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Grüne Oase im Kalksteinbruch

Die bis zu 30 Meter hohen Steilwände des Steinbruchs bieten Lebensraum für Moose, Flechten und Farne. Fotos: Axel Didion
Die bis zu 30 Meter hohen Steilwände des Steinbruchs bieten Lebensraum für Moose, Flechten und Farne. Fotos: Axel Didion
Nennig. Die Naturlandstiftung Saar feiert dieses Jahr 40-jähriges Bestehen. Damit ist sie die älteste Naturschutzstiftung Deutschlands. Viele ihrer Schutzgebiete liegen im Grünen Kreis. Einige davon haben wir erkundet und stellen sie in einer Serie vor. Teil 4: der ehemalige Steinbruch in Nennig. Jasmin Kohl

Massive Steilwände ragen 30 Meter in die Höhe, sie lassen alles rundherum klein und bedeutungslos erscheinen. Riefen nicht aus jeder Richtung Singvögel, wäre es still. Der alte Kalksteinbruch Sauzy in Nennig ist, was Biologen einen Sekundärlebensraum nennen. Solche Sekundärlebensräume werden für die Naturschützer immer wichtiger. Denn die kaum berührte Natur, die Heimat von Pflanzen und Tieren, wird immer weiter in Kulturlandschaft verwandelt. Sekundärlebensräume sind so wertvoll, weil sie vielen Tier- und Pflanzenarten einen alternativen Lebensraum bieten. Hier, im Kalksteinbruch in Nennig , entsprechen die hohen Steilwände den Uferabbrüchen in Flussauen, hier finden sich Moose, Flechten und Farne. Der trockene Kalksteinboden bietet Ersatz für verschwundene Sand- und Kiesbänke, Pflanzen wie der Mauerpfeffer siedeln sich hier an. Totholz ersetzt Schwemmholz, den Lebensraum vieler Käfer, und Gebüsch-Gruppen bieten eine Alternative zu Weichholzauen. "Das ist ein Mosaik unterschiedlicher Lebensräume" sagt Axel Didion, als er seinen Blick von den flachen Tümpeln über die trockenen Steilwände schweifen lässt.


Didion ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Naturlandstiftung Saar (NLS) und kümmert sich somit um den Schutz des Steinbruchs. Die Stiftung hat das Potenzial, das in dem ehemaligen Kalksteinbruch steckt, erkannt und das Gelände mit einer Fläche von 5,2 Hektar 2002 erworben. Dort, wo noch bis vor rund 15 Jahren Kalkstein abgebaut wurde, finden heute bedrohte Tier- und Pflanzenarten einen neuen Lebensraum.

"Bei sieben von zehn Mal finde ich sie", sagt Didion und lässt einen der vielen Kalksteinbrocken, die quer über die Abbausohle des Steinbruchs verstreut liegen, sinken. Der Biologe, der den Steinbruch im Auftrag der Naturlandstiftung mehrmals im Jahr begeht, ist auf der Suche nach der Gelbbauchunke. Die vom Aussterben bedrohte Unkenart nutzt die moosbewachsene schattige Unterseite der Kalksteinbrocken als Rückzugsort. Doch heute hat Didion kein Glück, egal wie viele Steinbrocken er hochhebt, Blindschleichen und Zauneidechsen kommen zum Vorschein, doch die Gelbbauchunke scheint Scheu vor der Presse zu haben. Ihre Nachfahren sind da mutiger: Mehrere Dutzend Kaulquappen tummeln sich in den äußerst flachen Tümpeln in der Abbausohle, die an große Pfützen erinnern. "Das ist der ideale Lebensraum für die Gelbbauchunke", erklärt Didion. Ursprünglich sei sie in Alt- und Kleingewässern von Bach- und Flussauen anzutreffen, doch diese existierten immer weniger.



Ein Stück weiter sitzen mehrere Hufeisen-Azurjungfern auf den Blättern einer Sumpfbinse, die sich neben Froschlöffel und Rohrkolben

im rund 60 Quadratmeter großen Haupttümpel inmitten des Steinbruchs findet.

Mit gekonntem Griff fängt Didion ein Exemplar ein, um zu zeigen, wie das azurblaue Insekt zu seinem Namen kommt: Auf seinem zweiten Hinterleibsegment hat es ein schwarzes Mal, das einem Hufeisen ähnelt. Auch viele andere der insgesamt 58 verschiedenen Libellenarten, die im Saarland vorkommen, ließen sich hier beobachten. "Im Hochsommer sieht man oft die Blutrote Heidelibelle", sagt Didion.

Bei seinem Rundgang entdeckt der Biologe immer wieder Tümpel, die neu entstanden sind, der Steinbruch ist im ständigen Wandel. Auch die vielen Pappeln, Birken und Weiden seien seit seinem letzten Besuch mächtig gewachsen. "Alle fünf Jahre müssen wir sie kürzen, sonst wachsen andere Lebensräume zu", sagt Didion.

Inmitten der grünen Oase führt eine kleine Brücke über einen Bach. Gänsedistel, Weißdorn und gefleckter Taubnessel säumen den Weg: "Im Steinbruch gibt es mehr Auwaldpflanzen als an der ganzen Mosel", weiß Didion.

Ein Dorn im Auge ist dem Biologen dagegen die große Robinie, die sich vor einer der Steilwände angesiedelt hat. "Sie kommt ursprünglich aus Nordamerika und ist sehr schwierig wieder wegzubekommen", sagt er. Bei Imkern sei sie zur Produktion von Akazienhonig zwar beliebt, doch nur wenige Tiere würden ihre Blätter fressen, was zu einem echten Problem werde. "Die Blätter zersetzen sich nur schwer, und beim Verfaulen entsteht viel Stickstoff." Zum Jahresende will Didion ihr daher den Garaus machen, denn auch das gehört zur Pflege eines Naturschutzgebietes - Eindringlinge vertreiben.

< Wird fortgesetzt.

Zum Thema:

Hintergrund Natura-2000-Gebiete sind ein Netzwerk von Schutzgebieten in der EU, durch das gefährdete oder typische Lebensräume und Arten erhalten, gefördert oder wiederhergestellt werden sollen. Die Natura-2000-Flächen umfassen spezielle Vogelschutzgebiete und die sogenannten FFH-Gebiete. FFH steht für Fauna-Flora-Habitat, also für Lebensräume von Tieren und Pflanzen. Im Saarland gibt es insgesamt 117 Natura-2000-Gebiete, die insgesamt 26 316 Hektar (rund zehn Prozent der saarländischen Landesfläche) umfassen. FFH- und Vogelschutzgebiete werden im Saarland als Naturschutz- und Landschaftsschutzgebiete ausgewiesen. Quelle: Naturwacht Saar

In den sehr flachen Tümpeln auf der Abbausohle (Bildmitte) legt die vom Aussterben bedrohte Gelbbauchunke ihre Eier ab.
In den sehr flachen Tümpeln auf der Abbausohle (Bildmitte) legt die vom Aussterben bedrohte Gelbbauchunke ihre Eier ab.
Die vom Aussterben bedrohte Gelbbauchunke fühlt sich in den flachen Tümpeln des Nenniger Steinbruchs wohl.
Die vom Aussterben bedrohte Gelbbauchunke fühlt sich in den flachen Tümpeln des Nenniger Steinbruchs wohl.
Im Hochsommer ist die Blutrote Heidelibelle im Steinbruch gut zu beobachten.
Im Hochsommer ist die Blutrote Heidelibelle im Steinbruch gut zu beobachten.