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Perl
Virtuelle Reisen tief unter die Erde

Die Besucher probieren die Virtuelle Realitätsbrille (Virtual-Reality-Brille, kurz VR-Brille) in der digitalen Landesausstellung im Schengen-Lyzeum in Perl aus.
Die Besucher probieren die Virtuelle Realitätsbrille (Virtual-Reality-Brille, kurz VR-Brille) in der digitalen Landesausstellung im Schengen-Lyzeum in Perl aus. FOTO: Tina Leistenschneider
Perl. Im Schengen-Lyzeum bot sich im Rahmen einer Landesausstellung die Möglichkeit zu Bergbau-Erkundungen mit Virtual-Reality-Brille.

Der Schacht ist eng, kaum beleuchtet. Maschinen laufen hier unten, bauen die Kohle ab. Ein Fließband transportiert sie zu einer Sammelstelle. Die Szenerie wirkt so echt, dass man die Kohle beinahe riechen, die abgestandene Luft schmecken und die stickige Hitze unter der Erdoberfläche spüren kann. Ich drehe den Kopf nach links, betätige einen Knopf an meiner Brille und gehe weiter. Im nächsten Durchgang lehnen die Werkzeuge der saarländischen Bergmänner an der Wand, ich erkenne an seiner meißelartigen Spitze das Bergeisen und einen Schlaghammer. Instinktiv strecke ich die Hand aus, möchte das Werkzeug anheben, fühlen wie schwer es in der Hand liegt. Mein Griff geht ins Leere, findet das Werkzeug nicht, das ich doch direkt vor mir sehen kann. Unerwartet wird mir schwarz vor den Augen und ein weißer Schriftzug weist darauf hin, dass die Filmvorführung vorbei ist.


Als ich die große Brille ablege, befinde ich mich nicht mehr im Lehrstollen des Erlebnisbergwerks Velsen, sondern im Schengen-Lyzeum in Perl. Bei der Brille, die ich zuvor trug, handelt es sich um eine so genannte VR-Brille. „VR“ steht für Virtual Reality, zu deutsch virtuelle Realität. Sie ist Bestandteil der virtuellen Landesausstellung zum Jubiläum „250 Jahre Bergbau im Saarland“, die von der saarländischen Staatskanzlei und der RAG-Stiftung veranstaltet wird. Wer an das Saarland und dessen Geschichte denkt, kommt um den Bergbau nicht herum. Doch heute haben insbesondere junge Menschen den Bezug dazu verloren. Daher reist die Ausstellung „Das Erbe on Tour“ durch das Saarland und gezielt an die Schulen. Um diesen Teil der Geschichte digital erlebbar zu machen, kommen Tablets, Smartphones und VR-Brillen zum Einsatz. Damit soll nach Ansicht des Veranstalters zugleich die Medienkompetenz gefördert und dieser Teil der saarländischen Kultur vermittelt werden.

An acht Lernstationen werten Schüler anhand von Fotografien und Dokumenten die Lebensbedingungen in den Anfängen des Bergbaus aus, recherchieren zu Fachbegriffen, erleben die Entwicklung der Grubenlampe von Beginn an mit und lernen berühmte Personen des Saar-Bergbaus, wie Jean Baptiste Duhamel und Leopold Sello, kennen. Zum Abschluss entdecken die Schüler mit den VR-Brillen einen Grubenstollen von innen und fahren virtuell selbst unter Tage.



Unter dem Titel „Kaffee, Kuchen und Glückauf“ hat die CEB-Akademie mit dem Veranstalter einen Senioren- und Familiennachmittag im Schengen-Lyzeum organisiert, um über den Saar-Bergbau zu informieren und miteinander ins Gespräch zu kommen. Betreut wird die Ausstellung von zwei Referenten der Landesmedienanstalt (LMS), die bei Fragen rund um die Technik zur Verfügung stehen. Das Aufeinandertreffen von zwei Generationen in der Ausstellung sei dabei immer wieder spannend, erzählt Jennifer Reichert, Referentin der LMS: „Am Morgen kommen die Schüler, die die Medienkompetenz, aber nicht das Fachwissen besitzen. Am Nachmittag kommen Besucher, denen vielleicht die Medienkompetenz fehlt, aber bei denen das Wissen da ist.“

Wie verbunden die Saarländer mit dem Bergbau sind, beweist Hans Braun. Der Rentner arbeitete 20 Jahre im Bergwerk Jägersfreude und weiß aus eigener Erfahrung, wie mühsam die Arbeit als Bergarbeiter war. „Es war unmenschlich, da zu arbeiten“, berichtet er. Schon als 14-Jähriger musste er in das „schwarze Loch“, wie er es nennt, um dort seine Ausbildung zu beginnen. In den engen und dunklen Schächten des Stollens musste er zentnerweise Holz und Kohle tragen. Sein Vater nahm ihm das Versprechen ab, Steiger zu werden, was Hans Braun mit viel Fleiß und Einsatz auch Jahre später wurde. Das Schlimmste für ihn sei es gewesen, bei schönem Wetter acht Stunden im Bergwerk zu arbeiten, dazu kamen noch je eine Stunde für die Ab- und Auffahrt. Über die starke Verbundenheit der Bergmänner gerate er immer wieder ins Schwelgen und erzählt, dass sich die Arbeiter damals Spitznamen zu ihren jeweiligen Charaktereigenschaften gegeben haben. „Manche hießen dann ‚Jupp‘, ‚Bausenbacher‘ oder ‚Knochenbrecher‘“, sagt Hans Braun lachend. „Da wusste man irgendwann nicht mehr, wie der beste Kumpel hieß.“ Ein Ereignis sei ihm noch besonders gut in Erinnerung, nämlich als er und seine Kumpanen beinahe verschüttet wurden. „Wir waren im Stollen, und auf einmal rieselte die Erde auf uns runter“, schildert er den Vorfall, bei dem er einem seiner Freunde das Leben retten konnte. „Wegen des Staubs habe ich ihn beinahe nicht erkannt“, erzählt Braun und erklärt, wie er seinem Kumpan unter die Arme griff und ihn in Sicherheit brachte. Danach entschied sich Braun für einen anderen Berufsweg und wurde Betriebsleiter im Kohlekraftwerk. „Ich habe die Kohle verbrannt, die ich abgebaut habe“, scherzt er.

Für Walter Stolz hatte der Bergbau als Kind ebenfalls etwas „Abenteuerliches“, erzählt er. Sein Großvater war lange Bergmann in St. Ingbert und hat zu Beginn seiner Laufbahn noch ohne Helm unter Tage gearbeitet. Er selbst wollte auch Grubenarbeiter werden, doch schon damals wurden die Zukunftsaussichten schlechter, und nach dem Grubenunfall in Luisenthal im Jahr 1962 war es ihm zu unsicher. „Man hat immer mit dem Tod gelebt, denn man wusste nie, ob die Bergmänner wieder hochkommen“, sagt Walter Stolz. Nichtsdestotrotz ist er als junger Mann am Tag der offenen Tür einmal selbst mit nach unten gefahren. „Ich wollte immer wissen, wie man dort gearbeitet hat“, sagt er.

Einmal selbst mitfahren war auch für Beatrix Meier ein lang ersehnter Wunsch. „Ich wollte immer einmal sehen, wie mein Vater im Bergwerk gearbeitet hat“, sagt sie, doch er habe sie nie mitgenommen. Der Grubenunfall in Luisenthal betraf sie damals persönlich, denn sowohl ihr Schwiegervater als auch ihr Schwager kamen dabei ums Leben. Die virtuelle Landesausstellung besuche sie, um ihr Wissen aufzufrischen und um „mich in meine Jugend zurückzuversetzen“, sagt sie. Sie nimmt die Ausstellung als Anreiz, sich auch in Zukunft wieder näher mit dem Thema zu beschäftigen und das Erlebnisbergwerk Velsen selbst einmal zu besuchen.