1. Saarland
  2. Merzig-Wadern

Stummfilmkonzerte: Vampir lockt mehr Menschen an als Luther

Stummfilmkonzerte : Vampir lockt mehr Menschen an als Luther

An gleich drei Tagen hat der Stummfilmmusiker Stephan Graf von Bothmer klassische Filme im Merziger Zeltpalast gezeigt und am Klavier begleitet.

In ein Kino wie im frühen 20. Jahrhundert hat sich kürzlich der Merziger Zeltpalast verwandelt. An gleich drei aufeinanderfolgenden Tagen gab es dort Stummfilme zu sehen, die der Musiker Stephan Graf von Bothmer am Klavier live begleitete. Dabei bediente er an den drei Abenden drei völlig unterschiedliche Themen: Am Freitag intonierte er „Luther“ von 1927, am Samstag „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ von 1922 und am Sonntag Filme von Stan Laurel und Oliver Hardy.

Das abwechslungsreiche Programm sorgte auch für recht abwechslungsreiche Zuschauerzahlen: Lediglich drei Personen sahen sich „Luther“ an. „Sowas hatte ich noch nie“, zeigt sich Bothmer ein wenig schockiert von der mangelnden Nachfrage – gespielt hat er aber trotzdem. Auf Vorwürfe verzichtet er derweil, „entweder es spricht sich herum oder es spricht sich nicht herum“, sagt er. „Ganz zufrieden“ war er dann mit den etwas über 20 Personen, die sich „Nosferatu“ angesehen haben.

Die historische Bedeutung von „Nosferatu“ liegt darin, dass es sich dabei um die erste Verfilmung von Bram Stokers Vampir-Roman „Dracula“ handelt. Bothmer erklärt, warum der Film dennoch nicht „Dracula“ heißt: Die Filmemacher hätten die Tantiemen nicht bezahlen wollen. Die Witwe Stoker hatte daraufhin die Umsetzung verbieten lassen. Alle Kopien sollten vernichtet werden. „Es ist Zufall, dass noch welche da sind“, freut sich Bothmer.

In „Nosferatu“ sieht er dabei mehrere Ebenen, die über die des „deutschen Schauermärchens“ hinausgehen. „Nach dem Ersten Weltkrieg gab es in Deutschland keine Kriegsfilme“, erzählt er. Es sei somit naheliegend, dass die mit dem Krieg verbundenen Emotionen in anderen Filmen umgesetzt wurden. „Nosferatu ist dafür ein Kandidat“, sagt er.

Ebenfalls einen Blick in frühere Kinozeiten bot das Rahmenprogramm, das Bothmer für „Nosferatu“ gestaltet hat. „In der Stummfilmzeit war eine Aufführung nie nur Film und Musik“, erläutert er, es habe ein Vorprogramm gegeben: mit Musik, Lesungen, Lehrfilmen und vielem mehr. So zeigte und intonierte Bothmer vor dem Hauptfilm eine Kinowerbung sowie zwei Trailer. „Der Schokoladenkasper“ machte bereits 1921 Werbung für Kakaoprodukte – in Farbe, „wie fast alle Stummfilme“, betont Bothmer. Denn das Filmmaterial wurde in der Regel viragiert, also mit Farbe nachbearbeitet. Durch das Eintauchen in blaue Tinte wurden beispielsweise aus am Tage gedrehten Szenen Nachtszenen, nennt Bothmer ein Beispiel. Diese Technik zeigte sich dann auch beim Hauptfilm „Nosferatu“.

Und selbst wenn die Anzahl der Besucher überschaubar blieb, die Begeisterung für Bothmers Spiel war deutlich zu spüren. Nach dem Film nutzten viele Besucher die Gelegenheit für ein persönliches Gespräch mit dem Künstler. Und zu „Stan und Ollie“ am Sonntag kamen deutlich mehr Besucher.