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Seit 14 Tagensitzt Philipp Anton aus Tettingen-Butzdorf in Italien fest

Kostenpflichtiger Inhalt: Student aus Tettingen-Butzdorf auf Sardinien : Hausarrest statt Erasmus-Semester

Vor zwei Wochen hat sich Philipp Anton aus Tettingen-Butzdorf auf den Weg nach Sardinien gemacht, um dort ein Auslandssemester zu absolvieren. Doch wegen der Corona-Pandemie in Italien sitzt er fest. Der SZ schildert er seine Eindrücke.

Die barocken Fassaden leuchten nachts im Schein der Straßenlaternen. Die Leere der Straßen erzeugt den Eindruck, als existierten die Leuchten nur zu diesem Zweck. Über den Dächern, inmitten der Stille, erklingt das Lachen einer Möwe, taucht die Kulisse in einen Hauch von Ironie. Später am Abend ziehen die Polizeiautos mit Durchsagen durch die Gassen. Offensichtlich erfolgreich. Die Menschen bleiben zu Hause. Nur zum Einkaufen oder Arbeiten verlassen sie tagsüber ihre Wohnungen. Nunmehr seit zwei Wochen gilt die Ausgangssperre, ein Ende ist nicht in Sicht.

Die Straßen sind verwaist. Denn nur zum Einkaufen oder Arbeiten verlassen die Menschen tagsüber ihre Wohnungen. Foto: Philipp Anton

Zunächst stehe ich ohne dauerhafte Unterkunft da. Fühle mich alleine in dieser fremden Stadt. So hatte ich mir mein Erasmus-Semester in Italien nicht vorgestellt. Wollte ich doch eine neue Sprache lernen, die lebensfrohe Kultur des Mittelmeers und die einzigartige Landschaft Sardiniens erkunden. Aber Trübsal  blasen ist nicht. Inzwischen habe ich Asyl in einer deutsch-schottischen Studenten-WG gefunden. Sitze viel auf meinem Balkon: lese, höre Podcasts und zeichne. Bekomme viele Anrufe von Freunden und Verwandten. Oder beobachte einfach die wenigen wildfremden Maskierten, die grüßend mit ihren Einkaufstüten vorbeiziehen. Sehe der Sonne zu, bei ihrem Zug über den azurblauen Himmel und ihrem Spiel mit den Schatten. Selbst die Seminare und der Sprachkurs werden inzwischen angeboten – per Videokonferenz.

Philipp Anton Foto: Eva Hartmann. Foto: Eva Hartmann

 Nun, da auch in Deutschland erste Ausgangssperren in Kraft treten, sind die Menschen hier das Stubenhocken langsam Leid. Die damit einhergehende Aussichtslosigkeit, nicht zu wissen wie lange der Status Quo bestehen bleibt, ist zermürbend. Auch, wenn immer mehr Länder mit ähnlichen Maßnahmen nachziehen, scheint trotz aller staatlicher und gesellschaftlichen Bemühungen, die Situation nur schwer kontrollierbar. Es wirkt, als wolle man Rauch fangen. Das Virus breitet sich exponentiell aus – auch hier in Sassari. In der Stadt mit etwa 125 000 Einwohnern gibt es inzwischen 251 Fälle, fünf Menschen sind am Virus gestorben. Damit ist Sassari die von Corona am stärksten betroffene Region Sardiniens. Eine beinah gespenstische Stille liegt über der Stadt.

 Bis auf eine Ausnahme: Gegen 18 Uhr klappen die Fensterläden in der Straße auf, Musik klingt durch die mittelalterlichen Gassen, und alle stimmen ein. Selbst die sonst so ernsten Streifenpolizisten halten kurz an und lächeln. Wie eine warme Welle der Hoffnung schallen die Melodien durch die Straßen. Adriano Celentano und Zucchero schenken Zuversicht, die Nationalhymne stärkt den Kampfgeist: von Fenster zu Fenster, von Balkon zu Balkon. Selbst die größte Krise hat etwas Verbindendes.

Auch, wenn der weltweite Stillstand die Wirtschaft Milliarden kostet. Eine profitiert: unsere Erde. Ob durch die sich auflösende Luftverschmutzung in den großen Städten, saubereres Wasser in den Flüssen oder eben die besagte Möwe samt ihrer Artgenossen. Denn die können sich nun ungestört über die Mülleimer der Stadt hermachen. Und bleiben damit nicht allein – inzwischen sollen sogar Wildschweine in der Innenstadt gesehen worden sein. Es scheint, als sei es die Natur, die in diesem Fall zuletzt lacht.

Aber auch die Menschen passen sich der Situation an. Und so ist das Bemerkenswerteste in diesen schweren Tagen doch die Solidarität unter den Menschen. Egal, ob in Italien oder anderswo. Junge kaufen für Ältere ein, vorher anonyme Nachbarn verbinden sich und die, die den Laden am Laufen halten, bekommen endlich den Respekt, der ihnen zusteht. Eine ganzseitige Anzeige in der sardischen Tageszeitung dankt den im Einzelhandel Tätigen, ganze Städte applaudieren Ärzten und Pflegepersonal.

Die Lage ist ernst und wird es sicher noch eine Weile sein. Doch nach zwei Wochen Ausgangssperre: ein leichter Hoffnungsschimmer. Bis auf zwei neue Fälle in der Inselhauptstadt Cagliari gibt es in den übrigen Regionen keine neuen Fälle von Covid-19 mehr. Und auch in Sassari ging die Anzahl der täglichen Neuinfektionen binnen eines Tages von über 80 auf 35 zurück. Ich bin überzeugt, dass unsere Gesellschaft gestärkt aus dieser Krise rausgehen wird. Bis dahin experimentiere ich weiter in der WG-Küche. Mit Minestrone, Ratatouille und Pasta für die Mitbewohner – als Dankeschön für ihre große Gastfreundlichkeit.