Sabine Minninger setzt sich auf dem UN-Weltklimagipfel für Pazifikinseln ein

UN-Klimakonferenz : „Verhandlungen gelungen. Planet Erde tot!“

Sabine Minninger, die aus Reimsbach stammt, kämpft im Auftrag von „Brot für die Welt“ für die ärmsten und verletzlichsten Staaten.

Mitten im Südpazifik, wo Meer und Himmel nahtlos ineinander übergehen, ragen schmale grün-sandige Ringe aus dem paradiesischen Blau – der InselstaatTuvalu, flächenmäßig der viertkleinste Staat der Erde. Aber wie lange noch? Diese Frage stellt sich nicht nur Sabine Minninger. Die Saarländerin kämpft als Klimabeauftragte von „Brot für die Welt“ für die ärmsten und verletzlichsten Staaten dieser Welt. Für die, die der Klimawandel am härtesten trifft. Zwei Wochen lang hat sie beim UN-Klimagipfel in Kattowitz Verhandlungen besucht, mit Delegierten gesprochen „mit harten Bandagen gekämpft“ wie sie sagt. Und es war bitter, so ihr Fazit.

Mehr als 32 000 Politiker, Fachleute, Aktivisten, Journalisten und Wirtschaftsvertreter haben sich vom 2. bis 15. Dezember in Polen getroffen und über Klimapolitik gesprochen, gestritten, diskutiert. Heraus kam vor allem eins: Die Beteiligten einigten sich auf Spielregeln, die die Umsetzung des Pariser Abkommens von 2016 konkret machen. Grundlage dafür war unter anderem ein Bericht, den Wissenschaftler aus aller Welt vorgelegt haben. Demzufolge kann und sollte die Erderwärmung mit radikalen Maßnahmen auf 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Niveau begrenzt werden. Dieser Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) der Vereinten Nationen sei vor allem von den USA, Russland, Saudi Arabien und Kuwait infrage gestellt worden, sagt die 42-jährige Diplom-Geografin, die aus dem Beckinger Ortsteil Reimsbach stammt. Immer wieder wurde gesagt „No, we don’t like it“ – wir möchten diesen Bericht nicht. Minninger sagt es drastisch: „Dieser Bericht entscheidet in Tuvalu über Leben und Tod.“

Zyklon Pam hat 2015 Tuvalu getroffen. Die Flutwellen haben große Schäden auf den Inseln im Südpazifik verursacht. Foto: Sabine Minninger

Seit rund 15 Jahren arbeitet Sabine Minninger intensiv mit den besonders betroffenen Regionen der Welt zusammen. Regelmäßig besucht sie die Menschen vor Ort, etwa auf den Inseln im Südpazifik. Fidschi etwa oder Tuvalu, dessen Premier sie in Kattowitz wiedertraf. Die Menschen dort brauchen keinen Weltklimabericht. Sie erleben die Veränderungen. Intensivere Stürme suchen die Insel heim. Der Meeresspiegel steigt an. Den Umgang mit den Opfern der Erderwärmung beim Gipfel in Polen hat Minninger öffentlich als „Beleidigung“ betitelt. Klimabedingte Schäden und Verluste, Minningers Aufgabenbereich, war zunächst nur in eine Fußnote im Text zur globalen Bestandsaufnahme gerutscht. Nach ihrer öffentlicher Empörung hat Entwicklungsminister Gerd Müller die Initiative ergriffen. Nun enthält der Haupttext den Aufruf, sich um das Thema zu kümmern. Und das ist akut: Auf Fidschi mussten einige Dörfer bereits umgesiedelt werden. Bei 800 Dörfern steht die Umsiedlung noch aus, sagt Minninger. „Fidschi verfügt über höher liegendes Land, das heißt, die Dörfer werden bergaufwärts umgesiedelt. Das ist eine Wahnsinnsaufgabe für den Staat Fidschi, der damit überfordert ist“ – finanziell und technisch, das weiß sie aus erster Hand. In Tuvalu ist die Lage noch ernster. Der zum Commonwealth gehörende Inselstaat liegt im Durchschnitt nur 1,50 Meter über dem Meeresspiegel. Es gibt nur die Atolle, ringförmige Riffs umzingelt vom mittlerweile bedrohlichen Wasser. „In Tuvalu wird man darüber nachdenken müssen, langfristig umzusiedeln“, sagt Minninger. „Die Menschen dort möchten das auf gar keinen Fall!“ Sie setzen auf die Weltklimapolitik, hoffen auf drastische Treibhausgasreduktion, „sonst werden sie bis Mitte des Jahrhunderts umsiedeln müssen. Und das ist nicht mehr weit weg, noch 30 Jahre“. Besonders bitter sei dies für die Ur-Bevölkerung. Deutlich macht das Minninger an einem Beispiel: Kommt ein Kind auf die Welt, wird die Nachgeburt neben der Hütte vergraben, darauf eine Kokospalme gepflanzt. Viel Kult werde gelebt in Bezug auf den Boden, den die Insulaner bewohnen. „Undenkbar für die Bewohner, dass Tuvalu langfristig im Pazifik versinken wird.“

Sabine Minninger spricht auf dem Weltklimagipfel in Kattowitz mit dem Premierminister von Tuvalu, Enele Sopoaga. Foto: Sabine Minninger

Und wo sollten sie dann hin? „Es gibt kein Völkerrecht, das Klima­flüchtlinge schützt“, moniert Minninger. Es müsse einen Schutzstatus geben, „damit die Menschen aus Tuvalu, egal wo sie hingehen, in ihrem Pass immer stehen haben, dass sie Menschen aus Tuvalu sind. Und nicht Australier werden, zum Beispiel.“ Es sei gut, dass Deutschland während des Kattowitz-Gipfels in Marrakesch den UNO-Migrationspakt angenommen hat, „der erste gobale Pakt, der den Klimawandel als Migrationsursache anerkennt. Aber das ist noch kein Völkerrecht. Das ist freiwillig umzusetzen von den Staaten.“ Das ist auch ihre Kritik am gesamten Gipfel. Zwar hätten die Verhandlungen in Kattowitz am Ende dazu geführt, dass recht robuste Regeln aufgesetzt worden sind für die Umsetzung des Pariser Abkommens. „Das ist gelungen. Und da kann ich jetzt ein Fazit ziehen: Verhandlungen gelungen. Planet Erde tot.“ Es seien eben nur Regeln. „Kein Mensch ist gezwungen, die anzuwenden. Wir haben keinen Sanktionsmechanismus. Wenn Deutschland weiter nicht aus der Kohleverstromung aussteigen will, ist es halt einfach so. Da kann kein Mensch was dran ändern.“ Und der Kohleausstieg muss Deutschland bis 2030 gelingen, um die 1,5 Grad Marke einzuhalten, das geht aus einem Sonderbericht des IPCC hervor. Die Ereignisse im Hambacher Forst vor Augen – ein Ziel, das weit weg scheint. „Diese Befürchtungen teile ich auch, aber ich bin zuversichtlich, dass der Druck aus der Gesellschaft wächst. Die Vernunft reift, dass wir einen wirksamen Klimaschutz in Deutschland brauchen. Ich bin zuversichtlich, dass die Politik da nicht mehr länger rumzögern kann, sondern handeln muss.“ Und dann ist es auch realistisch, Tuvalu noch zu retten? Es sei möglich, den Klimawandel einzudämmen, findet Minninger. „Es ist für uns machbar, von heute auf morgen aus der Kohleverstromung auszusteigen. Es fehlt nur am politischen Willen.“ Realistisch sei zudem folgendes Bild: „Dass wir die Klimaschäden, die auf uns zukommen, nicht mehr zahlen können – jetzt schon verursacht der Klimawandel im Jahr 300 Milliarden US-Dollar ökonomische Schäden.“ Schreitet er weiter voran, werden die Schäden alles an Kosten auffressen, was eine Energiewende jemals gekostet hätte, so die Prognose der Geografin. „Klimaanpassung ist vier Mal billiger als die Schäden zu bezahlen. Da frage ich mich: Was ist los mit unseren Politikern? Können die nicht rechnen? Oder sind sie blind?“

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