Sebastian Krumbiegel spricht im Interview über Rassismus

Interview Sebastian Krumbiegel : In Sachsen gibt es nicht nur Idioten

Der Prinzen-Sänger Sebastian Krumbiegel spricht im SZ-Interview nicht nur über seine Kunst, sondern über schwere politische Kost.

Sänger, Aktivist und seit vergangenem Jahr auch Buchautor: Sebastian Krumbiegel, vor allem als Frontmann der Band Die Prinzen bekannt, stellt am Donnerstag, 18. Oktober, beim siebten saarländischen Literaturfestival sein Buch „Courage zeigen“ vor. Mit der SZ hat der Leipziger nicht nur darüber gesprochen, wann ihn mal der Mut verlassen hat, sondern sich auch Fragen zur politischen Situation in seiner Heimat Sachsen gestellt.

Hallo Sebastian, dein Buch heißt „Courage zeigen“. Gibt es einen Moment, wo du keine Courage gezeigt hast, wo dir der Mut mal gefehlt hat?

SEBASTIAN KRUMBIEGEL Unbedingt, danach hab’ ich gesucht. Ich wollte kein Buch schreiben, wo ich reinschreibe, was ich für ein toller und mutiger Kerl bin, weil ich das nicht bin. Ich hab’ viel geschrieben über die Zeit 1989 in Leipzig, als die friedliche Revolution war. Und da hab’ ich geschrieben, dass ich bei der eigentlich entscheidenden Montagsdemo, am 9. Oktober 1989, zu feige war hinzugehen. Ich hab’ die Woche vorher am Montag gesehen, wie die Polizei reingeknüppelt hat, wie die scharfen Hunde auf die Demonstranten gehetzt worden sind und wie die Leute abtransportiert wurden. Und es ging das Gerücht durch die Stadt, dass an diesem 9. Oktober die so genannte „chinesische Lösung“ praktiziert würde. Also das, was in Peking auf dem Platz des Himmlischen Friedens passiert ist, als Polizei und Armee eisenhart reingegangen sind, scharf geschossen wurde und Blut geflossen ist. Die Angst hatten wir alle in Leipzig. Und das hat mich dazu veranlasst zu sagen: „Nee, ich geh jetzt nicht hin.“ Das ist mir im Nachhinein natürlich total peinlich. Andererseits ist es auch ganz gut, das heutzutage zu erzählen. Viele Leute sagen: „Na, ihr mit eurer friedlichen Revolution, das war doch alles nur ein Spaß.“ Nee, es war kein Spaß. Wir hatten wirklich Angst. Und die Leute, die da am 9. Oktober auf der Straße waren, das waren echt mutige Menschen. Und ich war das eben nicht. Und nach solchen Situationen habe ich im Buch gesucht.

Es geht dir also vor allem um sozia­len Mut. Warum ist Zivilcourage heute notwendiger denn je?

KRUMBIEGEL Weil wir in bewegten Zeiten leben. Weil wir in Zeiten leben, in denen das, was für uns selbstverständlich geworden ist – erstens in Frieden zu leben und zweitens in einer Demokratie zu leben – das ist alles nicht mehr so selbstverständlich wie noch vor ein paar Jahren. Deswegen glaube ich, dass es heute wichtiger ist denn je, sich in irgendeiner Form zu bekennen. Und egal, ob man Musiker ist oder Journalist oder Taxifahrer oder an der Kasse bei Lidl oder Aldi sitzt, sollte man gucken, dass man nicht sagt: „Politik, damit hab’ ich nichts zu tun.“ Alles ist politisch, was wir tun. Wenn man sich anguckt, was heute wieder abgeht: Wenn heute Leute wieder „Heil Hitler“ schreien, und wenn heute wieder jüdische Restaurants überfallen werden – wir haben das alles schon mal erlebt und wissen aus der Geschichte, wo so was hinführt. Deshalb ist es für mich eine Pflicht, da eine klare Haltung zu haben und eben nicht zu sagen: „Das machen die da oben schon. Die sind sowieso alle doof, die Politiker.“ Nee, Demokratie ist was Aktives. Da müssen wir uns alle kümmern, dass das funktioniert. Und das geht damit los, wenn jemand in deinem Freundeskreis anfängt, von Kanaken oder von Negern oder von Schwuchteln zu reden, dass du denen sagst: „Hör mal zu, so nicht! So will ich nicht, dass du redest, und wenn du so redest, dann will ich nichts mit dir zu tun haben.“

Du machst dich stark gegen Rechts, hast da viele Engagements und du kommst aus Leipzig, was nur eine knappe Stunde von Chemnitz weg ist. Wie bewertest du das aktuelle Klima und die Geschehnisse der letzten Wochen dort?

KRUMBIEGEL Man muss den Spagat hinkriegen, nicht eine ganze Gegend in Generalverdacht zu nehmen. Man kann weder sagen, alle Ausländer, die zu uns kommen, verticken Drogen und sind Vergewaltiger, genauso wenig kann man sagen, alle Leute, die in Chemnitz wohnen, sind potenzielle Nazis und Ausländerhasser. Aber gerade Sachsen ist schon ein besonders heftiges Pflaster. Das hat auch eine Menge damit zu tun, wie die sächsische Landespolitik in den Jahren seit dem Mauerfall regiert hat. Da wurden die Probleme nie beim Namen genannt. Biedenkopf (von 1990 bis 2002 Ministerpräsident in Sachsen, Anm. d. Red.) hat damals gesagt, dass Sachsen immun gegen Rechtsradikalismus sei. Das war ein fataler Irrtum. Ich war oft dabei, bei den richtig fiesen internationalen Nazidemos am 13. Februar, dem Jahrestag der Bombardierung von Dresden. Wir haben versucht, Nazis zu blockieren, friedliche Sitzblockaden zu machen. Und wir, die wir uns friedlich dagegen gestellt haben, wir sind damals kriminalisiert, als linksradikal beschimpft worden. Ich habe daneben gestanden, als hunderte Leute „Deutschland, Deutschland über alles“ gesungen haben und gesehen, wie die Polizei daneben stand und nichts gesagt hat. Und diese Saat geht langsam auf.

Was kann nicht nur die Politik, sondern was kann jeder Einzelne tun, um die Situation wieder zu verbessern?

KRUMBIEGEL Ich glaube, es geht immer darum, den Dialog aufrechtzuerhalten und mit den Leuten, die mit sich reden lassen, zu reden. Natürlich ist das Problem, dass viele Leute schon so weit weg sind, dass sie gar nicht mehr mit sich reden lassen wollen. Und das hat verschiedenste Ursachen, etwa das Internet. Dass du dich viel in deinen Filterblasen befindest. Damit meine ich jetzt alle. Damit meine ich beide Seiten, sowohl Hardcore-Rassisten als auch die Hardcore-„Gutmenschen“. Wir reden immer übereinander. Wir reden über die, die reden über uns, dann beschimpfen wir uns gegenseitig. Und am Ende muss man miteinander reden. Das ist, glaube ich, das Wichtigste. Offen bleiben und eben auch versuchen zu sagen: „Okay, du hast eine andere Meinung als ich und trotzdem möchte ich mit dir reden.“ Wir tragen alle eine dunkle Seite in uns. Ich habe auch schon in irgendwelchen Situationen gemerkt, dass ich rassistische Gedanken hatte. Das geht eben vielen so. Und ich finde, dass es wichtig ist, so etwas zu merken, so etwas zu reflektieren und so was auch klar anzusprechen.

Was waren das für Situationen, in denen du rassistische Gedanken hattest?

KRUMBIEGEL Das beste Beispiel ist: Als mein Bruder in zweiter Ehe Kinder bekam, waren wir zur Taufe eingeladen – in der Kirche, in der meine Geschwister und ich auch getauft worden sind. Das war kurz nachdem in Frankreich irgendwelche Islamisten einen Priester mit einer Machete massakriert hatten. Das ging wahnsinnig durch die Presse. Wir warteten da also vor der Kirche. Unsere Familie war da, unsere Freunde, Bekannte, wir kannten uns alle. Und plötzlich kam ein dunkelhäutiger junger Mann durchs Tor und guckte sich etwas unsicher um. Und ich habe nur gedacht, also gerade gestern, war diese Nachricht aus Frankreich: „Scheiße, was will der jetzt hier?“ Ich hab’ voll den Film gefahren und irgendwie gedacht: „Was machst du jetzt?“ Er kam dann auf uns zu und fragte im feinsten Sächsisch: „Bin ich hier richtig bei der Taufe von Marie?“ Und da stellte sich heraus, dass das ein Klassenkamerad vom großen Sohn meines Bruders war, der hören wollte, wie mein großer Neffe zur Taufe Cello spielt. Da hab ich mich total geschämt: „Verdammt ey, du fängst auf einmal an, Filme zu fahren, nur weil jemand anders aussieht.“ Das ist unangenehm und echt peinlich. Und da können wir uns alle hinterfragen. Können wir alle bei uns selbst anfangen. Wenn wir ehrlich sind.

Du trittst heute immer noch mit den Prinzen auf. Es gibt ein Lied von euch: „Deutschland“. Das habe ich persönlich immer ironisch verstanden, mit einem Hauch Polemik? Welche Intention hatten die Prinzen beim Schreiben und bekommt der Song mit Textzeilen wie „Es kann jeder hier wohnen, dem es gefällt, wir sind das freundlichste Volk, auf dieser Welt“ heute einen anderen Beigeschmack?

KRUMBIEGEL Die Intention war schon die. Also da sind ja Teile dabei wie „Wir sind jederzeit für den Krieg bereit“ und „Wir sind besonders gut im auf die Fresse hau’n, selbst im Feuerlegen kann man uns vertrau’n“ und so was. Es geht irgendwie lustig los mit „Wetten, dass...“ und dann wird es aber immer heftiger. Wir singen das heute immer noch, wenn ich es heute ansage, dann bringe ich immer den Spruch, dass uns ein bisschen die Realität eingeholt hat. Es war, wie du selbst sagst, so eine Polemik. Und heute merkst du auf einmal: „Ey ist ja schon irgendwie nach wie vor extrem aktuell.“ Ich singe das heute mindestens genauso gern wie vor 17 Jahren. Wir waren jetzt beim Bürgerfest des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier im Schloss Bellevue. Da haben wir es auch gesungen. Und da habe ich gesagt, dass wir mit dem Lied auch schöne Grüße nach Chemnitz senden wollen und sagen wollen, da sind nicht nur Idioten. Da gibt es auch einen Haufen Leute, die auf der anderen Seite der Barrikaden stehen, sich ganz klar gegen den ganzen Nazischeiß positionieren, das finde ich auch eine wichtige Botschaft. Es gibt da eine Gegenbewegung und es gibt da sehr viele Leute, die das genauso ätzend finden, wie die, die aus West-Deutschland rübergucken und so tun, als ob es in Sachsen nur Idioten gäbe.

Genug der harten Politik, lass uns über die Kunst reden.

KRUMBIEGEL Für mich ist die Erkenntnis total wichtig, dass in dem Wort Unterhaltung das Wort Haltung drinsteckt. Wenn ich zu euch ins Saarland komme, komme ich mit Musik und trete ganz klar an, um die Leute zu entertainen, zu unterhalten. Ich will da keinen schweren, traurigen Betroffenheitsabend machen. Ich werde die Leute gut unterhalten. Ich werde sie zum Lachen bringen und ich werde sie nicht zum Weinen, aber vielleicht zum ernsthaften Nachdenken bringen. Das Schöne ist: Wenn du so einen kleinen Rahmen hast, hast du dann schon eine Art Zwiegespräch, du hast die direkte Reaktion der Leute. Du hast danach Gespräche. Ich will auch meinen Spaß haben an dem Abend und vor allem auch etwas lernen – schlauer aus dem Saarland herauskommen, als ich hingefahren bin.

Ist dieser enge Kontakt der Hauptunterschied zwischen Auftritten alleine und wenn du mit den Prinzen auf der Bühne stehst?

KRUMBIEGEL Wir haben bei den Prinzen-Konzerten schon auch mit den Leuten Kontakt, vor allem nach dem Auftritt, aber nicht so intensiv. Mit den Prinzen hast du immer die ganze Security und hast den Graben vor der Bühne. Und wenn ich alleine unterwegs bin, sind da 150 oder 250 Leute. Und da sind automatisch ein engerer Kontakt und ein intimeres Gefühl. Ich versuche immer, in den Städten zu bleiben und erst am nächsten Tag weiter zu fahren, und da bleibt man eben im Laden, kommt mit den Leuten ins Gespräch und das ist geil. Die Nähe und die Intimität sind wirklich enger als bei den Prinzen. Das genieße ich sehr.

Bist du eigentlich noch aufgeregt?

KRUMBIEGEL Immer. Also es ist nicht so, dass ich jetzt total hibbelig bin oder so. Aber ich weiß, dass es jeden Abend wieder so ist, dass es niemals am Publikum liegt, sondern dass es immer an dem liegt, der auf der Bühne steht. Und ich möchte mir die Leute holen. Wenn ich rausgehe und mir ist alles egal, das wäre ein Fehler. Du musst eine gewisse Grundspannung haben, du musst neugierig sein auf die Leute und ich möchte gerne, klingt pathetisch, aber ich möchte eigentlich gerne das Gefühl haben, an dem Abend vor Freunden zu singen. Weißt du, ich hab’ das Klavier, und ich hab das Buch, und ich hab ein Mikrofon. Das ist alles. Da gibt es keine Lightshow oder Nebel oder irgendwelche Effekte. Da gibt es wirklich nur diese 88 schwarzen und weißen Tasten auf dem Klavier und dann gibt es eben Texte, die ich vorlese, und Texte, die ich singe, und dann quatsch ich noch dazu. Ich hab da kein festes Programm, es ist immer ein bisschen anders. Gerade jetzt, wenn ich es eine Weile nicht gemacht hab’, ist das wieder alles neu, das ist spannend.

Gibt es in den ganzen Jahren als Musiker einen Moment, an den du immer wieder zurückdenkst?

KRUMBIEGEL Ein paar Momente. Als ich in eben aus Berlin herausgefahren bin, bin ich da vorbeigefahren, wo früher die Deutschlandhalle stand. Die Deutschlandhalle war eine riesengroße Halle. Auf unserer ersten richtig großen Tour haben wir die zwei Mal gefüllt, also an zwei Abenden vor jeweils 10 000 Leuten gespielt. Und da denke ich immer noch dran, wenn ich da vorbeifahre: „Hey, du warst irgendwie Mitte 20, war cool.“ Wir spielen nicht mehr vor 10 000 Leuten. Wir spielen jetzt vor 3000 oder 5000 Leuten. Und das ist auch cool. Aber wenn du das als junger Mensch erlebst, das ist schon ziemlich abgefahren. Auch so was wie mit Lindenberg Musik gemacht zu haben. Da lese ich auch eine Passage vor. Dass ich Lindenberg begleiten durfte, als der in Leipzig seine Stadien-Tour begonnen hat. Er und ich vor 50 000 Leuten. So was vergisst man auch nicht. Aber ich denke auch an manche Abenden vor 150 Leuten. Ein Highlight kann auch jetzt der Abend im Saarland werden. Das muss man sehen.

Was verbindest du mit dem Saarland?

KRUMBIEGEL Es sind nicht nur die Küche und der Wein, den ich liebe am Saarland. Auch die Mentalität, der französische Einfluss, das merkt man. Das ist was anderes als bei uns, und da komm ich hin, um zu lernen, und um klüger zu werden. Das sollte man, glaube ich, so machen. Wir sind auch anders sozialisiert. Ich liebe ja wirklich die Gegend. Ich bin oft in Saarbrücken, ich hab da auch ein paar Freunde. Ich merke dann immer wieder, logischerweise, ihr seid eben mehr Frankreich-affin. Ihr fahrt öfter mal nach Paris oder Straßburg, irgendwas, was bei euch in der Nähe ist. Und ich fahre von mir aus zwei Stunden nach Prag. Das ist ganz anders. Wir sind unterschiedlich. Und sollten trotzdem immer wieder darüber nachdenken, dass wir nicht permanent nach den Unterschieden suchen, sondern dass wir auch nach Gemeinsamkeiten suchen. Dann finden wir mehr Sachen, als wir uns vorstellen können.

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