SZ-Serie über Museen im Saarland stellt Europa-Museum in Schengen vor

Kostenpflichtiger Inhalt: Serie Museen im Saarland : Als ein kleiner Moselort Geschichte schrieb

Das Europa-Museum in Schengen erinnert an die Anfänge der Europäischen Union und bringt deren Errungenschaften näher.

Werktags mit dem Auto nach Luxemburg zur Arbeit, am Wochenende frische Backwaren in Frankreich kaufen und im Urlaub bequem und weitgehend ohne Passkontrollen durch Europa fahren – das Sich-Fortbewegen innerhalb der Europäischen Union (EU) ist seit 1985 für EU-Bürger eine Leichtigkeit geworden. Jedes Jahr unternehmen Europäer 1,25 Milliarden Reisen innerhalb des sogenannten Schengen-Raums. Keine zeitraubenden Grenz- und Personenkontrollen an den Binnengrenzen behindern mehr die freie Bewegung zwischen den gegenwärtig 26 europäischen Staaten des Schengen-Gebiets. Davon profitieren insbesondere die Bewohner des Saar-Lor-Lux-Dreiländerecks rund um Perl.

Ermöglicht hat diese enorme Freizügigkeit das erste Schengener Abkommen, das am 14. Juni 1985 auf der Mosel an der Anlegestelle in Schengen auf dem Fahrgastschiff „MS Princesse Marie-Astrid“ von den Staatssekretären der Benelux-Staaten (Belgien, Niederlande, Luxemburg), Frankreich und Deutschland unterzeichnet wurde. Wieso auf einem Schiff? „Man wusste keinen anderen Ort, wo man das Abkommen unterzeichnen konnte“, berichtet Martina Kneip, Direktorin des Europäischen Museums in Schengen. „Schengen ist ein kleiner Ort mit über 600 Einwohnern, liegt aber genau im Dreiländereck“, sagt Kneip. Und zwar genau gegenüber von Perl, die beiden Dörfer werden durch eine Brücke miteinander verbunden. Darum entschied man sich dafür, die Unterzeichnung auf Grenzfluss Mosel durchzuführen. Häufig werde sie gefragt, wo genau der Dreiländerpunkt in Schengen liege, sagt Kneip. „Deswegen haben wir vor ein paar Jahren eine Boje ins Wasser gelassen, die diese Stelle anzeigt“, erzählt die Direktorin.

Das Europäische Museum in Schengen informiert über die Geschichte rund um das Schengener Abkommen. 25 Jahre nach der Unterzeichnung, am 13. Juni 2010, eröffnete das Museum. Architekt des markanten Gebäudes, das direkt am Moselufer liegt, ist François Valentiny, der dem Theater am Ring in Saarlouis zu seinem heutigen außergewöhnlichen Stil verhalf.

Wer sich dem Europäischen Museum nähert, merkt schnell: Nach Schengen zu kommen, fühlt sich wie ein Besuch der Wiege des grenzenlosen Europas an, so begrüßt auch das Willkommensschild am Ortseingang seine Besucher. Sofort wird klar: Schengen ist das Herz des Dreiländerecks wie auch Europas, das Zentrum des europäischen Grundgedankens. Drei Säulen mit 26 Sternen zieren den Place des Étoiles (Platz der Sterne) vor dem quadratischen Gebäude des Museums. Ob Elche oder Trolle aus Schweden und Norwegen, die schwarze Katze auf dem Dach aus Riga, das Brandenburger Tor aus Berlin oder die Christus-Statue aus Lissabon – alle Sterne greifen mit verschiedenen bekannten Ornamente die Wahrzeichen der Mitgliedstaaten des Schengen-Gebiets auf und repräsentieren diese. Daneben wehen alle 26 Flaggen der Schengen-Mitgliedsstaaten im Wind, 22 von ihnen sind auch Teil der EU.

In Anlehnung an das Ausflugsschiff „Princesse Marie-Astrid“, die zwischenzeitlich verkauft wurde und heute auf dem Rhein fährt, liegt in Form eines Schiffes die Tourist-Info am Ufer. Wer an dieser Stelle an der Mosel entlang schlendert, passiert mehrere Tafeln, die die Ereignisse rund um das Abkommen festhalten. Und nicht nur das: Der Passant begegnet zwei Originalteilen der Berliner Mauer und sieht heute noch die Stelle, an der die MS Princesse Marie-Astrid damals für die Vertragsunterzeichnung anlag. Ein paar Meter weiter erinnert ein weiteres Denkmal an den Verdienst der Staaten bei der Schaffung der Europäischen Union. Man spürt: Hier ist man inmitten Europas. Ein Gefühl und Empfinden, das jährlich rund 70 000 Besucher aus aller Welt hierher lockt. „Wir versuchen, die Idee von Europa in die Welt zu tragen und diese emotional zu gestalten. Die Besucher posieren mit den Flaggen, fotografieren sich mit ihnen, stellen diese ins Internet und werben somit für das Museum“, erzählt Martina Kneip.

Auch das locke viele Touristen an. So wie eine Reisegruppe aus England, die gemeinsam auf den Spuren der europäischen Idee wandelt, wie sie erzählen. Auf dem Kopf tragen sie graue Barrett-Mützen, an ihnen haften Anstecker. „IN“ steht auf einem in der Mitte, umrahmt von einem Kranz von zwölf goldenen, fünfzackigen Sternen auf azurblauem Hintergrund, auf dem anderen steht „Wir sind Bewohner Europas“, wieder ein anderer Anstecker zeigt ein Herz in der Mitte der Europaflagge. Sie haben bei der Volksabstimmung in ihrer Heimat für den Verbleib innerhalb der EU gestimmt, sagen sie. Dass sie diese nun verlassen müssen, weil die Mehrheit der Briten das so wollte, mache sie traurig. Auch um die Wirtschaft Großbritanniens sorgen sie sich.

Im Europäischen Museum erfahren die Besucher aus Großbritannien, dass die Benelux-Staaten schon 1958 den freien Personen- und Güterverkehr in den drei Nachbarländern Belgien, Luxemburg und den Niederlanden erlaubten. Mit dem Vertrag über die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) wird 1951 ein gemeinsamer Markt für Kohle, Eisenerz und Stahl in Deutschland, Frankreich, Italien und den Benelux-Staaten mit Außenzoll geschaffen. Beides waren Verträge, die die Grundsteine für das Schengener Abkommen legten.

Das zweite Schengener Abkommen wird schließlich am 19. Juni 1990 an gleicher Stelle unterzeichnet. Dieses sogenannte Schengener Durchführungsabkommen legt die konkrete Umsetzung des 1985 getroffenen Übereinkommens in gesetzlicher und technischer Hinsicht fest. Ob den Beteiligten damals bewusst war, wie wertvoll ihre Vereinbarungen einmal sein werden? „Nein, das konnten sie sich damals nicht vorstellen“, findet Martina Kneip, „sie hielten das bestenfalls für eine gute Idee, eine Utopie. Über die Konsequenzen und den Erfolg dachten sie nicht nach. Das sieht man daran, dass sie das Schiff später verkauft haben. Heute fragt man sich: Wie konnten sie das tun?“

Im Museum sehen die Besucher eine originalgetreue Nachbildung der Unterzeichnung des Abkommens sowie ein kleines Modell der „Princesse Marie-Astrid“. An einer interaktiven Tafel können sie am Rad der Geschichte von 1815 bis 2015 drehen. „Wir wollen zeigen, was Europa erreicht hat und dass dies nicht selbstverständlich ist“, sagt Kneip. Auch auf Themen wie den Grenzschutz und die polizeiliche Zusammenarbeit der EU geht das Museum ein. Wer will, kann sein Wissen in einem Test über die EU prüfen oder sich einen Schengen-Pass ausstellen lassen. Auch über ein Café verfügt das Museum. Und wie hat der englischen Reisegruppe ihr Besuch gefallen? „Wir fanden es sehr interessant und informativ“, sagen sie, „besonders die Interaktivität gefiel uns.“

Alle Serienteile, die bisher erschienen sind, finden sich im Internet.

Die Direktorin des Europäischen Museums in Schengen, Martina Kneip, mit dem Faksimile des ersten Schengener Abkommens. Foto: leis/Tina Leistenschneider
Auf Ornamenten repräsentieren landestypische Sehenswürdigkeiten auf dem Stern das jeweilige Land – hier für Deutschland das Brandenburger Tor. Foto: leis/Tina Leistenschneider
Im Inneren des Museums können Besucher auch einen sechsminütigen Informationsfilm sehen. Foto: leis/Tina Leistenschneider
Diese Boje vor dem Europäischen Museum in Schengen markiert genau den Dreiländerpunkt zwischen Frankreich, Luxemburg und Deutschland. Foto: leis/Tina Leistenschneider
Das Europäische Museum in Schengen von außen. Foto: Tina Leistenschneider. Foto: leis/Tina Leistenschneider
Die Tourist-Info in Schengen gegenüber dem Europäischen Museum ähnelt einem Schiff – eine Reminiszenz an die „Princesse Marie Astrid“. Foto: leis/Tina Leistenschneider
Das Europäische Museum in Schengen von außen. Foto: leis/Tina Leistenschneider
Eine Reisegruppe aus England besuchte das Museum in Schengen und ließ sich den Schengener Pass als Souvenir ausstellen. Foto: Tina Leistenschneider. Foto: leis/Tina Leistenschneider
Interaktivität ist Trumpf: Im Museum können die Besucher am Rad der Zeit drehen und die Anfänge der Entstehung der Europäischen Union verfolgen. Foto: leis/Tina Leistenschneider

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