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SZ-Serie zum Ende des Ersten Weltkriegs im Landkreis Merzig-Wadern

Serie Kriegsende im Kreis : Besatzungstruppen rücken ein

Vor kurzem war es genau 100 Jahre her, dass durch den Waffenstillstand im Wald von Compiègne am 11. November 1918 nach viereinhalb langen Jahren endlich die Waffen schwiegen und der Erste Weltkrieg zu Ende ging. In dieser Artikelserie soll nachgezeichnet werden, wie die Menschen in der Merziger Region das Kriegsende 1918 mit seinen dramatischen Umbrüchen erlebten.

Vom Durchzug der deutschen Truppen waren nahezu alle Ortschaften betroffen, die an den nach Osten führenden Straßen gelegen waren. So heißt es beispielsweise in der Haustadter Schulchronik: „Der Rückmarsch der deutschen Truppen von der Westfront nach dem rechten Rheinufer berührte auch unseren Ort. Täglich kamen die verschiedenen Truppenteile durch. Anfangs war ihre Haltung infolge der Umwälzung noch etwas locker. Doch bald schon merkte man an den Verbänden die herrschende Zucht und Ordnung. Mit klingendem Spiele und wehenden Fahnen zogen sie durch, alle bestrebt, in der durch den Waffenstillstand bestimmten Frist über den Rhein zu gelangen. Viermal wurde unser Ort mit Einquartierung bedacht.“

Selbst ein kleiner Ort wie Hargarten, der dazu noch von der Durchzugsstraße etwas abseits gelegen war, bekam Einquartierung, wie ebenfalls in der Schulchronik vermerkt ist: „Von dem Rückmarsch unserer Truppen wurde der Ort auch berührt. Verschiedene Male nahmen sie hier Quartier. Die Einwohner kauften den Truppen vielfach Sachen ab: einen Wagen, Pferdegeschirr, auch Pferde. Manches ließen die Soldaten auch einfach liegen. So fand man einige Monate später noch Artilleriemunition, die dann auf dem Bürgermeisteramt Haustadt abgegeben wurde.“

Was hier aus Hargarten hinsichtlich des als leichtsinnig zu bezeichnenden Umgangs mit Munition berichtet wurde, war kein Einzelfall. Es kam vielmehr durch weggeworfene Munition auch zu schweren Unfällen. So notierte die Merziger Zeitung am 21. November 1918:

„Viele Vorräte an Militärplatzpatronen und Handgranaten wurden von den Soldaten in die Saar geworfen. Die Jugend eignet sich die ans Ufer gespülte Munition an. Dem 10jährigen Sohn des Herrn Gastwirts Schütz wurde durch eine explodierende Handgranate die Hand verstümmelt.“

Der Dillinger Anzeiger richtete aufgrund ähnlicher Vorkommnisse am selben Tag folgenden Appell an die Bevölkerung:

„Eltern und Lehrer! Dringende Warnung! Wir werden darauf hingewiesen, dass bei dem Durchmarsch der Truppen vielfach Gewehrpatronen, Handgranaten usw. achtlos auf die Straßen und Wege geworfen worden sind. Diese bedeuten eine große Gefahr für die Bevölkerung, insbesondere die Jugend. Eltern und Lehrer mögen deshalb erneut und recht eindringlich vor dem Berühren und Spielen mit diesen explosionsgefährlichen Gegenständen die Kinder warnen, sie dazu anhalten, sollten sie von dem Herumliegen solcher Feuerkörper Kenntnis erhalten – auch Erwachsene mögen sich dies merken – unverzüglich dem Bürgermeisteramt davon Kenntnis zu geben, damit die Beseitigung erfolgt.“

Dass nicht nur durch weggeworfene Munition Gefahr drohte, zeigt der folgende Vorfall in Nunkirchen, der sich am 17. November 1918 dort zutrug. Der Dillinger Anzeiger meldete:

„Infolge einer Benzinexplosion ist gestern in Nunkirchen ein großes Schadenfeuer entstanden. Ein junger Bursche hatte sich in der Nähe von Militärautos zu schaffen gemacht, die mit Benzin beladen waren. Mit einem brennenden Streichholz zündete er das aus einem leck gewordenen Behälter abtropfende Benzin an, worauf die ganze Ladung zweier Autos in die Luft flog. Die Flamme griff auf die benachbarten Gebäude über. Zwei Häuser mit Ökonomiegebäuden wurden eingeäschert. Dank dem kräftigen Eingreifen der Soldaten konnte das Mobiliar des einen Hauses noch gerettet werden.“

Nicht nur die deutschen Soldaten befanden sich auf dem Rückzug. Auch russische Kriegsgefangene versuchten in diesen Tagen, nachdem sie aufgrund der Waffenstillstandsbestimmungen aus der Kriegsgefangenschaft entlassen worden waren, sich nach Osten in ihre Heimat durchzuschlagen. In den Tagebuchaufzeichnungen der Waldtraut Schulz aus Wadern findet sich in diesem Zusammenhang unter dem 17. November 1918 auch die kurze Notiz, dass „im Friedwald 100 Russen sind, die sich auf eigene Faust nach Hause begeben wollen“.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass die Bevölkerung den bedauernswerten Menschen keineswegs abweisend, sondern vielmehr mitfühlend entgegentrat, wie einer Meldung des Dillinger Anzeigers zu entnehmen ist:

„Als vorgestern Abend ein Merziger Fabrikbesitzer sein Haus betrat, kauerten in seinem Flur vier müde, ausgehungerte russische Gefangene. Zur Rede gestellt, sagten sie in gebrochenem Deutsch, sie kämen zu Fuß von Diedenhofen und wollten heim zur Maruschka. Mitleidsvoll wurde ihnen Essen und Nachtquartier zuteil, worauf sie frühmorgens wieder weiterzogen. Die armen russischen Gefangenen können einen wirklich dauern, und wir haben einige Millionen von ihnen im Lande.“

Was den Menschen in unserer Region in diesen Tagen wohl die größte Sorge bereitete, war die Gewissheit, dass den deutschen Verbänden nach ihrem Durchmarsch französische Truppen auf dem Fuße folgen sollten, um das linksrheinische Gebiet zu besetzen. Tatsächlich trafen am 21. November 1918 in Saarlouis die ersten feindlichen Truppen in unserer Region ein. Dies ist bereits an früherer Stelle im Zusammenhang mit den Plünderungen in Saarlouis berichtet worden.

Der Dillinger Anzeiger meldete:

„Französische Besatzung, eine Schwadron Kavallerie, traf gestern Mittag gegen 1 Uhr hier ein und nahm auf dem Großen Markt Aufstellung. Nach den üblichen Formalitäten auf dem Bürgermeisteramt wurden Wachen ausgesetzt. Später kamen bewaffnete Autos mit starker Besatzung und Führerautos an. Am Nachmittag traf der Kommandant für Saarlouis ein. In das öffentliche Leben einschneidende Maßnahmen wurden gestern noch nicht getroffen.“

Dass die französischen Truppen den deutschen Verbänden unmittelbar auf dem Fuße folgten belegt auch der nachfolgende Bericht des Dillinger Anzeigers vom 23. November 1918:

„Gestern bis in die späten Nachmittagsstunden passierten noch lange Reihen unserer Feldgrauen Dillingen, denen, wie an den Vortagen, überall ein herzliches ‚Auf Wiedersehen!‘ zugerufen wurde. Heute Morgen gegen ein halb 8 Uhr traf eine französische Radfahrer-Kompanie hier ein, die zunächst die Straßenkreuzungen besetzte, außerdem das Rathaus und den Bahnhof. Das unabwendbare Ereignis wird von unserer Bevölkerung mit Gefühlen des tiefsten Schmerzes getragen und sie verhält sich den feindlichen Soldaten gegenüber würdevoll.“

Nachdem es sich bei den vorstehend erwähnten Einheiten nur um Vorkommandos gehandelt hatte, hielt der Befehlshaber der französischen Besatzungstruppen am 23. November 1918 offiziell seinen Einzug in Saarlouis und übernahm die Befehlsgewalt über unsere Region. Der Dillinger Anzeiger berichtete am 23. November aus Saarlouis:

„Der französische Platzkommandant Tuffrau gab heute Morgen bekannt, dass nachmittags um 3 Uhr die Franzosen feierlichen Einzug mit Vorantragung einer Regimentsfahne halten würden“, „Er fordert die Bevölkerung auf, die Fahne durch Abnehmen des Hutes zu begrüßen, wie dies in Frankreich üblich sei. Die französischen Soldaten würden in einer Unterlassung dieser Sitte eine beabsichtigte Feindseligkeit erblicken.“

Am Nachmittag rückten dann schließlich der kommandierende General des 33. französischen Armeekorps, und der General der zweiten französischen Infanterie-Division an der Spitze von Truppen verschiedener Gattungen, wie Dragoner, Pioniere, Infanterie, Feldartillerie, Autokanonen und Jäger zu Pferde, in Saarlouis ein. Die Truppen nahmen auf dem Großen Markt Aufstellung und erwiesen den Generälen die militärischen Ehren. Anschließend empfingen die französischen Befehlshaber die Spitzen der deutschen Behörden. Sie ließen den Landrat, den Bürgermeister und die Stadtverordneten von Saarlouis wissen, sie seien nicht als Feinde gekommen, sondern um gemeinschaftlich mit den deutschen Behörden die Ordnung aufrechtzuerhalten. Sie hofften dabei auf die Unterstützung der deutschen Behörden.

In Saarlouis richteten die französischen Besatzungstruppen ihr Hauptquartier für den Bereich der unteren Saar ein. In die Merziger Region und in die Stadt selbst marschierten die Besatzer dagegen erst einige Tage später ein, weil hier immer noch deutsche Truppen durchmarschierten.

Die Merziger Zeitung schrieb in einem Beitrag am 26. November 1918 im Hinblick auf die bevorstehende Besetzung:

„Wie sollen wir uns dazu stellen? Sollen wir durch unser Verhalten während dieser Tage den Feind reizen? Oder haben die Erbärmlichen recht, die da sagen: Man muss dem Mächtigen schmeicheln und der Mächtige ist jetzt die Entente? Falsch sind beide an sich, erbärmlich ist nur die zweite. Wir müssen das Unvermeidliche mit Würde tragen. Sind jedoch nicht unsere Gefühle durch den Sturm der letzten acht Tage so verwirrt, dass alle früheren Begriffe ins Schwanken geraten sind? Trotzdem ist in unserer Bevölkerung noch genug gesunder Sinn vorhanden. Das konnte man heute in den Straßen sehen, durch die zurückflutende Truppen der Armee-Abteilung C marschierten. Erst spärlich und dann in einem Maße, das den Zeiten der Brot-, Marmelade und Zuckerrationen Hohn sprechen wollte, wurden Brote verteilt, Grog ausgeschenkt. Die Feldgrauen, welche eine halbe Stunde vorher auf der kalten, windgepeitschten Landstraße vielleicht noch traurig dem Gedanken nachhingen: ‚So ziehen wir aus dem Weltkrieg heim‘, fühlten wieder warm und ihre Augen leuchteten da solcher Teilnahme der Saarbevölkerung. Wir dürfen uns in diesen Tagen zu nichts hinreißen lassen, worüber wir später vor uns und unseren Kindern erröten müssten. Den Feind reizen wäre Torheit. Aber wir sollen uns so verhalten, dass der Feind einer unwillkürlichen Achtung sich nicht erwehren kann. Das ist unser Recht, unsere Pflicht. Die Feinde sagen ja, sie kämen im Namen der Menschlichkeit. Da dürfen sie uns die Wahrung unserer Menschenwürde nicht zum Vorwurf machen.“

Wie sich der Verfasser der vorstehenden Zeilen das Verhalten der Bevölkerung beim Einzug der französischen Truppen vorstellte, beschrieb er einen Tag später ebenfalls in der Merziger Zeitung:

„Wir stehen vor feindlicher Besetzung. Da sei in letzter Stunde der Einwohnerschaft in Stadt und auf den Ortschaften ans Herz gelegt, eine unserer Lage entsprechende würdige Haltung zur Schau zu tragen. Es sind Feinde und es sind Menschen, wie wir auch, weshalb also das Nachlaufen und Begaffen der unliebsamen Gäste, die wir ja leider dulden müssen, unterbleiben sollte. Fragen wir unsere Krieger, die in Frankreich und Belgien durch die Ortschaften zogen, wie sie empfangen wurden, wie die Fenster geschlossen und verhangen waren. Auf den Straßen zeigte sich niemand. Und hier? Wir haben bereits in den letzten Tagen Beispiele erlebt. Menschenansammlungen bildeten sich, Kinder, Frauen und sogar auch Männer liefen hinter ein paar fremden Offizieren her, die sich zufällig hier aufhielten. Mehr Würde, mehr Stolz ist dringend zu empfehlen. Vor allem halte man die Kinder von der Straße und belehre sie, damit wir uns nicht vor uns selbst zu schämen brauchen und nicht zum Gespött unserer Feinde werden.“