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SZ-Serie über das Kriegsende im Kreis Merzig-Wadern vor 100 Jahren

Merzig-Wadern : Eine Staatsgrenze verläuft durch den Kreis

Die Franzosen hatten nach den Bestimmungen des Waffenstillstandsvertrages das Land an der Saar besetzt und waren damit nun auch die neuen Herren in der Merziger Region. Das Jahr 1919 begann und die Menschen sahen sich einer für sie bis vor wenigen Monaten noch unvorstellbaren Umbruchsituation ausgesetzt. In unserer Serie, die mit dieser Folge abschließt, soll nun das Geschehen, das die Menschen in der Merziger Region vor 100 Jahren in Atem hielt, nachgezeichnet werden.

An dieser Stelle soll am Schluss dieser Artikelserie noch kurz auf die besonderen Verhältnisse, die durch die neue Grenzziehung nach dem Ende des Krieges zwischen der Saarregion und dem benachbarten Lothringen entstanden waren, eingegangen werden. Nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 waren das Elsass und Lothringen bekanntlich als so genanntes Reichsland Teil des Deutschen Reiches geworden. Dies hatte auch dazu geführt, dass in der Folge die Anbindung vor allem der grenznahen lothringischen Ortschaften an die Saarregion immer intensiver wurde. Dieser Umstand hatte schließlich sogar zu Überlegungen geführt, Lothringen verkehrsmäßig durch Eisenbahnlinien stärker an das Reich anzubinden.

Im Juni 1909 war aus diesem Grund mit dem Bau einer Bahnstrecke von Merzig nach Waldwiese und weiter nach Lothringen hinein begonnen worden. Durch den Bau dieser Bahnstrecke erhofften sich damals nicht zuletzt die Merziger Kaufleute natürlich eine Erweiterung ihrer Geschäftstätigkeit durch neue und zahlreiche Kundschaft aus dem lothringischen Hinterland, die bis dahin keine Anbindung an Merzig hatte. Die Bahnstrecke sollte nach den Planungen am 1. April 1915 fertiggestellt sein.

Aufgrund des Kriegsausbruchs im Sommer 1914 erwies sich dies jedoch als ein aussichtsloses Unterfangen. So konnte die Bahnstrecke Merzig-Waldwiese-Bettsdorf tatsächlich offiziell erst am 1. November 1917 für den Personen- und Güterverkehr eröffnet werden, nachdem allerdings bereits ab Dezember 1916 die Strecke teilweise für den Güterverkehr freigegeben worden war.

Der Güter- und Personenverkehr zwischen Merzig und dem grenznahen lothringischen Gebiet hatte sich allem Anschein nach wohl schon während des Krieges, ungeachtet der hierdurch natürlich keineswegs herrschenden optimalen Bedingungen, durchaus positiv entwickelt. Allerdings mehrten sich bereits wenige Wochen nach dem Kriegsende die Zweifel, dass sich diese positive Entwicklung in Zukunft nahtlos fortsetzen würde. Diese Zweifel waren daraufhin von der Merziger Zeitung in einem Artikel Ende Januar 1919 dementsprechend thematisiert worden.

Dieser Artikel rief seinerseits wiederum eine entsprechende Reaktion hervor, die in einem Leserbrief artikuliert wurde, den die Merziger Zeitung am 27. Januar 1919 veröffentlichte. Darin wurde die Situation hinsichtlich der Bedeutung der Bahnstrecke nach Lothringen hinein ausführlich dargestellt und folgendes ausgeführt:

„Geehrte Redaktion! In Ihrer vorletzten Nummer sehen Sie hinsichtlich der Waldwieser Bahn und deren zukünftiger Bedeutung doch allzu schwarz. Die neue Bahn entspricht einer gesellschaftlichen Notwendigkeit und unabweisbaren Verkehrs- und wirtschaftlichen Bedürfnissen. Die ganze Bevölkerung zwischen Merzig – Waldwiese – Monneren – Dalstein – Kedingen – Endorf findet ihre natürlichen Bezugsquellen für Baumaterialien, Kohlen, Straßenbaumaterial, Kalk, künstlichen Dünger, Vieh, Wirtschaftsbedürfnissen aller Art usw. in der nächstgelegenen, geschäftlich und industriell leistungsfähigen Stadt Merzig mit Mettlach und Beckingen, mit denen für die nahen Lothringer Orte weder Metz noch Diedenhofen und ganz gewiss auch Sierck nicht konkurrieren können. Ebenso finden jene lothringischen Gemeinden von Waldwiese bis Launsdorf ab über Monnern nach Endorf – Kedingen ihren Absatz im aufnahmefähigen Saartal mit Merzig als Mittelpunkt, wohin die Lothringer Landwirte schon seit Jahren ihre Erzeugnisse gern und mit gutem Gewinn abzusetzen pflegten. So war ein blühender Güteraustausch nach und nach schon während des Bahnbaues neben dem Stückgut- und Personenverkehr ins Leben getreten, der sich nicht mehr aus der Welt schaffen lässt. Die Lothringer kommen gern nach Merzig und sind hier hochgeachtet und geehrt. Daran werden die politischen Verhältnisse nichts ändern, vorausgesetzt, dass unsere Geschäftsleute es verstehen, sich ihre zahlfähige Lothringer Kundschaft zu fesseln und durch entgegenkommende vorzügliche Bedienung an ihre Geschäfte zu binden, woran wir nicht zu zweifeln brauchen.“

Unterschrieben war dieser Leserbrief übrigens mit dem lateinischen Begriff „Civis“, d.h. „Bürger“, wodurch nicht klar wird, wer sich hinter diesem Begriff tatsächlich verbarg.

Was nach dem Bau und der Eröffnung der Bahnstrecke von Merzig nach Lothringen hinein im Hinblick auf ein Zusammenwachsen beziehungsweise Näherrücken der Stadt Merzig und ihrem lothringischen Hinterland in den letzten beiden Kriegsjahren zunächst durchaus hoffnungsvoll begonnen hatte, sollte dann jedoch schon bald aufgrund der herrschenden Zeitumstände tatsächlich wieder eine deutliche Verschlechterung erfahren, da der Anschluss Elsass-Lothringens an Frankreich, wie bereits erwähnt, ein wesentliches Kriegsziel der Alliierten dargestellt hatte und Lothringen wieder in den französischen Staatsverband und damit in das französische Zoll- und Währungssystem eingegliedert wurde.

Obwohl Lothringen bereits kurz nach dem Kriegsende faktisch daraufhin wieder dem französischen Staatsgebiet einverleibt worden war, hatte es zunächst durchaus noch den Anschein, als ob die Menschen aus dem lothringischen Grenzgebiet weiterhin noch nach Merzig kamen und hier durchaus auch gern gesehene Gäste und Kunden waren. Diesen Eindruck vermittelt zumindest der nachfolgende Artikel der Merziger Zeitung vom 8. November 1919, wenn dort gesagt wird:

„Man sieht wieder sehr viele benachbarte Lothringer in ihrem ‚lieben, alten Merzig‘. An der Grenze werden ihnen anscheinend wenig Schwierigkeiten gemacht. Sie dürfen aber weder hin noch her Waren bei sich führen; auch müssen sie sich einer genauen Leibesvisitation nach Gold- und Silbergeld unterziehen. Die alten bekannten Lothringer Freunde beleben die Wirtschaften und gehen in die Familien ‚maien‘. Sie werden dort empfangen, als sei nichts vorgefallen. Nach dem Frieden werden die Handelsbeziehungen beiderseits der Grenze gewiss wiederaufgenommen. Dann wird auch die Bahn Merzig–Bettsdorf ihre Frequenz wiedererlangen. Dieselbe war vor der Revolution schön in Schuss. Sie brachte samstags Hunderte von Lothringer Gästen, die viel Geld hierließen.“

Allerdings sollten sich die Hoffnungen und Erwartungen, was die Handelsbeziehungen zwischen Lothringen und dem Saargebiet betraf, nicht erfüllen, sondern mehr und mehr zu großen Problemen führen, als sich die Währungsparitäten zwischen der Mark und dem Franken immer stärker zugunsten der französischen Währung verschoben.

Überhaupt wurde den Menschen an der Saar und insbesondere im Kreis Merzig gegen Ende des Jahres 1919 immer mehr bewusst und für sie klarer sichtbar, dass ihnen das Jahr 1920 nichts Gutes bringen sollte.

Die politischen und wirtschaftlichen Folgen des Ersten Weltkrieges brachten der Saargegend, als am 10. Januar 1920 der Versailler Vertrag schließlich nach langen Verhandlungen in Kraft trat, dann alles in allem gesehen sehr einschneidende Veränderungen, die man direkt bei Kriegsende in ihrem gesamten Ausmaß sicherlich kaum für möglich gehalten hatte. Am 26. Februar 1920 übernahm die Regierungskommission im Namen des Völkerbundes die treuhänderische Verwaltung des Saargebietes. Nach einer Übergangszeit von fünf Jahren sollte das Saargebiet in das Französische Zollsystem eingegliedert werden.

Für den Kreis Merzig hatte die neue Grenzziehung zur Konsequenz, dass das Kreisgebiet in einen „Stammkreis“ und einen „Restkreis“ aufgeteilt wurde. Dem „Restkreis Merzig“ – oft fanden auch die Bezeichnungen „Restkreis Merzig-Wadern“ oder „Restkreis Wadern“ Verwendung – wurden die Bürgermeistereien Losheim, Wadern und Weiskirchen zugeschlagen. Die damaligen Bürgermeistereien Haustadt, Hilbringen, Merzig-Land und Mettlach bildeten zusammen mit der Stadt Merzig den Stammkreis.

Der Erste Weltkrieg brachte nicht nur verheerende und verlustreiche Gefechte in Schützengräben mit sich, sondern bedeutete für unseren Landkreis als Spätfolge auch dessen Aufteilung in zwei durch eine Grenze voneinander getrennte Gebiete. Foto: Deutsches Historisches Museum Berlin

Für die entlang dieser neu geschaffenen Grenze gelegenen Dörfer hatte dies die unmittelbare Folge, dass hierdurch Besuche oder Besorgungen in Nachbardörfern plötzlich nur noch nach vorherigem Passieren einer Staatsgrenze möglich waren. Doch war dies nur eine der sich überaus verheerend auswirkenden Folgen der Abtrennung des Saargebietes vom Deutschen Reich.