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Merzig-Wadern
Als die Armeen den Himmel eroberten

Ein britischer Bomber im Anflug. Mit Fliegerangriffen, insbesondere auf Industrieanlagen, aber auch zivile Ziele, in der Region sorgten die Kriegsgegner Deutschlands im ersten Weltkrieg für Unruhe in der Bevölkerung und destabilisierten die Situation im Kreis Merzig.
Ein britischer Bomber im Anflug. Mit Fliegerangriffen, insbesondere auf Industrieanlagen, aber auch zivile Ziele, in der Region sorgten die Kriegsgegner Deutschlands im ersten Weltkrieg für Unruhe in der Bevölkerung und destabilisierten die Situation im Kreis Merzig. FOTO: U.S. Air Force
Vor wenigen Tagen waren es genau 100 Jahre her, dass durch den Waffenstillstand im Wald von Compiègne am 11. November 1918 nach viereinhalb langen Jahren endlich die Waffen schwiegen und der Erste Weltkrieg zu Ende ging. In dieser Artikelserie soll nachgezeichnet werden, wie die Menschen in der Merziger Region das Kriegsende 1918 mit seinen dramatischen Umbrüchen erlebten.

Obwohl sich das eigentliche Kriegsgeschehen weit entfernt von der Heimat an der Front abspielte, blieben die Menschen in der Merziger Region keineswegs völlig von Kriegsgefahren verschont. Im Verlauf des Krieges war eine unglaubliche technische Entwicklung vor sich gegangen. Nicht zuletzt hatte es im Flugzeugbau rasante Fortschritte gegeben, die sich vor allem bei den Kampfflugzeugen bemerkbar machten.


Schon ab 1915 wurde das Industrierevier an der Saar wiederholt das Ziel feindlicher Luftangriffe. Die Fliegerangriffe des Ersten Weltkrieges besaßen natürlich noch lange nicht die Zerstörungskraft der Luftangriffe des Zweiten Weltkrieges. Auch galten sie in erster Linie allein den kriegswichtigen Industriebetrieben. Dabei kam es allerdings durchaus auch zu Opfern unter der Zivilbevölkerung. Bei einem beispielsweise am 25. August 1915 von 62 französischen Flugzeugen auf die Dillinger Hütte geflogenen Luftangriff fanden sechs Menschen auf dem Hüttengelände den Tod. Doch beschädigten abgeworfene Fliegerbomben auch Häuser im Stadtgebiet selbst.

Kampfflieger griffen auch im Sommer und Herbst 1918 häufig Ziele vor allem im Industrierevier an der Saar an. Dabei bildete nicht zuletzt die Dillinger Hütte ein oft angeflogenes Angriffsziel der feindlichen Flieger. Schon in ihrer Ausgabe vom 23. Mai 1918 druckte die Merziger Volkszeitung die folgende amtliche Meldung ab:



„Bei dem in der letzten Nacht erfolgten feindlichen Angriff auf Saarbrücken, Saarlouis, Dillingen, Forbach, Neunkirchen und Völklingen waren mehrere feindliche Flieger beteiligt. Außer äußerst geringem Sachschaden durch vereinzelt abgeworfene Bomben wurden jedoch einige Leute getötet oder verletzt. Die Mehrzahl dieser Leute hat sich am Fenster ihrer Wohnungen befunden, um dem Schauspiel einer feindlichen Fliegerbeschießung zuzusehen. Es wird daher nochmals eindringlich auf die wiederholt bekannt gegebenen Vorschriften über das Verhalten bei Fliegerangriffen hingewiesen. Ferner muss immer wieder hervorgehoben werden, dass Verdunkelung der beste Schutz ist.“

Auch der Dillinger Anzeiger prangerte in einem Beitrag vom 4. Juli 1918 das unzweckmäßige Verhalten vieler Stadtbewohner im Hinblick auf die Luftangriffe an:

„Die letzten Nächte brachten uns häufige Unterbrechungen der Nachtruhe durch Fliegeralarm. Es ist ganz natürlich dass hierdurch sich mehr und mehr eine Übermüdung der Bevölkerung bemächtigt. Umso mehr ist es nicht zu verstehen, warum an den hellen Abenden viele Kinder bis nach 10 Uhr auf der Straße bleiben und die Erwachsenen noch länger vor den Haustüren herumstehen, statt sich frühzeitig zu Bett zu legen. Wer dies schon um 9 Uhr oder früher tut, kann bis zum ersten Alarm, welcher in der jetzigen Jahreszeit nicht vor Eintreten der Dunkelheit, also 11 Uhr beginnt, bereits zwei bis drei Stunden gut geschlafen haben. Stattdessen hört man dauernd Lärm auf den Straßen, so dass auch diejenigen, die sich schon niedergelegt haben, hierdurch beunruhigt und wachgehalten werden. Auch wäre es richtiger, sich nicht wegen der Verdunkelung der Hütte bei Luftgefahr aufzuregen und dies laut auf der Straße zu besprechen, sondern den Alarm erst abzuwarten. Es kommt sehr häufig vor, dass der Alarm ausbleibt, so dass die Aufregung umsonst gewesen ist.“

Nachrichten über Fliegerangriffe beunruhigten auch die Menschen im Kreis Merzig. Allerdings war den Menschen im ländlichen Raum durchaus bewusst, dass die Gefahr, die von feindlichen Fliegern ausging, für sie bei weitem nicht so groß war wie für die Stadtbevölkerung in den Industriegebieten. Einem Eintrag in der Haustadter Schulchronik ist in diesem Zusammenhang folgendes zu entnehmen: „In letzter Zeit wird das Saargebiet schrecklich oft heimgesucht von Fliegern. Wir Haustadter ließen uns zuerst zu nächtlicher Stunde den Schlaf rauben, sobald die Dillinger Abwehrkanonen bummten. Jetzt sind die Leute hier gleichgültig dagegen, weil ihnen keine Gefahr droht.“

Am 19. August 1918 klagte jedoch auch die Merziger Zeitung über die Sorglosigkeit und den Leichtsinn der Merziger Bevölkerung:

„Trotzdem jeden Abend die drohende Fliegergefahr durch den Donner der Abwehrgeschütze angekündigt wird, gibt es immer noch Leute, die so tun, als ob es keinen Krieg für sie gäbe. Ohne Rücksicht auf ihre Mitbürger, die ihre Fenster ordnungsgemäß abblenden, lassen sie das Licht hell in die Nacht hinein leuchten. Man muss sich wirklich fragen, ob denn die Leute gar kein Verantwortungsgefühl, keinen Gemeinsinn mehr haben. So wurden in der Nacht von Freitag auf Samstag 16 hell erleuchtete Zimmer festgestellt. In weitaus den meisten Fällen waren sogar Fensterläden vorhanden, so dass nur Nachlässigkeit und Bequemlichkeit Schuld haben.“

Wenige Tage zuvor waren Bomben auf Schwemlingen niedergegangen, wie einer Notiz der Merziger Zeitung vom 15. August zu entnehmen ist, in der es heißt:

 „Vergangene Nacht wurde unser friedlicher Ort durch Bomben ‚beglückt‘. Zwei explodierten mit fürchterlichem Krach auf der Wiese zwischen Saar und Dorf, eine dritte war ein Blindgänger. Schaden hatten die Explosionen nur an den Fensterscheiben verursacht. Eine Stunde vorher gingen die Leute aus der Kinovorstellung nach Hause. War vielleicht der Saal um Mitternacht noch beleuchtet? Eine vierte Bombe soll auf die Besseringer Chaussee gefallen sein.“

Bei der hier erwähnten Kinovorstellung hatte es sich um eine Vorstellung der Wander-Lichtspiele des stellvertretenden Generalkommandos des XXI./XVI. Armeekorps gehandelt, das seinen Sitz in Saarbrücken hatte. Das stellvertretende Generalkommando war die für die Saarregion zuständige Militärbehörde. Während des Krieges oblag dieser Behörde sowohl die militärische als auch die zivile Befehlsgewalt. Man kann sich unschwer vorstellen, dass die Kinovorstellungen in erster Linie Propagandazwecken dienten. So wurden unter anderem Filme vom Kriegsgeschehen an der Front in Frankreich sowie vom Kampf der deutschen U-Boote auf hoher See gezeigt. Die Merziger Zeitung berichtete am 16. August 1918 aus Schwemlingen:

„Die Kinovorstellungen des Stellv. Generalkommandos am Dienstag und Mittwoch waren gut besucht. Auch aus den Nachbardörfern waren Zuschauer in großer Anzahl herangekommen. Mit dem Gebotenen war man überaus zufrieden. Auch die Kindervorstellungen waren gut besucht, die Saalfenster gegen das Tageslicht gut abgeblendet und auch abends war die Abblendung vollständig. - Nächsten Sonntag und Montag sind die Lichtspiele in Losheim zu sehen.“

An der Front in Frankreich entwickelte sich die militärische Lage für die deutschen Armeen, nachdem die Alliierten im Sommer ihre Gegenoffensiven begonnen hatten, immer bedrohlicher. Die Oberste Heeresleitung unter Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg und General Erich Ludendorff sah sich schließlich im September 1918 gezwungen, die deutschen Truppen auf die „Siegfried-Stellung“ zurückzunehmen.

Am 28. September 1918 vermeldete im Gegensatz dazu jedoch der tägliche Rapport des deutschen Großen Hauptquartiers ungefähr dasselbe wie in den Tagen und Wochen zuvor, nämlich „fortgesetzte schwere Angriffe“ des Feindes in Nordostfrankreich und Belgien, angeblich ohne nennenswerte Folgen. „Nach Abschluss der Kämpfe war der Feind überall in seine Ausgangsstellungen zurückgeworfen.“

Die Wirklichkeit sah dagegen ganz anders aus. Seit den großen Sommeroffensiven von Franzosen, Briten und Amerikanern desertierten nämlich Hunderttausende deutsche Soldaten oder befolgten ihre Befehle zumindest stillschweigend nicht mehr. Die Westfront war nicht länger eine ausgelaugte, aber halbwegs intakte Verteidigungslinie, sondern höchstens noch ein Spinnengewebe von unterbesetzten Stellungen, in denen demoralisierte Soldaten mehr schlecht als recht ausharrten.

In Ludendorff, der in seiner Funktion als Generalquartiermeister Chef des Generalstabs des deutschen Heeres war, reifte daraufhin mehr und mehr die Erkenntnis, dass Deutschland und seine Verbündeten den Krieg nicht mehr gewinnen konnten. Als am 29. September 1918 Kaiser Wilhelm im Großen Hauptquartier im belgischen Spa zur Lagebesprechung eintraf, sah die Oberste Heeresleitung den Zeitpunkt für gekommen, dem Kaiser reinen Wein über die tatsächliche Lage an der Front einzuschenken.

 Als Hindenburg und Ludendorff Wilhelm II. eröffneten, dass man unbedingt die Alliierten um Waffenstillstand ersuchen müsse, weil Deutschland am Ende seiner Kräfte angelangt sei, schlug dies buchstäblich wie eine Bombe ein. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die beiden Feldherren nämlich stets allein einem „Siegfrieden“ Deutschlands das Wort geredet. Forderungen, wie sie unter anderem die Sozialdemokraten erhoben hatten, zu einem Verständigungsfrieden mit den Alliierten zu gelangen, waren von der Obersten Heeresleitung stets unter Hinweis auf die militärische Stärke Deutschlands kategorisch abgelehnt worden.

Die Teilnehmer an der Lagebesprechung stimmten schließlich überein, sich mit ihrem Waffenstillstandsangebot nicht unmittelbar an Frankreich oder England zu wenden. Man befürchtete, dass diese beiden Mächte nicht dazu bereit waren, Deutschland einen ehrenvollen Frieden zuzugestehen. Dagegen hoffte man auf die Kongressbotschaft des amerikanischen Präsidenten Wilson vom 8. Januar 1918, in der dieser 14 von Deutschland und seinen Verbündeten zu erfüllende Punkte als Bedingung für den Abschluss eines Waffenstillstandes formuliert hatte. Unter anderem verlangte der amerikanische Präsident die Neuregelung der Kolonialfragen, die Räumung Russlands, die Räumung und Wiederherstellung Belgiens und der besetzten Gebiete Frankreichs sowie die Abtretung Elsass-Lothringens.

Wilson war darüber hinaus der Überzeugung, dass ein dauerhafter Friede nach den Prinzipien seiner vierzehn Punkte nur zwischen Staaten geschlossen werden könnte, deren Regierung Ausdruck der Volksmeinung seien. Dies hätte zunächst zur Konsequenz gehabt, dass in Deutschland eine parlamentarische Regierungsform hätte eingeführt und in Preußen das Dreiklassenwahlrecht beseitigt werden müssen.

Genau diese beiden Forderungen erhob Ludendorff nun gegenüber dem Kaiser. Obwohl formell Hindenburg unterstellt, war Ludendorff sicherlich als die treibende Kraft in der Obersten Heeresleitung anzusehen. Der Kaiser erklärte sich schließlich notgedrungen damit einverstanden, die Reichsregierung auf eine parlamentarische Grundlage zu stellen. Gleichzeitig stimmte er zu, die bisher von der Regierung ausgeschlossenen Sozialdemokraten und die Zentrumspartei, die im Reichstag die Mehrheit der Abgeordneten stellten, an den Staatsgeschäften teilnehmen zu lassen.

Kaiser Wilhelm (Mitte) mit Paul von Hindenburg (links) und Erich Ludendorff im Großen Hauptquartier im belgischen Spa.
Kaiser Wilhelm (Mitte) mit Paul von Hindenburg (links) und Erich Ludendorff im Großen Hauptquartier im belgischen Spa. FOTO: Süddeutsche Zeitung