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Volkshochschulen feierten Jubiläum

Merzig-Wadern : Seit 100 Jahren teilen sie Wissen mit jedermann

Die deutschen Volkshochschulen haben jüngst ihr hundertjähriges Bestehen in der Frankfurter Paulskirche gefeiert. Die Gründung der traditionsreichen Institution geht auf die Weimarer Verfassung im Jahr 1919 zurück.

In der Weimarer Verfassung wurde erstmals der Anspruch auf Förderung der Volkshochschulen in öffentlicher Verantwortung verankert, was eine VHS-Gründungswelle im gesamten damaligen Deutschen Reich bewirkte. In einer viel beachteten Festrede beleuchtete Andreas Voßkuhle, Präsident des Bundesverfassungsgerichts, die Geschichte und den anhaltenden Erfolg der Volkshochschulen. Die Funktion der Erwachsenenbildung sei die Aufklärung, betonte Deutschlands Oberster Richter im Rück­griff auf den Philosophen Theodor W. Adorno. Dabei gehe es aber nicht um eine Aufklärung „von oben herab“, so Voßkuhle. Bildung dürfe nicht „im klassischen, die Ungebildeten ausschließenden Sinne“ missverstanden werden, sondern im Gegenteil als „Empowerment“ – also als etwas, was Menschen für Leben, Arbeit, Gesellschaft und eine unabhängige Meinungsbildung stark mache.

In Anbetracht ihrer Angebotsvielfalt („von Deutsch für Zuwanderer und Alphabetisierung über Rechnungswesen und Webdesign bis hin zu Yoga und Zeichenkursen“) bezeichnete Voßkuhle die Volkshochschulen als „Pulsmesser ihrer Zeit“, und damit als „Aushängeschild und Archetyp der Erwachsenenbildung unter dem (heutigen) Grundgesetz“. Den nun ein Jahrhundert anhaltenden Erfolg der Volkshochschulen – von ihrer politischen Vereinnahmung während der Zeit des Nationalsozialismus abgesehen – erklärte sich Voßkuhle in ihrer Leistung, Menschen unabhängig von sozialer Zugehörigkeit in einer im Umbruch begriffenen Welt Orientierung zu geben.

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Die Digitalisierung ist der vielleicht bedeutendste Einschnitt in unsere Lebenswelt seit vielen Jahrzehnten. In diesem Zusammenhang sind es auch heute insbesondere die Volkshochschulen, die erschwingliche, am praktischen Alltag orientierte und vor allem zielgruppengerechte Angebote bereithalten. Die Volkshochschule Merzig-Wadern erfährt nach eigenem Bekunden aktuell großen Zuspruch mit einer Angebotsreihe rund um die digitale Transformation. „Da geht es vor allem um den Umgang mit Smartphone, Tablet und Co., es gibt eine kostenlose Computerberatung für Senioren, Kurse zum Umgang mit Betriebssystemen, Office-Schulungen auf allen Niveaustufen, Internetschulungen, aber auch Spezialkurse zu Software-Anwendungen wie Photoshop, Wordpress oder Datev“, berichtet Ulrike Heidenreich, Leiterin der VHS im Landkreis Merzig-Wadern. Auf Wunsch werden zudem individuelle Einzelschulungen angeboten. „Diese können entweder im modernen Multimedia-Raum der VHS-Zentrale in Merzig, oder aber bei unseren Kursteilnehmern zu Hause durchgeführt werden. Dieses Angebot ist insbesondere für Menschen gedacht, die nicht mehr so mobil sind, aber trotzdem nicht den Anschluss verlieren möchten“, erklärt die VHS-Chefin.

Auch die im vergangenen Semester gestartete Reihe „Wissen für den Alltag“ stehe ganz im Zeichen des „Empowerment“, betont Ulrike Heidenreich. Es handelt sich dabei um kostenlose Angebote in Kooperation mit dem saarländischen Bildungsministerium, die allen Bürgern des Landkreises offen stehen. Themen sind die Deutsche Rechtschreibung, Mathematik für jeden Tag, der Umgang mit Geld, Konzentrationsübungen oder auch die Kommunikation mit Ämtern und Behörden. „Dabei wollen wir unsere Veranstaltungen aber nicht als klassische ‚Schulstunden‘ verstanden wissen, sondern ganzheitliche, zwanglose Bildungsangebote und einen modernen Treffpunkt für alle Interessierten bieten“, sagt die VHS-Leiterin.

Ein weiteres Angebot dieser Reihe trägt den Titel „Bewegung an der frischen Luft“. Ulrike Heidenreich gibt zu bedenken: „Was selbstverständlich klingt, ist im Alltag für einige schwer umsetzbar. Unsere Gesundheit war schon immer ein kostbares Gut, aber in unserem durchgetakteten, oftmals durchdigitalisierten Alltag bleiben Sport und regelmäßige Bewegung buchstäblich auf der Strecke. Hier setzt die regelmäßige Veranstaltung ‚Bewegung an der frischen Luft‘ an.“ Das kostenlose Angebot solle dabei helfen, ein besseres Bewusstsein für die Bedürfnisse des eigenen Körpers zu entwickeln, gesunde Bewegung auf unkomplizierte Weise in den Alltag zu integrieren, gemeinsam in der Gruppe von diesem Wissen zu profitieren und dabei Spaß zu haben.

So steht die VHS Merzig-Wadern ganz in der Tradition der Volkshochschule von 1919, auch wenn die hiesige Einrichtung deutlich jünger ist: Sie hat im vorletzten Jahr ihr 60-jähriges Jubiläum gefeiert. Bereits am 4. Januar 1957, gerade einmal drei Tage, nachdem das Saarland Teil der Bundesrepublik geworden war, forderte der Merziger Bürgermeister Gerd Caspar in der „Saarländischen Volkszeitung“ (SVZ), der Parteizeitung der damaligen saarländischen Christdemokraten, die Bevölkerung dazu auf, am Aufbau einer Volkshochschule in Merzig mitzuarbeiten. Das Angebot sollte sich an Jugendliche und Erwachsene richten, „die sich weiterbilden möchten und denen die Möglichkeit fehlt, an einer Universität zu studieren“. Ihnen sollte die Volkshochschule Gelegenheit bieten, „ihren Gesichtskreis zu erweitern“.

Diesem Aufruf, der auch schon die vielfältigen Arbeitsbereiche vorstellte, sowie einer weiteren Einladung folgten etwa 250 Personen und fanden sich am 21. September 1957 zur Gründungsversammlung im Merziger Stadtrestaurant ein. Der Arbeitsbeginn der VHS Merzig fiel in eine Zeit der Umstrukturierungen. Zwar war das Saarland politisch wieder der Bundesrepublik Deutschland eingegliedert, gehörte aber wirtschaftlich noch fast zwei Jahre zu Frankreich. Diese Situation endete mit dem wirtschaftlichen Anschluss des Saarlandes an die Bundesrepublik am 6. Juli 1959 und der zugehörigen Währungsreform: Französische Francs wurden durch die D-Mark ersetzt. „Die VHS musste daraufhin die Mitgliederbeiträge und Kursgebühren neu kalkulieren“, berichtet Ulrike Heidenreich. „Die VHS war also noch ganz jung und befand sich erst im Aufbau, als zusätzlich zu der neuen und stetig wachsenden Tagesarbeit auch noch die Währungsumstellung kam. Gerade erst hatten sich die Teilnehmer an die Preise gewöhnt, nun mussten diese im Zuge der Währungsumstellung wieder neu festgelegt und bewertet werden.“ Dies sei umso bemerkenswerter, da die VHS Merzig-Wadern ausschließlich durch Ehrenamtliche in Vorstand und Verwaltung geleistet wurde. Für hauptamtliche Mitarbeiter standen damals keine Gelder bereit.

Aller Widrigkeiten zum Trotz besteht die Volkshochschule Merzig-Wadern bis heute – mit wachsendem Kundenkreis: 6000 Menschen besuchen pro Jahr ihre Veranstaltungen und Kurse. Begleitet werden sie von kompetenten Dozenten, die für vergleichsweise kleines Geld arbeiten. Dieser Umstand sei allerdings kein Manko, sondern liege in der ursprünglichen Idee der Volkshochschule begründet, erklärt Ulrike Heidenreich. „Qualifizierte Bürger, die Interesse daran haben ihr Wissen zu teilen und weiterzuvermitteln, geben für überschaubares Honorar Kurse an der Volkshochschule.“ So sei es den Volkshochschulen möglich, ihre Kurse für „sehr verträgliche“ Gebühren anzubieten und somit für alle interessierten Bürger zugänglich zu machen. Bei der Grundidee der Volkshochschulen stehe nicht die Erwirtschaftung von Gewinn im Vordergrund – weder bei den Volkshochschulen, noch bei den Dozenten: „Unsere Dozenten haben Spaß an der Weitergabe ihres Wissens.“

www.vhs-merzig-wadern.de