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„Ich gebe gerne mein Wissen weiter“

Graffiti-Künstler Jens „Tasso“ Müller hat mit Garagenwänden angefangen – heute ist er international gefragt. Foto: Diana Arias
Graffiti-Künstler Jens „Tasso“ Müller hat mit Garagenwänden angefangen – heute ist er international gefragt. Foto: Diana Arias FOTO: Diana Arias
Jens „Tasso“ Müller ist ein international bekannter Sprayer. Am Wochenende, 27. bis 29. März, leitet er im Dreisbacher Glashaus einen Workshop für Jugendliche. Im Vorfeld hat er sich mit SZ-Mitarbeiter Philipp Anton unterhalten. pha

Was hat Sie als jungen Mann zum Sprayen gebracht?

Tasso: Ursprünglich habe ich eine Fleischerlehre gemacht. Irgendwann habe ich den Sprayer-Film "Wild Style" gesehen und war so beeindruckt von den Bildern, dass ich das auch machen wollte.

Sie sind in Ost-Deutschland groß geworden. Sprayen war nicht gerade eine typische Kunstform der DDR, oder?

Tasso: (lacht) Nein, definitiv nicht. Daher war der Film auch eine ganz andere Welt für mich, und ich versuchte zunächst, das Gesehene umzusetzen.

Hatten Sie denn überhaupt die notwendigen Materialien dazu?

Tasso: Wir benutzten am Anfang Kreide aus der Schule. Spraydosen gab es kaum. Später wurden sie sogar ganz aus dem Verkauf genommen, da Oppositionelle sie für ihre Parolen nutzten.

Sind sie auch mal mit dem Staat aneinandergeraten?

Tasso: Als Jugendliche kritzelten wir mit unserer Clique "Erich Hodenecker" an die Schulmauer, oder die durchgestrichenen DDR-Sender und schrieben ARD und ZDF darunter. (lacht) Es war aber mehr jugendlicher Unsinn statt Kritik damit verbunden.

Gab es Ärger?

Tasso: Wir machten uns nicht viel daraus, aber jemand hat uns verraten. Nacheinander wurden wir von der Stasi aus der Schule abgeholt. Die drohte uns Kindern damit, unsere Eltern würden ihre Arbeit verlieren und solche Sachen. Das war der Punkt, an dem ich erkannte, wie unser schöner sozialistischer Staat mit den Menschen umgeht.

Wie ging es nach all dem für Sie weiter?

Tasso: Unsere Eltern machten sich bestimmt mehr Sorgen als wir. (lacht) Naja, bald gab es ja keine Dosen mehr, und ich hörte auf zu sprayen, bis die Mauer fiel. Als es soweit war, bin ich sofort über die Grenze gefahren und hab mir Spraydosen gekauft.

Haben Sie dann nach dem Mauerfall hauptberuflich gesprayt?

Tasso: Nein, zunächst sprayte ich illegal an Autobahnbrücken und Industriebrachen. Von meinem ersten Lohn in Westmark musste ich eine empfindliche Strafe zahlen. Da wurde mir klar, so kann es nicht weitergehen.

Wie sahen Ihre ersten bezahlten Aufträge aus?

Tasso: Ich habe bei den Leuten in meiner Heimatstadt Meerane gefragt, ob ich ihre Garagen besprayen darf. Auf diese Weise konnte ich meine Technik verfeinern. Ich beschränkte mich nicht mehr auf Schriftzüge, sondern nahm auch Landschaften mit rein. Nach und nach kamen Leute auf mich zu und wollten, dass ich auch an ihre Wände spraye.

Mittlerweile sind Sie international gefragt. Ist das Reisen dadurch auch zu einem Hobby geworden?

Tasso: Auf jeden Fall. Vielleicht auch deshalb, weil es einem früher verboten war. Ich liebe es besonders, Kurztrips zu unternehmen. Wenn ich dann in einem anderen Land bin, interessieren mich aber gar nicht so die Touristenattraktionen . Viel spannender finde ich die Menschen dort und die Art, wie sie leben.

Sie haben in über 30 Ländern rund um den Globus gearbeitet. Welcher Auftrag war in der ganzen Zeit Ihr persönliches Highlight?

Tasso: Das ist schwer zu sagen. Aber es gab schon besondere Momente. In Abu Dhabi habe ich mit anderen Künstlern an einem Nachtclub eines der größten Graffitis der Welt geschaffen. Bei einem Auftrag in Berlin traf ich Peter Maffay , so was bleibt in Erinnerung. Mit befreundeten Sprayern gestaltete ich über Jahre die Bühnenmotive großer Musik-Festivals.

Ist Ihnen bei Ihrer Arbeit auch der Nachwuchs wichtig?

Tasso: Ich gebe gerne mein Wissen an jüngere Künstler weiter. Beruflich arbeite ich ohnehin häufig mit jungen Menschen zusammen. Solche Workshops wie im Glashaus sind auch immer eine Chance, junge Talente zu entdecken.

Wie läuft ein Workshop ab?

Tasso: Erst einmal bereite ich mit den Jugendlichen anhand einer Skizze alles vor. Dabei, und auch beim späteren Sprayen, lasse ich ihnen aber viel Freiraum, damit sie ihre Kreativität ausleben können.


Zum Thema:

Auf einen BlickDas Glashaus Saarschleife in Dreisbach organisiert einen Graffiti-Workshop für Jugendliche mit dem bekannten Graffiti-Künstler Jens "Tasso" Müller. Von Freitag, 27. März, bis Sonntag, 29. März, zeigt der Profi den Teilnehmern, wie man mit einer Spraydose umgeht. Nach gemeinsamer Vorbereitung können die Jugendlichen ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Eine Vorbesprechung für interessierte Jugendliche findet am kommenden Freitag, 6. März, um 18 Uhr im Glashaus statt. pha