Michael Laux über "Der letzte Schrei von Paris" zur Premiere in Dreisbach

Interview mit Michael Laux : „Ein zeitgenössisches Stück hätte mich nicht interessiert“

Dass Robespierre dem Verlobten der Wirtin des Glashauses Reisepapiere ausgestellt haben soll, inspirierte den Filmemacher, dieses Stück zu schreiben.

Was ist das zentrale Thema in Ihrem Stück?

LAUX Dass Menschen plötzlich Macht über andere bekommen und es einen bestimmten Teil in der Bevölkerung gibt, den man los werden will. Die werden dann einfach auf die Maschine gelegt, keiner macht sich die Finger schmutzig, und es tut nicht weh. Das Gleiche dachten sie im Dritten Reich auch.

Wie ist Ihre Idee zu dem Stück entstanden?

LAUX Die Idee entstand irgendwann mal, als Rolf Spengler, der erste Vorsitzende vom Verein Glashaus, eine Theatergruppe initiieren wollte und zehn Leute zusammenkamen, die sich untereinander kannten. Rolf hatte die Idee, eine Parodie mit Napoleon als Adolf Hitler zu machen, aber als ich hörte, dass Robespierre – angeblich – dem Verlobten der damaligen Wirtin von diesem Haus, das es seit 1746 gibt, Reisepapiere ausstellte, kam mir die Idee zum Stück. Es spielt zur Zeit des großen Terrors, wo täglich mehrere guillotiniert wurden und Schrecken herrschte. Wenn Leute in der Provinz revolutionärer sein wollen als die in Paris, kann das lustig sein.

Wann hatten Sie angefangen zu proben?

LAUX Vor anderthalb Jahren ungefähr. Es ging relativ lange, weil alle Schauspieler das als Hobby machen. Anfangs war nur die Idee vorhanden, deswegen konnten wir gar nicht viel proben. Wir haben ein paar Dialoge geschrieben und probiert, es gab mehrere Fassungen und ständig Änderungen. Für Darsteller eine Tortur. Ich hab’ gesagt: Bleibt dran, ich mach das nicht, um euch zu ärgern. Aus privaten Gründen mussten auch viele Rollen umbesetzt werden. Bis auf den Duc und Jacques haben alle mindestens einmal gewechselt. Das ist eine Katastrophe für ein Stück. Die Wirtin ist die vierte Besetzung und als einzige normale Figur gedacht. Sie ist die Mutter Courage, während die anderen fremdbestimmt sind.

Und warum die modernen Einflüsse?

LAUX Die waren von Anfang an so geplant. Ich wusste früh, dass der Einzige, der ein Kostüm tragen wird, der Duc ist. Der kommt wirklich wie ein Adliger rein. Marianne sieht ein bisschen aus wie Ulrike Meinhof, der Jacques ein bisschen wie Andreas Baader. Das ist heute das Tolle an Theater, dass man in der Zeit und am Ort hin und her springen kann. Das Moderne bringt das Vertikale. Ein zeitgenössisches Stück hätte mich nicht interessiert.

Das Stück wurde jetzt dreimal aufgeführt. Was ist Ihnen dabei aufgefallen?

LAUX Das Publikum ist immer wieder anders. Die älteren Herrschaften machen richtig mit, klatschen und lachen über die Dorfwitze. Es war beabsichtigt, dass das Publikum mitmacht. Bei der Premiere ging bei der Frage, ob Paris entscheiden soll, keine Hand hoch, heute waren plötzlich alle Hände oben. Und die Zuschauer lachen immer bei anderen Stellen. Das Stück sollte komisch werden. Ich sage immer: Eine gute Komödie ist immer auch ein Drama, aber witzig erzählt. Sie sollen lachen, aber gleichzeitig soll das Lachen im Hals stecken bleiben. Das liebe ich. Aber die Hauptsache ist: Die Leute lachen.