Wir haben bewusst auf Text verzichtet, sodass sie in jeder Sprache verstanden werden können“, sagt Birkenhagen. Außerdem arbeite der Archäologiepark an einer Hör-App mit Hörspiel, in dem eine Haussklavin ihre Geschichte erzählt. Trotz aller Technik stehe Authentizität an erster Stelle, der Fokus auf der Wissensvermittlung.

Bisher ist mit dem Herrschaftsbereich nur ein Drittel der Anlage ausgegraben und rekonstruiert. Schutthügel deuten auf 15 weitere Nebengebäude auf dem rund 400 Meter langen Wirtschaftsbereich hin, die sich im angrenzenden Wald aneinanderreihen. Langfristig sei geplant, diesen Bereich ebenfalls zu rekonstruieren, verrät Birkenhagen.

Mit dem Medientisch setzen Bettina Birkenhagen und Gerd Schmitt auf Information und Unterhaltung. Foto: Ruppenthal
Bei den Ausgrabungen fanden die Archäologen im Schutt des Kaltbades Putzreste, die mit „Wallerfangener Blau“ bemalt worden waren. Foto: Ruppenthal
Die Grabungen an Nebengebäuden werden fortgeführt. Foto: rup/mzg

Serie Museen im Saarland: Die SZ stellte in den vergangenen Monaten jeweils wöchentlich ein saarländisches Museum vor. Teil 1: Interview mit Meinrad Maria Grewenig, Generaldirektor Weltkulturerbe Völklinger Hütte und Präsident Saarländischer Museumsverbandes (6. Juni), Teil 2: Roland Mönig und Moderne Galerie (13. Juni), Teil 3: Ludwig-Galerie Saarlouis (20. Juni), Teil 4: St. Wendeler Museum im Mia Münster Haus (27. Juni), Teil 5: Uhrenmuseum Köllerbach (4. Juli), Teil 6: Historisches Museum Saarbrücken (11. Juli), Teil 7: Römermuseum Schwarzenacker (18. Juli), Teil 8: Saarland-Museum für Vor- und Frühgeschichte (25. Juli), Teil 9: Zeitungsmuseum Wadgassen (1. August), Teil 10: Altenkirch-Museum Rubenheim (8. August), Teil 11: Die Römische Villa Borg. Teil 12: Jean-Lurçat-Museum Eppelborn (22. August).

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