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Corona-Erlebnisse: Student aus Tettingen-Butzdorf berichtet von Sardinien

Kostenpflichtiger Inhalt: Das Leben erwacht wieder : So erlebt ein Student aus Tettingen-Butzdorf die Lockerungen auf Sardinien

Philipp Anton aus Tettingen-Butzdorf ist wegen seines Studiums derzeit auf Sardinien. Dort erlebte er den Verlauf der Corona-Pandemie mit – und wie nun das Leben in der Stadt Sassari wieder erwacht. In der SZ erzählt er von seinen Eindrücken.

Ein verlorener Einweghandschuh schwebt über die menschenleere Piazza d’Italia. Wie eine Feder lässt die milde Sommerbrise den Plastikmüll durch die Luft tanzen. Es ist spät, und der Vollmond steht am Himmel über Sassari, einer Stadt auf der italienischen Insel Sardinien und lässt das von Laternen golden erleuchtete Herz der Stadt noch heller erstrahlen. Welch ein Kontrast. Tagsüber tummeln sich scharenweise Kinder, Paare und Senioren auf dem Areal rund um die imposante Statue von Vittorio Emanuele II. Es ist das pure Leben, wenn Kinder mit ihren Rädern und Rollschuhen nach Wochen der Quarantäne all das nachholen, was sie in diesem Frühjahr verpasst haben. Großmütter, die sich nach Wochen der Einsamkeit zu einem distanzierten Schwätzchen treffen. Verliebte, die sich wieder in den Arm nehmen können.

Hier auf Sardinien hat sich viel getan seit meinem letzten Lagebericht. Über 1300 Menschen haben sich bisher mit dem Coronavirus infiziert. 120 sind daran gestorben. Umso erfreulicher, als es an einem Montag erstmals hieß: weder Tote noch neue Fälle. Seitdem gibt es – wenn überhaupt – nur vereinzelt neue Fälle. Nun heißt das Wort der Stunde: „La Riapertura“. Die Wiedereröffnung, sie ist in vollem Gange. Und es erinnert ein bisschen an die Bilder aus den Nachkriegstagen, die meine Generation nur aus den Geschichtsbüchern kennt. Dieses Gefühl, dass nun wieder bessere Zeiten kommen. Dass das Sterben ein Ende hat.

Rostige Rolltore verwandeln sich plötzlich in bunte Läden. Gastronomen machen ihre Gasträume fit für bald kommende Gäste. Ladenbesitzer putzen die Schaufenster, dekorieren die Auslage. Erst öffneten die Buchhandlungen und Kleidergeschäfte, inzwischen dürfen auch Cafés ihre Waren zum Mitnehmen verkaufen – Eis und Espresso to go. Und auch Sport ist wieder erlaubt.

Das Tragen von Mundschutz ist für Philipp Anton Ehrensache. Foto: Philipp Anton

Gedankenverloren rase ich mit meinem Fahrrad durch die Straßen. Fühle mich frei wie ein Vogel, der seinem Käfig entfliegt. Die Erleichterung der Menschen ist greifbar. Es sind diese kleinen Momente des Glücks, wenn sich hinter der Maske der Verkäuferin im Supermarkt wieder ein Lächeln abzeichnet. Die misstrauischen, verängstigten Blicke, die Corona mit sich brachte, sind passé.

Ja, ich bin inzwischen angekommen. Mit meinen Nachbarn Roberto, Francesca, Ylenia und Gianluca habe ich neue Freunde gefunden. In ihrer kleinen Küche spielen wir oft Karten, singen, hören Musik. Fast täglich bin ich zum Essen eingeladen. Und Online-Italienisch-Kurs hin oder her: In diesen kostbaren Stunden lerne ich die Sprache erst wirklich. Nicht nur das. Mir wird auch nochmal deutlich, dass die, die wenig haben, am meisten zu geben bereit sind. Die Herzlichkeit ist überwältigend. Noch mehr haben diese Wochen der Isolation zutage gefördert: Die Erkenntnis, wie wertvoll gute Freunde sind. Wenn in den einsamen Stunden unentwegt mein Telefon klingelte.

Diese Reise zu mir selbst, auf die mich die Quarantäne schickte. Zu lernen, dass Alleinsein schön sein kann. Doch umso rasanter wirkt jetzt alles um mich herum. Dazu gehört auch die Feststellung, wie schnell der Körper Muskeln abbaut. So verwandelte sich meine erste Laufeinheit in ein recht kurzes Unterfangen mit abruptem Ende.

Die Provinzverwaltung von Sassari wird in den Landesfarben Italiens angestrahlt. Foto: Foto Philipp Anton

Die Provinzverwaltung und der Dom sind in Grün-Weiß-Rot illuminiert. Italien steht zusammen. Die Menschen hier sind stolz auf den Etappensieg im Kampf gegen das Virus. Die Disziplin, mit der jeder Einzelne dazu beigetragen hat. Nun gilt es, Vorsicht zu wahren und Normalität langsam wiederherzustellen. Leichter gesagt als getan in einer Region, die vom Tourismus lebt. Doch Regionalpräsident Christian Solinas vertraut auf seine sardischen Landsleute. Am Montag ist Phase drei der Wiedereröffnung in Kraft getreten. Alle übrigen Geschäfte dürfen öffnen, Reisefreiheit auf der ganzen Insel.

Mit Sondererlaubnis von Ministerpräsident Giuseppe Conte ist Sardinien damit Vorreiter für ganz Italien. Pilotprojekt sozusagen. Natürlich weiterhin mit strikten Auflagen: An jeder Ladentür stehen Handschuhe und Desinfektionsmittel parat. Masken sind weiterhin Pflicht.

Mit Phase drei hat sich auch mein Leben hier verändert. Am Montag habe ich meinem kleinen Balkon in der Via Cavour den Rücken gekehrt. Es zieht mich raus aus der Stadt – eine eigene Unterkunft, nicht weit vom Meer. Wieder näher an der Natur sein. Ich konnte es kaum erwarten. Bis dahin durfte ich mich aber noch an den städtischen Grünanlagen erfreuen. Denn auch die Parks sind wieder offen. Mit ihren malerischen Palmen, Mandarinenbäumen und Springbrunnen. Beim gemeinsamen Spaziergang durch das satte Grün fragt mich Nachbarin Francesca, ob ich Angst vor dem Virus hätte. Nein, die hatte ich nie. Beängstigend fand ich vielmehr die plötzlichen Konsequenzen, die es für uns alle mit sich brachte. Wie die ganze Welt auf einmal Kopf stand.

Die neue Freiheit genießen: mit dem Rad ans Meer. Foto: Philipp Anton

Für die kommenden Monate bin ich jedoch optimistisch. Das Überraschungsmoment ist vorüber. Wir haben erkannt, dass unsere Gesellschaft verwundbar ist. Aber auch, dass Menschlichkeit, Kampfgeist und Nächstenliebe aus jeder Krise eine Chance machen können.