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Serie: Museen im Saarland
270 Jahre Firmengeschichte in der Nussschale

Der gedeckte Hochzeitstisch, der die Vermählung Eugen von Bochs und Oktavie Villeroys karikiert, ist ein Höhepunkt des Keramikmuseums.
Der gedeckte Hochzeitstisch, der die Vermählung Eugen von Bochs und Oktavie Villeroys karikiert, ist ein Höhepunkt des Keramikmuseums. FOTO: Ruppenthal
Mettlach. Das Keramikmuseum in Mettlach nimmt Besucher mit auf eine Zeitreise von den Anfängen Villeroy & Bochs bis zur Gegenwart. Von Martina Kind

Für Ester Schneider war es immer „das Größte“. Wohin sie als Kind blickte, fast überall im elterlichen Haus gab es Keramik zu sehen: auf dem Boden, im Badezimmer, in den Schränken, auf dem Tisch. So gut wie alle Produkte stammten von ein und demselben Hersteller. Wie könnte es auch anders sein. „Unsere Familie ist in vierter Generation bei Villeroy & Boch beschäftigt“, erzählt die gebürtige Mettlacherin. Früh war ihr denn klar, dass sie irgendwann auch in die Fußstapfen ihrer Vorfahren treten und „ein Teil sein“ würde – von diesem Unternehmen, dessen lange Geschichte sie so bewegt. „Heute bin ich genau 39 Jahre und sechs Monate dabei“, sagt sie mit unverkennbarem Stolz.


Seit 1993 führt Schneider Besucher auf Anfrage durch das Keramikmuseum, das in der ehemaligen Benediktinerabtei in Mettlach, dem Hauptsitz von V&B, untergebracht ist. Zu erzählen hat sie dabei viel. Nicht nur über die Anfänge, Erfolge und Herausforderungen des traditionsreichen Unternehmens, dessen Ursprung auf das Jahr 1748 datiert wird. Wer bereits seit einem Vierteljahrhundert als Museumsdirektorin arbeitet, der hat auch selbst einige Erinnerungen sammeln und in hübsche Anekdoten verpacken können. Aus dem Nähkästchen plaudert Ester Schneider aber gemeinhin am Ende jeder Führung. Dort, wo ihre Erzählungen noch mehr Eindruck hinterlassen: im historischen Milchladen, der an die Dresdner Molkerei der Gebrüder Pfund erinnert, welcher 1892 von Villeroy & Boch gestaltet wurde und anknüpft an die traditionelle Ladenbautechnik um 1900. Im Jahr 1998 wurde Pfunds Molkerei in das Guin­ness-Buch der Rekorde aufgenommen und darf sich fortan mit dem Titel „schönster Milchladen der Welt“ rühmen.

Aber zurück zur Geburtsstunde des Keramikherstellers, der in diesem Jahr sein 270-jähriges Bestehen feiert. Schließlich sollen sich die Besucher hier auf eine Zeitreise von der Vergangenheit in die Gegenwart Villeroy & Bochs einlassen, sagt Schneider. Den Grundstein gelegt hat demnach der Eisengießer Jean-François Boch, der in seiner kleinen Töpferei im lothringischen Audun-le-Tiche unter anderem Kanonenkugeln für den französischen König produzierte. Weil er seiner Arbeit überdrüssig wurde, entschloss er sich kurzerhand dazu, gemeinsam mit seinen Söhnen schlichtes Keramikgeschirr herzustellen und zu einem erschwinglichen Preis zu verkaufen.



Die Nachfrage war hoch; 1767 expandierten die Bochs nach Sept­fon­tai­nes in Luxemburg, wo sie alsdann in der „Manufacture Impériale et Royale“ die Serienproduktion von Töpfen, Schüsseln und Kannen aufnahmen. Drei Jahre später führte Jean-François’ Sohn, Pierre-Joseph, den berühmten „Brindille“-Dekor ein, der noch heute als „Alt-Luxemburg“ die Geschmäcker Vieler trifft. „Ein zeitloser Klassiker“, schwärmt Schneider mit Blick auf die Glasvitrine im Museum, in der ein Exemplar aus früheren Tagen aufbewahrt ist. Keine Frage, dass man dem kleinen blauen Blumenzweig zum 270. Firmengeburtstag eine Hommage erwies und ihm eine neue Kollektion widmete.

Während die Bochs in Luxemburg und ab 1809 in ebenjener Mettlacher Benediktinerabtei produzierten, feilte die Konkurrenz unter der Führung von Kaufmann Nicolas Villeroy in Vaudrevange, dem heutigen Wallerfangen, an einem modernen Verfahren, das eine schnellere und kostengünstigere Herstellung ihrer Produkte garantieren sollte. „Ab 1815 wandte Villeroy das Kupferdruckverfahren an, bei dem die dekorativen Motive in Kupferplatten gestochen werden. Diese Technik nach englischem Vorbild ermöglichte einen ersten Seriendruck“, erklärt Schneider. Für den Laien veranschaulicht wird die Technik des Kupferumdrucks im Museum mit Original-Kupferplatte und Werkzeugen. Zusätzlich erklärt ein Film die Produktionsprozesse von heute.

Nur einige Jahre später gelang den Bochs nach langer Forschung eine entscheidende Entwicklung: weißes Steingut, kaum zu unterscheiden vom damals unbezahlbaren Porzellan, das die Tafeln der Königsfamilien schmückte, dafür aber wesentlich preiswerter zu haben. „Das war eine Revolution. Schöne Produkte zu einem günstigen Preis auf dem Tisch präsentieren zu können, das war wichtig für das heranwachsende Bürgertum, das versuchte, den Adel zu imitieren“, weiß Schneider.

1836 fusionierten die Konkurrenten Boch und Villeroy, um neben der dominierenden englischen Industrie bestehen zu können. Und hier setzt allmählich Ester Schneiders Lieblingspart der Geschichte ein: Im Jahr 1842 verschmolzen die Unternehmerfamilien auch privat miteinander. Eugen von Boch und Oktavie Villeroy trauten sich. Wie die Hochzeitstafel bei diesem rauschenden Fest wohl ausgesehen haben könnte, davon können sich Besucher im Ausstellungsraum „Tischkultur“ ein Bild machen, für Schneider zweifelsohne ein „Höhepunkt“ des Rundgangs. Zwölf Figuren aus Gips, die die Frischvermählten und geladenen Gäste karikieren, sind um einen festlich gedeckten Tisch versammelt. Zu sehen ist aber nicht das Originalgeschirr aus 1842. Hier werden die aktuellen Kollektionen von V&B in Szene gesetzt.

Eugen von Boch sei es auch gewesen, der den Stein für das Keramikmuseum erst ins Rollen brachte, betont Schneider. Als passionierter Sammler habe er Anfang der 1840er Jahre damit begonnen, eine keramische Universalsammlung aufzubauen. Sein Ziel war es, ein öffentlich zugängliches Ausstellungshaus mit antiquarischen und zeitgenössischen Keramiken zu eröffnen, 1873 verwirklichte er seinen Traum. Heute zähle das Museum etwa 35 000 Exponate, das älteste sei auf 4000 vor Christus datiert, so Schneider.

Das Lieblingsstück von Schneider? „Es fällt mir schwer auf diese Frage zu antworten“, offenbart sie. „In der Sammlung gibt es sehr viele Keramiken, die mich aufgrund ihrer Gestaltung und Dekorationstechnik besonders ansprechen.“ Müsste sie sich aber festlegen, so würde sie sich für drei Unikate entscheiden: eine sakrale Hängeleuchte, ein Rokokofuß zum Aufstellen eines Kruzifix, beides modelliert von Pierre Joseph Boch, sowie eine Terrine aus der Manufaktur von Nicolas Villeroy. „Alle drei Objekte sind gelungene Beispiele für die künstlerischen und technischen Fähigkeiten beider Männer Ende des 18. Jahrhunderts.“

Und für noch etwas schlage ihr Herz: die Dauerausstellung „Anna und Eugène Boch – Aus den Anfängen der Moderne“. 44 Werke der Geschwister, die sich in ihrer Kunst hauptsächlich dem Neo-Impressionismus verpflichteten, sind im Museum zu sehen. Thematisiert wird auch die freundschaftliche Beziehung zwischen Eugène Boch und Vincent van Gogh. Beide Maler lernten sich 1888 im französischen Arles kennen, im selben Jahr noch fertigte Van Gogh ein Porträt des Industriellen­sohns an, das heute im Musée d‘Orsay in Paris ausgestellt ist.

Als das Keramikmuseum 1979 in Schloss Ziegelberg wiedereröffnete – nachdem es seine Pforten im Zweiten Weltkrieg schließen musste –, und Schneider eine Sonderausstellung organisierte, durfte sie die Werke von Anna und Eugène gar selbst in den Händen halten. Ein Privileg, das nicht vielen vergönnt sei. „Als Fan der Kunst um 1900 war das hautnahe Erleben der Kunstwerke beider Maler für mich ein kleines Eldorado“, schwärmt sie.

Langweilig werde es als Museumsdirektorin bei V&B ohnehin nie, beteuert Schneider. Im Gegenteil. „Selten vergeht ein Tag, an dem ich nichts Neues dazulerne.“ Und erinnert sich sogleich an ein anderes besonderes Ereignis zurück. Es war im Jahr 1995, sie führte gerade eine Gruppe durch das Museum, als ein junger Mann in die Führung platzte und aufgeregt rief: „Sie haben die Titanic-Fliesen in Ihrer Eingangshalle!“ Der Mann, der sich als Sammler und Titanic-Hobbyforscher erwies, ließ sich nicht beirren: Auf Bildern von Tauchern, die bei einer Expedition zum Wrack des gesunkenen Kreuzfahrtschiffes zustande kamen, habe er exakt diese Mosaikfliesen gesehen. Schneider stellte sofort eigene Nachforschungen an – und in der Tat: „Villeroy & Boch hat Anfang des 20. Jahrhunderts unter anderem Fliesen an die Reederei Harland & Wolff in Belfast geliefert.“ Das sei dem Unternehmen bis dahin selbst nicht bekannt gewesen.

Rund anderthalb Stunden dauert die Führung durch das Keramikmuseum, die ihren Abschluss im historischen Milchladen findet. Ester Schneider nimmt Platz an einem der dunklen Holztische, blickt sich um, als würde sie selbst noch einmal die handgearbeiteten Fliesengemälde studieren. Und vermutlich findet man auch tatsächlich jedes Mal etwas Neues in diesem Café, das Besucher zurück ins 19. Jahrhundert entführt. Still ist es hier, und leer, der tägliche Betrieb wurde eingestellt, Gäste könnten ihren Kaffee heute im Restaurant Abteigarten trinken, für besondere Festivitäten mieten könne man den Milchladen aber noch.

Zwischen 20 und 25 Führungen gebe sie persönlich im Jahr, auf Anfrage oder zu besonderen Anlässen. Kürzlich erst habe sie sehbehinderte Gäste im Keramikmuseum empfangen dürfen (wir berichteten), zurzeit arbeite man gemeinsam mit dem Saarländischen Museumsverband an einem Angebot für Hörgeschädigte. „Jede Führung, jede Gruppe ist anders“, konstatiert Schneider. Nicht zu wissen, was sie erwarte, sei das Spannende. Welche Führung sie besonders in Erinnerung behalten habe? „Definitiv die mit Hannelore Kohl. Für sie war eigentlich nur eine halbe Stunde angesetzt. Am Ende dauerte die Führung aber eine ganze Stunde länger, weil sich Frau Kohl sehr für die Exponate begeisterte und viele Fragen stellte. Sie war eine wirklich hochgebildete und kunstinteressierte Frau“, resümiert Schneider. Und noch etwas fällt ihr dabei ein. „17 Minuten. Meine kürzeste Führung.“

Serie Museen im Saarland: Die SZ stellte in den vergangenen Monaten jeweils wöchentlich ein saarländisches Museum vor. Teil 1: Interview mit Meinrad Maria Grewenig, Generaldirektor Weltkulturerbe Völklinger Hütte und Präsident Saarländischer Museumsverbandes (6. Juni), Teil 2: Roland Mönig und Moderne Galerie (13. Juni), Teil 3: Ludwig-Galerie Saarlouis (20. Juni), Teil 4: St. Wendeler Museum im Mia Münster Haus (27. Juni), Teil 5: Uhrenmuseum Köllerbach (4. Juli), Teil 6: Historisches Museum Saarbrücken (11. Juli), Teil 7: Römermuseum Schwarzenacker (18. Juli), Teil 8: Saarland-Museum für Vor- und Frühgeschichte (25. Juli), Teil 9: Zeitungsmuseum Wadgassen (1. August), Teil 10: Altenkirch-Museum Rubenheim (8. August), Teil 11: Die Römische Villa Borg. Teil 12: Jean-Lurçat-Museum Eppelborn. Teil 13: Keramikmuseum Mettlach (29. August), Teil 14: Museum für Mode und Tracht Nohfelden (5. September).
saarbruecker-zeitung.de
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Der historische Milchladen im Keramikmuseum knüpft an die traditionelle Ladenbautechnik um 1900 an.
Der historische Milchladen im Keramikmuseum knüpft an die traditionelle Ladenbautechnik um 1900 an. FOTO: Ruppenthal
Ester Schneider gibt seit nunmehr 25 Jahren als Direktorin Führungen durch das Keramikmuseum von Villeroy & Boch.
Ester Schneider gibt seit nunmehr 25 Jahren als Direktorin Führungen durch das Keramikmuseum von Villeroy & Boch. FOTO: Ruppenthal