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Mann bekommt in Trier zehn Jahre Haft weil er eine Frau überfahren hat

Kostenpflichtiger Inhalt: Gerichtsprozess : Frau überfahren – zehn Jahre Haft

Der Angeklagte hat vor Gericht geschwiegen. Seine Ex-Freundin, auf die er sein Auto zugesteuert hat und die nun als schwerbehindert gilt, kann sich nicht mehr erinnern. Für das Gericht ist dennoch klar: Es war ein versuchter Mord.

Hat der Angeklagte versucht, seine Ex-Freundin im November 2018 in Taben-Rodt zu töten, indem er sie überfahren hat? Dieser Frage ist das Landgericht Trier seit Juli 2019 in einem langwierigen Prozess mit vielen Zeugen und Sachverständigen nachgegangen. Am Dienstag fällt das Schwurgericht das Urteil: schuldig. Zehn Jahre Haft für versuchten Mord in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung sowie vorsätzlichem Eingriff in den Straßenverkehr. Dem Angeklagten wird  der Führerschein entzogen.

Das Tatgeschehen vor Gericht zu rekonstruieren, war schwierig. Denn die Frau konnte sich nicht erinnern, der Angeklagte gab dies ebenfalls an. Das Gericht sieht es dennoch als erwiesen an, dass der 46-jährige Saarländer seiner Ex-Geliebten auf dem Parkplatz bei ihrer Arbeitsstätte in Tötungsabsicht aufgelauert hat. Dort hat er laut Richterin Petra Schmitz – für die Ex-Freundin verdeckt – im Wagen gewartet und sei immer wieder vor- und zurückgefahren, um zu sehen, ob sie mit ihrem Auto angekommen sei.

Mit Tempo 30 sei er dann frontal auf sie zugefahren, als sie den Parkplatz zu Fuß überquert habe. Er habe ihre völlige Überraschung ausgenutzt. Die 43-Jährige habe keine Chance gehabt, auszuweichen, sei durch die Luft geschleudert worden und schwer verletzt liegengeblieben. Dass der Angeklagte später gegen einen Baum fährt und sein Auto in der Saar versenkt, interpretiert die Richterin als Versuche, die Kollision zu vertuschen.

Das Tatmotiv sieht Schmitz in der vorherigen Trennung, die vom Opfer ausging, und in der daraus resultierenden Kränkung des Beschuldigten. Er habe bestimmen wollen, wann Schluss sei. Er sei in Beziehungen der dominante Part gewesen. Die Frau sei sieben Jahre lang seine Geliebte gewesen, während er mit einer anderen Frau zusammengelebt habe.

Zur Frage der Erinnerungslücke, auf die sich der Angeklagte im Prozess berufen hat, verweist die Richterin auf den psychologischen Sachverständigen, der Verdrängung für wahrscheinlicher hält. Seine Argumente: Der Zeitraum für eine Erinnerungslücke sei recht groß. Zudem habe der Beschuldigte Einzelheiten aus dieser Zeit geschildert, wenn auch widersprüchlich. 

Zugunsten des Beschuldigten spricht aus Sicht der Richterin, dass er versucht hat, sein Bedauern mit Zahlungen an das Opfer auszudrücken. Dass der Beschuldigte zu dem stehe, was er getan habe, dieser Aussage des Verteidigers widerspricht die Richterin. „Zur Sache hat er nichts gesagt, gar nichts“, erklärt sie. Gegen den Angeklagten sprechen laut Schmitz die körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen, die das Opfer erlitten hat. „Der 50-prozentige Behinderungsgrad wird sich wohl nicht mehr verbessern“, sagt die Richterin. Als Minuspunkt nennt sie auch die Vorstrafe des Angeklagten: eine Freiheitsstrafe von vier Monaten wegen des Besitzes und Verbreitens von Kinderpornografie.

Staatsanwalt Benjamin Gehlen hat zuvor im Plädoyer elf Jahre Haft für versuchten Mord gefordert. Er bescheinigt dem Angeklagten, gefühlskalt und rücksichtslos gegenüber dem Opfer zu sein. Gehlen: „Er hat nie nach ihr gefragt.“ Hanna Kullmann, Vertreterin der Nebenklägerin, schließt sich dem Plädoyer des Staatsanwalts an und lenkt den Fokus auf ihre Mandantin. Zum Tattag sagt Kullmann: „Dieser Tag hat für sie alles verändert. Bis dahin hat sie ein normales und zufriedenes Leben geführt.“ Dann sei sie ohne jede Vorwarnung Opfer einer heimtückischen und lebensgefährlichen Tat geworden. Der schlimmste Moment sei für sie gewesen, als sie im Krankenhaus aufgewacht sei: ahnungslos, mit Angst und Panik. Sie sei weiterhin in einer Traumatherapie wegen dieser Hilf- und Ahnungslosigkeit.

Die Liste der körperlichen Schädigungen, die Kullmann aufzählt, ist lang: Brüche der Rippen, des Unterkiefers, der Schienbeine und der Speiche gehören dazu ebenso wie ein Schädel-Hirn-Trauma und eine Hirnblutung. Die Frau habe eine Vielzahl von Operationen über sich ergehen lassen müssen. Die einstige Büroangestellte, die vielleicht für immer arbeitsunfähig bleibe, habe sich über Wochen im Rollstuhl fortbewegt. Sie leide an Konzentrationsstörungen und werde durch eine Narbe quer über der Stirn täglich an die Tat erinnert. Die Rechtsanwältin beschreibt ihre Mandantin dennoch als mutige Frau mit viel Kampfgeist, die um Weiterbehandlung und Schadensersatz ringe. Im Prozess hatte das Opfer gesagt: „Die Knochen hat er mir gebrochen, aber mich hat er nicht gebrochen.“

Verteidiger Andreas Ammer stellt in seinem Plädoyer den Mordversuch in Frage. Der Zusammenprall könnte auch ein Unfall gewesen sein, doch sei es einfacher, von einer Absicht auszugehen, argumentiert er. Sein Mandant könne sich nicht erinnern, auch wenn dieser selbst das wünsche. Ammer bittet um eine angemessene Strafe. Sein Mandat sagt: „Es tut mir leid, was passiert ist. Ich hätte mich gerne persönlich bei ihr entschuldigt.“ Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Innerhalb einer Woche kann Revision beantragt werden.