„Demenz darf nicht länger ein Tabu-Thema sein“

„Demenz darf nicht länger ein Tabu-Thema sein“

Es gibt kaum einen größeren Schrecken für viele Menschen, als die Angst vor Demenz im Alter. Wie man heute mit diesem Thema umgehen sollte, erfuhren die Besucher einer Aktion im Schengen-Lyzeum in Perl.

Demenzkranke müssen Teil der Gesellschaft bleiben können. Das forderte Dagmar Heib , Vorsitzende des Demenz-Vereins Saarlouis und stellvertretende Landesvorsitzende des VdK Saarland, am Mittwoch im Schengen-Lyzeum in Perl. "Die Gesellschaft muss diese Krankheit akzeptieren und darf die Erkrankten nicht verbannen", mahnte Heib. "Demenz kennt keine Grenzen" hieß die Aktion, zu der die Landesfachstelle Demenz anlässlich des Weltalzheimertages nach Perl und Schengen eingeladen hatte. Der VdK Saarland war in Schengen mit einem Info-Stand vertreten. Angehörige müssten stärker unterstützt und die Versorgungsstrukturen verbessert werden, um "die Krankheit einfacher zu ertragen", unterstrich Heib. Helma Kuhn-Theis , Europa-Bevollmächtigte des Saarlandes, sprach in Vertretung von Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer . Die Gesellschaft habe die Notwendigkeit erkannt, pflegende Angehörige zu unterstützen, die an ihre körperlichen und geistigen Grenzen geraten.

Kuhn-Theis sprach sich zudem für einen stärkeren Austausch mit Luxemburg aus und unterstrich die Bedeutung des saarländischen Demenzplanes. Erste Ergebnisse der Umsetzung sollen im Dezember vorgestellt werden.

Neben Bayern, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein ist das Saarland laut Sozialverband VdK das einzige Bundesland mit einem eigenen Demenzplan. Auf Bundesebene gebe es ebenfalls keinen Demenzplan, allerdings habe das Saarbrücker Iso-Institut eine Studie mit Empfehlungen für eine nationale Demenzstrategie ausgearbeitet.

Deutschland hinkt damit im Vergleich zu anderen EU-Staaten wie Frankreich, Italien, Großbritannien, Österreich, Griechenland oder den Beneluxstaaten hinterher, wie Heike von Lützau-Hohlbein, Präsidentin von "Alzheimer Europe", erläuterte - "Und das obwohl das Europäische Parlament die Mitgliedstaaten schon 2011 dazu aufgerufen hatte, nationale Strategien auszuarbeiten."

Von den osteuropäischen Ländern sei hingegen die Tschechische Republik das einzige Land mit einem Demenzplan. Von Lützau-Hohlbein zufolge gibt es jedoch auf Ministerien-Ebene Anzeichen dafür, dass ein bundesweiter Demenzplan in Arbeit ist.

Die Präsidentin wies darauf hin, wie schwierig es sei, geschultes Pflegepersonal für Demenzkranke zu finden, von denen 70 Prozent zuhause meist ohne spezielle Hilfsangebote betreut würden.

Sie unterstrich, wie hoch die Belastung der Angehörigen sei. "Wenn jemand den ganzen Tag alle zwei Minuten fragt, wo der Schlüssel ist und wann er nach Hause gehen kann, obwohl er zu Hause ist, ist das schwer auszuhalten." Am besten würden Demenzkranke in Finnland, gefolgt von Großbritannien und Belgien, versorgt.

Demenz dürfe nicht länger ein Tabu-Thema sein. Deshalb befinde sich das Info-Zenter Demenz mitten in der Stadt Luxemburg, erklärte die luxemburgische Familienministerin Corinne Cahen. Luxemburgs Gesundheitsministerin Lydia Mutsch unterstrich, wie wichtig es sei, die Autonomie der Erkrankten möglichst lange zu erhalten. Auch sei es möglich, die Patienten in die Behandlung miteinzubeziehen, wenn die Krankheit früh genug erkannt werde. Sie warnte vor den Herausforderungen durch finanzielle Mehrbelastungen für Familien und Sozialsysteme.

Ben Homann, Bürgermeister von Schengen, dessen Vater ebenfalls an Demenz erkrankt ist, rief seinerseits für eine bessere Bezahlung des Pflegepersonals auf, denn nur so könne gewährleistet werden, dass Demenzkranke bekommen, was sie am meisten bräuchten: Zeit und Zuwendung.

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Dagmar Heib bei ihrem Vortrag in Perl. Foto: VdK Saarland. Foto: VdK Saarland

Hintergrund Im Saarland waren 2014 nach Angaben des Sozialverband VdK Saar knapp 21 000 Menschen über 65 Jahren an Demenz erkrankt. Das entspreche 9,3 Prozent dieser Altersgruppe. Pro Jahr würden es aufgrund der wachsenden Zahl älterer Menschen rund 500 Personen mehr. Bundesweit sind laut VdK etwa 1,5 Millionen Menschen betroffen. Demnach könnte sich die Zahl bis 2050 verdoppeln, sofern kein Durchbruch in Prävention und Therapie gelingt. mtn www.demenz-saarland.de

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