1. Saarland
  2. Merzig-Wadern

SZ-Serie über das Kriegsende im Kreis vor 100 Jahren

Merzig-Wadern : Versorgungslage verschärft sich rapide

Die Franzosen hatten nach den Bestimmungen des Waffenstillstandsvertrages das Land an der Saar besetzt und waren damit nun auch die neuen Herren in der Merziger Region. Das Jahr 1919 begann und die Menschen sahen sich einer für sie bis vor wenigen Monaten noch unvorstellbaren Umbruchsituation ausgesetzt. In den folgenden Teilen der Serie soll nun das Geschehen, das die Menschen in der Merziger Region vor 100 Jahren in Atem hielt, nachgezeichnet werden.

Ebenfalls fand bereits Erwähnung, dass Anfang 1919 in Deutschland, was die Arbeitszeit betraf, mit der Einführung des Acht-Stunden-Tages eine ganz wesentliche Änderung erfolgt war. Der Rat der Volksbeauftragten hatte bereits mit der Arbeitszeitverordnung vom November 1918 die entsprechende Bestimmung in Gesetzesform gefasst, die zuvor zwischen Unternehmerverbänden und Gewerkschaften ausgehandelt worden war. Damit war eine der ältesten Forderungen der Arbeiterbewegung erfüllt.

Am 1. Januar 1919 wurde diese Bestimmung schließlich generell in Kraft gesetzt. Es wurde schon darüber berichtet, dass die Einführung des Acht-Stunden-Tages bei vollem Lohnausgleich erfolgte. Dies hatte natürlich auch überaus negative Auswirkungen auf die Preisentwicklung, worauf wir noch an späterer Stelle, wenn es um die wirtschaftliche Lage im Frühjahr 1919 geht, zu sprechen kommen werden.

An dieser Stelle soll noch eine Notiz der Merziger Zeitung vom 5. Mai 1919 wiedergegeben werden, die ein interessantes Detail zur Sprache bringt. Darin wird unter der Überschrift „Die neue Arbeitszeit“ über die Einführung der Acht-Stunden-Schicht bei der Dillinger Hütte folgendes berichtet:

„Seit Einführung der 8stündigen Arbeitszeit ist ein dreimaliger täglicher Schichtwechsel bei unseren Industriewerken eingetreten. Wie bisher beginnt die Frühschicht um 6 ¼, die Mittagschicht um 2 ¼ und die Nachtschicht um 10 ¼ Uhr. Die Essenpausen sind natürlich in Wegfall gekommen; ebenso das Abholen des Mittagessens durch die geheizten Speisewagen hier im Orte und in etwa 12 Nachbardörfern durch die Hütte. Eine bedeutende Ersparnis ist hierdurch erwachsen. Die Arbeiterzüge der Elektrischen, der Staats- bzw. Reichsbahn sind dem Schichtwechsel angepasst worden. Vielen Arbeitern kommt die große freie Tagesarbeitszeit ungewohnt und langweilig vor und so suchen sie sich vielfach für dieselbe anderweitig Beschäftigung.“

Interessant ist hierbei vor allem der Hinweis, dass durch die Einführung der Acht-Stunden-Schicht die geheizten Speisewagen, die etwa ab der Jahrhundertwende bis zu diesem Zeitpunkt das Mittagessen für die Arbeiter aus Dillingen selbst und aus zwölf umliegenden Ortschaften abgeholt hatten und zur Hütte brachten, nicht mehr benötigt und demzufolge abgeschafft wurden. Heute dürfte kaum noch bekannt sein, dass es sich die Dillinger Hütte – und nicht allein sie –, als die Arbeitszeit noch zwölf Stunden betrug, aus sozialpolitischer Verantwortung heraus zur Aufgabe gemacht hatte, ihren Arbeitern ein warmes Essen anzubieten. In der so genannten Arbeiterspeiseanstalt wurden täglich über 750 Personen, die meistens aus weiter entfernt gelegenen Ortschaften anreisen mussten, gegen Zahlung eines entsprechenden Entgelts von der Hütte verpflegt.

Zusätzlich standen aber auch zwölf Speisetransportwagen für je 224 Mahlzeiten zur Verfügung, die in den näher gelegenen Wohnorten der Arbeiter das von den Frauen gekochte Essen einsammelten und es warm zur Hütte brachten. Aus Dillingen selbst sowie aus Ortschaften wie Nalbach, Saarwellingen, Bilsdorf, Körprich, Diefflen, Fremersdorf, Roden und sogar aus den im Kreis Merzig gelegenen Dörfern Beckingen und Haustadt kam pünktlich um 12 Uhr das Mittagessen an. Ein gestrenges Reglement sorgte dafür, dass kein Arbeiter früher als drei Minuten vor Pausenbeginn seinen Arbeitsplatz verließ.

Über 2000 Arbeiter machten auf der Hütte von diesem Essenstransport Gebrauch und gar manche Arbeiterfrau soll geseufzt haben: „Jemen, der Soppenwaan kemmt schon onn eich hann jo et Deppchen noch net feertisch! … Gott sei Dank fährt er eärscht eroff!“

Ein solcher Speisetransportwagen war auch bei der Schraubenfabrik Karcher in Beckingen im Einsatz, der bis zur Einführung der Acht-Stunden-Schicht zur Mittagszeit von Honzrath nach Beckingen fuhr und den Arbeitern dorthin das Essen brachte. Dieser Suppenwagen, wie ihn der Volksmund nannte, setzte sich um 11 Uhr in Honzrath in Bewegung und fuhr über Haustadt zur Beckinger Fabrik. An jeder Straßenecke bimmelte der Kutscher und aus den Häusern kamen die Frauen mit dem „Essdeppchen“, das dann nach Nummern geordnet in den Schubfächern seinen entsprechenden Platz fand.

Nach dem Kriegsende nehmen die wirtschaftlichen Schwierigkeiten in immer stärkerem Maß zu – Die Versorgungslage verschlechtert sich ganz rapide

Festzuhalten bleibt, dass die beiden im Januar 1919 durchgeführten Wahlen für unsere Region keine allzu große Bedeutung mehr hatten, weil die weitere politische Entwicklung an der Saar einen ganz anderen Verlauf nehmen sollte.

Zu diesem Zeitpunkt dürften sich die Menschen dessen allerdings noch überhaupt nicht bewusst gewesen sein. Das wird vor allem aufgrund der Tatsache deutlich, dass in den Wahlversammlungen jener Tage die Frage einer Abtrennung der Saarregion vom Deutschen Reich überhaupt kein Thema darstellte. Vielmehr bestimmten Fragen wirtschaftlicher Art, was zum Beispiel spürbare Versorgungsengpässe mit Lebensmitteln und sonstigen notwendigen Bedarfsgütern betraf, das Denken und Fühlen der Menschen.

Nicht zuletzt machte der Bevölkerung nach dem Kriegsende die deutlich wahrnehmbare und sich ständig steigernde Verteuerung von Waren und Gütern zu schaffen. Dies hing mit dem deutlich fühlbaren Währungsverfalls der Mark, die damals noch das hier gültige Zahlungsmittel darstellte, zusammen.

Den Ausgangspunkt für den geradezu rasanten Verfall der Mark, der schließlich im Jahr 1923 sogar zu einer Hyperinflation führen sollte, bildete die Art und Weise, wie die deutsche Reichsleitung den Ersten Weltkrieg finanziert hatte. An seinem Ende war das Reich mit einer Schuld von fast 150 Milliarden Mark belastet, da die Kosten der deutschen Kriegsführung weitestgehend im Wege freiwilliger Kriegsanleihen von der Bevölkerung bestritten worden waren. Damals stellte diese Summe mehr als das Dreifache des jährlichen Volkseinkommens der Vorkriegszeit dar. Hinzu kamen nach dem Kriegsende noch die Reparationsforderungen der Alliierten, die, zunächst noch nicht genau beziffert, im April 1921 schließlich auf die für die damaligen Verhältnisse riesige Summe von 132 Milliarden Goldmark festgelegt wurden.

Unter den unmittelbaren finanziellen Kriegsfolgen waren die von den Siegern auferlegten Reparationen im Ergebnis allerdings als weniger folgenschwer zu veranschlagen als die durch die Kriegsanleihen verursachte Entwertung des Geldes. Bereits während des Krieges war der Umlauf an Reichsbanknoten auf das Zwölffache der Vorkriegszeit gestiegen. Noch im letzten Kriegsjahr hatte er sich fast verdoppelt. Kriegsproduktion und Warenverknappung durch Absperrung Deutschlands von den Auslandsmärkten infolge der alliierten Seeblockade hatten zu einem immensen Kaufkraftüberhang geführt.

So beschleunigte sich unmittelbar nach dem Kriegsende die Geldentwertung noch einmal durch das Vordringen der während des Krieges lange zurückgestauten Kaufkraft aufgrund der noch zu geringen Güterproduktion.

Die Entwertung der Mark, die im Ausland nur noch die Hälfte galt, beschleunigte sich dadurch ungemein. Der amerikanische Dollar, der 1914 noch 4,20 Mark entsprochen hatte, kostete Anfang Januar 1919 schon 8,90 Mark. Ende 1919 stand er bereits bei 46,80 Mark.