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Pianist Joseph Moog
„Eine Gratwanderung zwischen Herz und Kopf“

Zu seinem Repertoire gehören auch seltene oder in Vergessenheit geratene Werke, mit denen sich Pianist Joseph Moog international einen Namen gemacht hat.
Zu seinem Repertoire gehören auch seltene oder in Vergessenheit geratene Werke, mit denen sich Pianist Joseph Moog international einen Namen gemacht hat. FOTO: Thommy Mardo
Der Ludwigshafener Pianist gibt Konzerte auf der ganzen Welt. Im September gastiert er in Luxemburg. Die VHS organisiert eine Fahrt. Von Teresa Bauer

Ihre Eltern sind ebenfalls Musiker. Ihre Mutter ist Violinistin, Ihr Vater spielt Klarinette. Wann und wie sind Sie zum Piano gekommen?


JOSPEH MOOG: Das war, als ich drei oder vier Jahre alt war und meine Eltern für ihre Kammermusikproben einen Flügel kauften. Noch heute weiß ich, wie das Instrument geliefert wurde und kann mich an die Mischung aus Neugier, Faszination und Respekt erinnern, die ich verspürte, als der Blüthnerflügel schließlich im Wohnzimmer stand. Schon begann ich darauf zu spielen und ahmte Gehörtes nach, so gut es denn ohne Technik und Unterricht möglich war. Mich begeisterte sofort der einzigartige Klang und die Vielstimmigkeit des Klaviers gegenüber allen anderen Instrumenten. Es dauerte einige Jahre, bis mein Vater mir das Notenlesen beibrachte und bis ich den ersten Unterricht bekam. Der Schlüsselmoment war aber die Begegnung als Kleinkind mit dem Flügel.

Zu Ihrem Repertoire gehören auch weniger bekannte Stücke und Komponisten. Was reizt Sie daran?



MOOG: Schon früh begann ich,  Noten, Aufnahmen und auch Bildmaterial, Bücher, Schallplatten und andere Artikel zu sammeln. Meine Sammlung wächst immer weiter und ich bin fasziniert vom Umfang des Klavierrepertoires. Obwohl ich persönlich nicht zwischen Bekanntem und Unbekanntem unterscheide, ist es mir wichtig, meine Entdeckungen mit dem Publikum zu teilen. Natürlich hoffe ich darauf, weniger populären Werken Gehör zu verleihen, denn die enorme Vielfalt und schiere Menge an zu Unrecht vernachlässigten Kompositionen ist gigantisch.

Ihre Sammlung umfasst nahezu 60 000 Gegenstände. Welcher ist der seltenste oder interessanteste?

MOOG: Das ist sehr schwer zu sagen, denn in der Sammlung finden sich zahlreiche Manuskripte, seltene Bücher und Aufnahmen. Ganz besonders stolz bin ich auf einige handgeschriebene Briefe des großen Pianisten Dinu Lipatti, auf ein Manuskript von Walter Gieseking oder auf eine Schallplatte mit Originalinterpretationen von Godowsky oder Skrjabin.

Haben Sie einen Lieblings-Komponisten? Ein Lieblings-Stück?

MOOG: Diese Frage ist für mich sehr schwer zu beantworten, weil Musik so unheimlich viele Gestalten und Charaktere hat, weil es auch sehr stimmungsabhängig ist, welche Art von Musik man hören möchte. Wenn ich einen für mich besonders bedeutsam Komponisten hervorheben müsste, würde ich Alexander Skrjabin wählen. Seine Klangwelten üben eine nahezu magische Anziehung auf mich aus und regen in mir die Frage an, wie es jenseits des menschlichen Kenntnisbereiches und auch nach dem Tod aussehen könnte. Diese sphärische, hypnotische Tonsprache findet sich ganz besonders in seinen Orchesterwerken, im „Poème de l‘extase“ und in „Prométhée“, eine symphonischen Dichtung basierend auf der Prometheus-Legende.

Eine Lieblings-Epoche?

MOOG: Meine Lieblings-Epoche kann ich nicht benennen, denn meine Begeisterung reicht von Monteverdi und Scarlatti bis in die zeitgenössische Musik. Faszinierend finde ich immer wieder, dass die Schöpfer des Barock und der Wiener Klassik trotz der damals im Vergleich zu heute eingeschränkten stilistischen Möglichkeiten ihren komplexen Emotionen Ausdruck verleihen. Verblüffend dabei ist, dass Einschränkungen, Kompositionsregeln und andere limitierende Faktoren die Kreativität in dieser Zeit vielleicht noch mehr herausgefordert haben als heute, wo alles denkbar ist.

Hat sich Ihr Interesse im Laufe Ihrer Karriere geändert?

MOOG: Meine Interpretationen, mein Spiel und meine musikalische Wahrnehmung haben sich laufend verändert und werden sich ebenso in Zukunft verändern, wie auch die verschiedenen Facetten der Persönlichkeit. Diese Veränderungen sind die entscheidenden Entwicklungen, die man untrennbar als Künstler und Mensch gleichermaßen vollzieht. In letzter Zeit erfreue ich mich immer mehr daran, dass die Musik ihren Zauber trotz aller Forschung und Werkanalyse nie verliert, sich nie besitzen lässt. Wir alle leihen uns während der Interpretation große Meisterwerke, letztlich bleiben sie aber zeitlos und geben ihre Geheimnisse nicht preis. Das finde ich wundervoll!

Sie wurden mit zahlreichen internationalen Preisen geehrt, wie dem Gramophone Classical Music Award 2015 als „Nachwuchskünstler des Jahres“ und dem International Classical Music Award 2014 als „Instrumentalist des Jahres“. 2016 wurden Sie für einen Grammy nominiert. Verspüren Sie einen gewissen Druck, oder spornen Sie solche Ehrungen nur noch mehr an?

MOOG: Ich freue mich sehr über jede einzelne dieser Auszeichnungen, denn ihnen liegen Herzensprojekte zu Grunde, Teile des so genannten Lebenswerks. Es zeigt mir, dass ich die Menschen erreichen kann und dass ich mit meiner Begeisterung für das umfassende Klavierrepertoire nicht alleine bin. Was gibt es Schöneres, als Entdeckungen in Form von Kunstwerken mit anderen zu teilen? Je älter ich werde, desto fremder wird mir der kommerziell-sportliche Vermarktungsstil – nicht nur, aber besonders in Bezug auf die Künste, allen voran die Musik. Dabei meine ich nicht nur die Klassik, sondern auch den Jazz und größtenteils auch die Popmusik. Der heutzutage omnipräsente und vielbeschworene Druck bringt uns nicht weiter, denn jeder, der etwas erreichen will, muss Widerstände überwinden, ganz gleich auf welchem Gebiet. In der Kunst empfinde ich Druck als kontraproduktiv.

Welche Akzente versuchen Sie bei Ihren Konzerten zu setzen? In vielen Kritiken werden Sie für Ihre technische Brillanz, Ihr atemberaubendes Tempo und einen enormen Spannungsaufbau von Anfang bis Schluss gelobt.

MOOG: Mir ist es wichtig, die Intentionen des Komponisten nicht zu missachten, aber innerhalb seiner Tonsprache an den Rand der Extreme zu gehen. Ich möchte in punkto Dynamik, Tempoführung und Gestaltungsfreiheit eine Fülle von Details vermitteln, die vielleicht so vorher noch nicht gehört worden ist. Dabei finde ich es wichtig, lange Spannungsbögen zu kreieren und nie den Zusammenhang aller Elemente innerhalb eines Werks zu verlieren. Es ist immer eine bipolare Gratwanderung zwischen Emotion und Intellekt, zwischen Herz und Kopf, wenn man so will zwischen Genie und Wahnsinn.

Manche Musiker blenden bei ihren Konzerten ihre Umgebung komplett aus, andere saugen die Atmosphäre regelrecht auf. Wie ist es bei Ihnen?

MOOG: Die Atmosphäre während der Konzerte ist ein Phänomen. Es ist ein nicht greifbares Etwas, das unvorhersagbaren Einfluss auf alle Anwesenden nimmt, und genau hier liegt die Faszination eines Liveauftritts. Obwohl ich ein eher introvertierter Typ bin, versuche ich mich immer dem Moment zu öffnen und das Publikum auf eine Reise zu anderen Welten mitzunehmen. Ich denke, genau das ist der Sinn und Zweck eines Konzerts, und es gibt im Idealfall durchaus Parallelen zum Traumzustand oder zur Meditation.

Und wie ist es bei Ihren Alben? Anders als bei Konzerten gibt es da ja die Möglichkeit, Aufnahmen zu wiederholen.

MOOG: Bei Aufnahmen hat man selbstverständlich ganz andere Möglichkeiten als im Konzert. Demnach ist es – vergleichbar mit der Produktion von Filmen – immer die Chance, die Idealversion seiner Interpretationen zu verwirklichen. Das beginnt bereits bei der Auswahl des Saals, des Instruments und des Repertoires. Dabei geht es nicht um die Möglichkeit, Gespieltes zu Korrekturzwecken zu wiederholen, sondern darum, sich selbst von außen zu hören und zu vergleichen: Ist das gerade Aufgenommene wirklich das, was ich in mir drin höre?

Sie sind 29 und haben schon elf CDs veröffentlicht. Erzählen Sie mir etwas über Ihr neuestes Album.

MOOG: Meine neueste Aufnahme wird im Herbst erscheinen und ist ganz den beiden französischen Meistern Claude Debussy und Maurice Ravel gewidmet. 2018 jährt sich Debussys Todestag zum einhundertsten Mal, weshalb es für mich der perfekte Zeitpunkt war, seine „Douze Etudes“ aufzunehmen, die zu seinen modernsten und zukunftsweisenden Kompositionen zählen. Wenn man diesen Zyklus hört, findet man zahlreiche Inspirationsquellen für Messiaen oder Dutilleux wieder. Zur Vervollständigung habe ich eben so seine „Etude retrouvée“ eingespielt, die ursprünglich zum Werk gehörte, später aber verworfen wurde. Ravel ist auf der CD mit „Gaspard de la nuit“ vertreten, den ich nach 15 Jahren Bühnenerfahrung unbedingt aufnehmen wollte und ich freue mich, dass diese beiden großen Stücke einen so reizvollen Kontrast bilden.

Am 30. September gastieren Sie in der Philharmonie Luxemburg. Dirigentin des Konzerts ist Shiyeon Sung. Aufgeführt wird das 5. Klavierkonzert von Camille Saint-Saëns – ein Werk, das viele vielleicht noch nicht kennen. Was erwartet das Publikum?

MOOG: Auf das Konzert in Luxemburg freue ich mich aus mehreren Gründen ganz besonders. Zum einen gehört die Philharmonie zu meinen Lieblingssälen, zum anderen wird es das erste Mal sein, dass ich mit einer Dirigentin auftrete. Ich bin extrem gespannt auf diese Zusammenarbeit mit dem Orchestre de Chambre de Luxembourg und bin sicher, dass das „ägyptische Klavierkonzert“ von Saint-Saëns für das Publikum zu einer echten Entdeckung wird. Innerhalb seiner Klavierkonzerte ist das 5. sicherlich das prägnanteste, denn Saint-Saëns hat hier mit großer Meisterschaft Klangeffekte aus dem Orient integriert. Seine persönliche Affinität zum nahen und fernen Osten verleiht dem Stück eine dezente Exotik und erinnert mich immer wieder an den Gang durch ein Pariser Museum.

Die Fragen stellte
Teresa Bauer

Elf Alben hat der 29-Jährige bereits veröffentlicht.
Elf Alben hat der 29-Jährige bereits veröffentlicht. FOTO: Thommy Mardo