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Die Stunden bis zur Entscheidung

Die Stunden bis zur Entscheidung

Den Schlaf, den Michael Fixemer in der Nacht verpasst hat, holt er nicht nach. "In meinem Alter kann man so etwas noch gut verkraften", gesteht der 39-jährige SPD-Kandidat für das Bürgermeisteramt in Perl.

Ralf Uhlenbruch, CDU, beim Urnengang. Fotos: Rolf Ruppenthal.

"Vielleicht ein bisschen ruhen, mehr nicht", verrät er. Ältere Kollegen, so weiß er aus deren Erzählungen, hätten da mehr Schwierigkeiten, eine solche Schicht wegzustecken. Trotz seiner jungen Jahre: Schindluder will Fixemer nicht mit seiner Gesundheit treiben, daher hat er sich eines zum Grundsatz gemacht: "Wenn diese Arbeit über mehr als eine Nacht hinausgeht, versuche ich schon, mich mittags ein bisschen hinzulegen und zu schafen." Nachtschichten sei er gewohnt - auch in seiner früherer Arbeit bei der Bahn. "Wenn man Chef ist, muss man Verantwortung tragen und raus - egal, ob in der Nacht oder an Weihnachten", sagt er.

Den einzigen Tribut, den er für die durchwachte Nacht zahlt: Auf frugales Frühstück verzichtet er. "Man isst um Mitternacht ein Brötchen. Da hat man morgens keinen Hunger, braucht nichts zu essen." Nur die Tasse Kaffee - Muntermacher und schmackhafter Durstlöscher zugleich - will er nicht missen. So führt ihn sein Weg von Hasloch in der Pfalz, wo der Prüfingenieur bei der Deutschen Bundesbahn mit seinen Kollegen eine neue Software eingespielt hat, direkt ins Bürgerhaus nach Sinz.

Es schlägt acht Uhr, als Fixemer in seinem Wagen das Wahllokal erreicht. Erst wenige Minuten zuvor hatten seine Kollegen vom Ortsrat die Rollläden in dem Bürgerhaus hochgezogen, alles für die bevorstehende Wahl präpariert. Noch herrscht Ruhe - eine Gelegenheit für Fixemer, den Ortsvorsteher des Perler Ortsteiles, mit Peter Hoffmann, Norbert Jäger, Harald Lahr, Kurt Willkomm und Silva Aureliano ein Schwätzchen zu halten. Ein Thema: eine mögliche Stichwahl. "Das müsste mit dem Teufel zugehen, dass zwei Kandidaten die gleiche Anzahl an Stimmen haben", lacht er. "Irgendwann ist es immer das erste Mal", kontert sein Stellvertreter Willkomm.

Schließlich eist sich der Sozialdemokrat von der Gruppe los, erhält einen Stimmzettel , verschwindet in der Wahlkabine, die vor der Abbildung von St. Dionysius, dem Schutzpatron der Pfarrkirche, aufgebaut ist, macht sein Kreuzchen, steckt den Stimmzettel in den Umschlag, wirft ihn in die Wahlurne, verschwindet mit einem freundschaftlichen Tschüss. "Ich habe in den letzten Wochen alles getan. Jetzt heißt es abwarten." Erst kurz vor sechs, so sein Plan, wird er ins Bürgerhaus zurückkehren. "Ich will wissen, wie in Sinz abgestimmt worden ist, bevor ich dann ins Rathaus nach Perl fahre." Bis dahin gehört der Sonntag nicht der Politik. Job und viel, viel Privates hat er sich auf den Plan gesetzt.

So folgt dem koffeinreichen Muntermacher der Gang an den Schreibtisch. "Ich will den Prüfbericht von gestern Nacht noch zu Papier bringen."

Für den kommenden Mittwoch sind Vorbereitungen zu treffen, um Stammzellen spenden zu können. "Als Blutspender habe ich mich auch als Spender von Stammzellen eintragen lassen. Da bin ich jetzt angeschrieben worden, dass ich für eine Spende infrage komme. Jetzt lasse ich mir von meiner Lebensgefährtin Tania Faber einen hormonähnlichen Wachstumsfaktor unter die Haut spritzen, der die Zahl der Stammzellen im Blut erhöht", erzählt er. Danach geht es zum Essen nach Grevenmacher. "Meine Lebensgefährtin ist Luxemburgerin, da wollen wir die Gelegenheit nutzen, ihre Heimat zu besuchen." Und Dalmatiner Kimbo muss natürlich auch zu seinem Recht kommen. "Er hört kein bisschen", charakterisiert der SPD-Kandidat seinen treuen Vierbeiner.

Nur zu gerne hätte Mara, eine der goldigen Zwillingstöchter von Ralf Uhlenbruch, ihren Papa ins Wahllokal begleitet. "Ich habe ihr gesagt, dass es noch ein bisschen früh ist und sie später die Mama und Schwester Leonie begleiten darf", lacht der Kandiat der Christdemokraten, als er kurz vor neun Uhr im Bürgerhaus von Tettingen-Butzdorf zur Stimmabgabe erscheint. "Mara wollte mir heute Morgen weismachen, dass sie die ganze Nacht kein Auge zugemacht hat. Aber das stimmt nicht", berichtet der 42-jährige Dipom-Rechtspfleger der Crew um Ortsvorsteher Alois Becker über die aufgeweckte Achtjährige. "Sie hat trotz aller gegenteiligen Beteuerungen ganz fest geschlafen", verrät der Papa. "Die Kinder von Tettingen-Butzdorf sind halt pfiffig und wissen einen um den Finger zu wickeln", sinniert Wahlhelferin Theresia Altmaier - eine Antwort, die allgemeine Heiterkeit und Zustimmung findet.

Zwölf Leute haben Altmaier, Becker, Ralf Thelen vom Ortsrat sowie Wahlvorsteherin Sonja Pauly von der Gemeindeverwaltung seit Öffnung der Wahllokale um acht bereits gezählt. Nummer 13 und 14 sind gegen 8.45 Uhr zwei Jogger aus dem Perler Ortsteil: "Wir sind schon über den Berg gelaufen", beschreibt der sportlich Versierte die Strecke auf dem Moselgau. Er und seine Frau machen auf ihrem Weg nach Hause Station im Bürgerhaus, um ihre Stimmen abzugeben - ein Prozedere, das das Paar schnell erledigt hat.

So bleibt dem Ortsvorsteher Zeit, die Methode zu erklären, wie er den Adler, das Wappentier des Perler Ortsteiles, in Sandstein gehauen hat, das im Bürgerhaus einen Platz gefunden hat, direkt neben der Abbildung des Originals: "Ich habe eine Kopie auf den Stein übertragen, anschließend habe ich den Adler mit dem Meißel einer Bohrmaschine eingraviert", verrät er Uhlenbruch und den Wahlhelfern, die andächtig lauschen. Der CDU-Kandidat erhält seine Wahlunterlagen, verschwindet in der Wahlkabine, kommt raus, wirft das Kuvert in die Wahlurne.

Dann noch ein kurzer Plausch über das Werk und andere Themen - dann verabschiedet sich Uhlenbruch, um nach Hause zu gehen. "Ich bin nicht aufgeregt. Ich habe mein Bestes getan. Jetzt heißt es abwarten", gesteht er.

Wie in seinem Heimatort abgestimmt worden ist, wird er im Bürgerhaus von Tettingen-Butzdorf verfolgen. Kurz nach 18 Uhr rechnet er mit Zahlen. "Danach geht es ins Rathaus nach Perl, um das Ergebnis zu erfahren", sagt er. Das wird nach 19 Uhr sein.

Für die Party, die im Brennerei-Museum von Alois Becker steigt, hat der Hausherr nach seinen Worten einen Bierstand organisiert. Die Fete in der Lindenstraße dürfte auch Uhlenbruchs quirligen Nachwuchs interessieren.

Nach dem Wahlkampf in den vergangenen Wochen hat er sich einen weitgehend politikfreien Sonntag verordnet, wie er sagt - Stunden, die nur der Familie und der Ablenkung dienen sollen.

Hat Ehefrau Heike - natürlich in Begleitung von Mara und Leonie - erst einmal gewählt, geht es nach Besch. "Da wollen wir hin zum Frühschoppen und zusehen, wie Drachenboote über die Mosel gleiten - für meine Töchter ein Riesenvergnügen."

Nach dem Mittagessen, das die Familie im Perler Hotel Hammes einnimmt, werden sich die Uhlenbruchs aufs Fahrrad schwingen - zu einer Tour an das Bescher Moselufer. "Wenn in unserer Gemeinde ein solch schönes Fest organisiert wird, müssen wir auch da sein", sagt er und ruft Bekannten fröhlich "Guten Morgen" zu, die zur Stimmabgabe kommen.

Während Altmaier und Thelen sie mit Unterlagen versorgen, macht Becker sein Versprechen wahr und spendiert eine Runde Kaffee .