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An der Mosel bei Nennig ist ein Storchennest aufgestellt worden

Storchennest in Nennig : Hoffen auf Adebars Einzug

Vorsichtig umfassen die Arme des Baggers den Stamm des Storchennestes. Auf Zeichen von Frank Staudt lässt David Klassem die Baumaschine ein Stückchen vorrollen. Der Betriebsleiter der Firma Kieswerke Besch-Nennig (KBN) lässt die Hände sinken – ein Signal für den Baggerfahrer, die mehr als acht Meter hohe Fracht auf der Wiese in den Moselauen bei Nennig abzusetzen.

Zentimeter für Zentimeter lässt Klassem das künftige Heim von Meister Adebar gut zwei Meter in die Erde ein. „So ist garantiert, dass Stürme der Nisthilfe nichts anhaben können“, sagt Staudt zu der sechs Meter hohen Konstruktion – sie ist Brut- und Aussichtsplattform zugleich.

Das Terrain, auf dem Staudt und seine Kollegen KBN Kies abgebaut haben, hat sich zum bedeutendsten Vogelschutzgebiet im Saarland entwickelt – „zu einem Filetstück der Natur, auf dem nur noch der Weißstorch fehlt“, sagt Rolf Klein, Ornithologe vom Naturschutzbund (Nabu). Da der 35-Jährige weiß, dass Adebar oft in dem Gebiet landet, aber bislang keine Brutmöglichkeit hatte, wollte er ihm diese Chance bieten. Knapp eineinhalb Meter ist der Horst breit und 90 Kilogramm schwer. Als Material hat Felix Engel Holz der Douglasientanne verbaut – eine Aufgabe, die der 19-Jährige aus Losheim im Homeoffice erledigt hat, wie er erzählt. Noch bis  August leiste er sein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) bei der Landschaftsagentur Plus (LA Plus). Die Firma, die Büros im nordrhein-westfälischen Datteln in der Nähe von Dortmund, im hessischen Bickenbach südlich von Darmstadt und im Saarland in Ensdorf hat, hat die Rekultivierung und Renaturierung des Terrains übernommen. Nach Abschluss seines FÖJ will Felix Engel seine Ausbildung als Industriekaufmann starten.

Warum dem Storchennest weiße Farbflecken spendiert worden sind, verrät LA-Plus-Prokurist Michael Boes. „Störche mögen keine neuen Horste. Die Tiere siedeln bevorzugt in Nestern, die bereits benutzt sind. Mit den Flecken geben wir ihnen das Gefühl, dass ihre Vorgänger Kotspuren hinterlassen haben“, sagt er. Zwei Storchenhorste habe LA Plus schon in ihrem Standort in Datteln aufgestellt, in einem der Nester davon hätten sich auch bereits Störche niedergelassen. „Als der versierte Ornithologe Rolf Klein diesen Vorschlag machte, waren wir gleich mit dabei“, sagt Boes.

 Für den Aufbau der Nisthilfe wurde schweres Gerät benötigt.
Für den Aufbau der Nisthilfe wurde schweres Gerät benötigt. Foto: Ruppenthal

Unbeachtet von dem Auftrieb, den das Aufstellen des neuen Storchenheims verursacht, lassen Kanadagänse ihren Ruf erschallen, ziehen Kormorane über die Köpfe von Sebastian Thul, Staatssekretär im Umweltministerium, Ideengeber Rolf Klein, Perls Bürgermeister Ralf Uhlenbruch und Hans Wacht, Geschäftsführer der KBN, hinweg. „Mittlerweile hat sich das Terrain zu einem Paradies für Tiere und Pflanzen entwickelt“, sagt Klein. Der Kiesabbau habe diese Entwicklung befördert. Vor 17 Jahren habe die KBN damit begonnen.

Seitdem würden die Abbaufelder rekultiviert und renaturiert, unterstützt von den Leuten des Nabu. „Ziel war die Schaffung eines Mosaiks aus Stillgewässern, brach liegenden Flächen, die sich eine längere Zeit ungestört entwickeln können, mit ebenso artenreichen Wiesen.“ Ende 2011 habe der Nabu die ersten rund 1,8 Hektar von der KBN gekauft. Nach dem Ende des Kiesabbaus sollen die Flächen überwiegend in das Eigentum des Nabu übergehen. „So wollen wir die Pflege und Entwicklung der Lebensräume sichern.“

Wegen der hohen Bedeutung für die Vögel, Amphibien wie die Gelbbauchunke und Wasserpflanzen sei das Areal in das europäische Schutzgebietsnetz Natura 2000 aufgenommen worden. Wasser- und Watvögel fühlen sich hier laut Klein sehr wohl – ob Gäste, die auf dem Durchzug sind, oder Vögel, die sich das Terrain zum Brüten ausgesucht haben. Mehr als 150 Arten seien registriert worden. Mit weiteren Naturschützern hat er 2017 Lachmöwen und Fluss-Seeschwalben angesiedelt. Für die Fluss-Seeschwalben haben sie eigens schwimmende Nisthilfen gebaut, die sie eifrig nutzten.

Jetzt wartet Klein hoffnungsfroh darauf, dass Störche an der Obermosel heimisch werden, wie er sagt. Dass sich die majestätischen Tiere auf dem Terrain ansiedeln werden, steht für ihn außer Frage. Nur auf einen Zeitpunkt will sich der Ornithologe nicht festlegen. „Elf Jahre hat es gedauert, bis der Vogel das Nest in den Schwemlinger Auen in Besitz genommen hat. Leider war die Brut im vergangenen Jahr erfolglos.“ Hoffnung, dass das Nest nicht leer bleibt, weckt die Beobachtung, die der Perler Bürgermeister Ralf Uhlenbruch gemacht hat. „Vor kurzem habe ich zwei schöne Exemplare in der Nähe der Römischen Villa Borg durch das Gras staksen gesehen“, berichtet der Verwaltungschef – eine Botschaft, die Klein mit Freuden vernimmt. „Es braucht nur etwas Geduld“, sagt er. „Die Vögel sind auf dem Vormarsch in das westliche Saarland.“