Hilfe im Nirgendwo Äthiopiens

Für drei Wochen war Dr. Michael Scholten, Oberarzt der Psychosomatischen Abteilung im Johannesbad Gesundheits- und Reha-Zentrum Saarschleife, nach Äthiopien aufgebrochen. Dort behandelte er mit anderen westeuropäischen Ärzten den Volksstamm der Kara. Inzwischen ist er nach Hause zurückgekehrt und erinnert sich an seine Arbeit.

Es ist heiß in Äthiopien Anfang November, 40 Grad Celsius. Ein zehnjähriger Junge schwankt zwischen hohem Fieber und Schüttelfrost; er zeigt erste Lähmungen und ist kaum ansprechbar. Dr. Michael Scholten und sein Team der Hilfsorganisation Humedica diagnostizieren "cerebrale Malaria ", eine schwere Form der Krankheit, die durch Stiche der Anopheles-Mücke übertragen wird. Alltag in Ostafrika, wie Scholten nun weiß. Wäre der Arzt aus dem Johannesbad Gesundheits- und Reha-Zentrum Saarschleife jetzt in Deutschland, würde er das Kind auf der Intensivstation behandeln lassen. Aber: "In Äthiopien gibt es das nicht", erklärt er. Also bekommt der Junge Medikamente, die das Team aus Deutschland mitgebracht hat. Dass der Junge am Tag nach der Behandlung die Augen öffnete und wieder sprach, war der erste von vielen beeindruckenden Momenten, die der saarländische Arzt während seines ehrenamtlichen Einsatzes in dem ostafrikanischen Land erlebte. Er war drei Wochen bei den Kara, einem Volksstamm, der im Grenzgebiet von Kenia, Sudan und Äthiopien lebt, rund 1000 Kilometer südwestlich von Adis Abeba. Die Kara haben keinen Strom, keine medizinische Versorgung. Daher stellte Klinikleiter Oleg Giese, wie er sagt, seinen Oberarzt gerne frei. "Ein solches Engagement unterstützen wir jederzeit. Das erweitert für uns alle den Blickwinkel", unterstreicht Giese.

Rund 1000 Patienten hat das sechsköpfige Team aus Ärzten und Krankenschwestern im "Nirgendwo Äthiopiens", wie es Dr. Scholten formuliert, geholfen. Über drei Wochen hinweg sind sie in vier Teams oft stundenlang mit dem Jeep zu den 80 bis 125 Patienten pro Tag gefahren, immer begleitet von Übersetzern. Auch bei den Krankheitsbildern verließen sie ihr bisheriges Spektrum: Malaria , Durchfall, Wurmerkrankungen, Lungenentzündungen, Tuberkulose, aber auch Verletzungen, Hautkrankheiten, Schmerzbilder und Schwangerenbetreuung. Der Facharzt für Psychiatrie und Gynäkologie sagt: "Wir waren schockiert, manches kannten wir nur aus dem Lehrbuch. Gerade die Augenverletzungen oder Tumore haben uns schwer bewegt."

Zwei Jeep-Tage von Adis Abeba entfernt wohnte das Team ohne Strom am krokodilreichen Fluss Omo. "Das brachte uns alle an unsere Grenzen", beschreibt der Arzt die Zeit in Äthiopien. "Nachts heulten die Affen im Camp, morgens weckten uns die Tiere lautstark", erinnert er sich. Tagsüber machten wiederum Temperaturen bis 40 Grad und die allgegenwärtige Gefahr durch Krokodile dem Saarländer und seinen Kollegen zu schaffen. "Doch die positiven Erfahrungen überwogen", wie es Dr. Scholten in seinem Blog beschrieb.

Die medizinische Hilfe organisierte das Team auch mit Unterstützung der einheimischen Heiler der Kara.

Außerdem übergaben die Helfer während ihres Aufenthalts die neue Klinik im Dorf Dus. Das Gebäude mit drei Behandlungszimmern und einer Apotheke entstand innerhalb nur eines Jahres.

Scholten genießt jetzt den Komfort zuhause; er sieht auch die Arbeit im Klinikalltag mit anderen Augen, sagt er.