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Adliger half Juden bei der Flucht

Schloss Berg in Nennig war zwischen 1940 bis 1945 eine wichtige Anlaufstelle für Juden, die vor dem NS-Regime in Deutschland abgetaucht waren. Foto: rup
Schloss Berg in Nennig war zwischen 1940 bis 1945 eine wichtige Anlaufstelle für Juden, die vor dem NS-Regime in Deutschland abgetaucht waren. Foto: rup FOTO: rup
Nennig. Im Frühjahr 1940 besetzte das nationalsozialistische Regime in Deutschland das kleine Nachbarland Luxemburg. Dorthin waren seit der Rückgliederung des Saargebietes ins Deutsche Reich zahlreiche Juden geflohen. Für sie wurde der damalige Leiter der Passierscheinstelle bei der deutschen Gesandtschaft in Luxemburg, Baron Franz von Hoiningen-Huene, zu einem wichtigen Helfer. Der Adlige, der auf Schloss Berg in Nennig residierte, ermöglichte vielen Juden, das besetzte Großherzogtum in Richtung sicherer Fluchtländer zu verlassen. Dies geht aus einer Studie hervor, die ein Forscherteam der Universität Luxemburg vor kurzem vorgestellt hat. Für die SZ hat Bodo Bost die Studie unter diesem Aspekt ausgewertet.

Schloss Berg in Nennig war während der NS-Zeit sowie während der Besatzung Luxemburgs durch die Nationalsozialisten (Mai 1940 bis Kriegsende) eine wichtige Anlaufstelle für Juden , die vor dem Hitler-Regime in Deutschland abgetaucht waren. Eine zentrale Rolle spielte dabei Baron Franz von Hoiningen-Huene, der in jener Zeit auf dem Schloss bei Nennig lebte. Dies geht aus einer Studie hervor, die ein Forschungsteam rund um den Historiker Vincent Artuso von der Universität Luxemburg erarbeitet hat. Die vor Kurzem vorgestellte Studie befasst sich mit der Rolle der so genannten Verwaltungskommission unter Albert Wehrer während der deutschen Besatzung. In dem Bericht geht es vor allem um die Art und Weise, wie die Luxemburger Behörden die Befehle der NS-Gauleitung nach der Besetzung durch Nazi-Deutschland umsetzten.

Albrecht Wehrer (1895-1967) war nach dem Einmarsch der deutschen Truppen im Mai 1940, welche die Flucht der Staatsregierung sowie des Herrscherhauses ins Exil nach London zur Folge hatte, als Generalsekretär der geflüchteten Regierung das höchste noch im Lande verbliebene Regierungsmitglied. Nach Einschätzung der Historiker um Artuso verstand er die von ihm selbst geschaffene Verwaltungskommission nicht als Vertreter der im Exil befindlichen Regierung.

"Erfüllungsgehilfe der Besatzer"




Vielmehr sah Wehrer die Kommission als Ersatz einer Exilregierung und ließ sich dies von dem im Land verbliebenen Parlamentsmitgliedern legitimieren. In der Zeit zwischen der Flucht der alten Regierung und der Einrichtung einer neuen Zivilverwaltung unter Gauleiter Gustav Simon sei die Verwaltungskommission so zum "Erfüllungsgehilfen der Besatzer" geworden, urteilen die Verfasser der Studie.

Ein interessanter Nebenaspekt der Untersuchung verweist auf die Rolle des Barons Franz von Hoiningen-Huene, der in jenen Jahren auf Schloss Berg in Nennig residierte. Hoiningen-Huene stammte aus einem baltendeutschen Adelsgeschlecht und war seit 1922 mit der Luxemburgerin Mya de la Fontaine verheiratet. Obwohl er ein Gegner der antisemitischen Politik des Deutschen Reiches war, leitete der Adlige die Passierscheinstelle der deutschen Gesandtschaft im Großherzogtum. In dieser Funktion kam ihm eine entscheidende Rolle bei der Rettung verfolgter Juden zu, zu dieser Erkenntnis kommen die Verfasser des Artuso-Berichtes.

Nach der Okkupation des Großherzogtums half er dort lebenden Juden , die seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten in großer Zahl dorthin geflohen waren: Die Studie zeigt, dass nach der Rückgliederung der Saar an Hitler-Deutschland 1935 allein 301 Juden von dort nach Luxemburg emigriert waren. Der Baron soll laut den Erkenntnissen der Artuso-Studie nach der Besetzung vielen Luxemburgern Passierscheine ausgestellt haben, damit diese das Land in Richtung eines sicheren Staates verlassen konnten. Dafür und wegen Delikten wie Wehrkraftzersetzung war der Adlige 1943 in Berlin zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden. Wie wichtig Franz von Hoiningen-Huene für die Juden in Luxemburg war, verdeutlicht eine Forderung, die nach Veröffentlichung des Artuso-Berichtes von der jüdischen Gemeinde im Großherzogtum erhoben wurde: die Albert-Wehrer-Straße auf dem Kirchberg in Baron-Franz-von-Hoiningen-Huene-Straße umbenennen.

Der Bericht ist in voller Länge im Internet abrufbar unter: www.gouvernement.lu .