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Damit der Wald natürlich nachwächst

Wissenschaftler der Uni Göttingen bei der Bestandsaufnahme im Lutwinuswald. Foto: Nina Drokur
Wissenschaftler der Uni Göttingen bei der Bestandsaufnahme im Lutwinuswald. Foto: Nina Drokur FOTO: Nina Drokur
Mettlach. Welche Strategie ist geeignet, stabile Wälder zu erhalten? Dieser Frage gehen Wissenschaftler der Uni Göttingen, Dresden und München sowie die Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft Deutschland nach. Margit Stark

Auf 1,30 Meter Höhe bringt Torsten Vor das Messgerät am Stamm der Rotbuche an, geht ein paar Meter zurück, um mit einem weiteren Messgerät die Spitze des Baumes anzupeilen. Via Sender gibt das Gerät am Baum dem Forstwissenschaftler millimetergenau die Höhe des Riesen an - eine von vielen Aufgaben, die die Leute von der Uni Göttingen bei ihrem Aufenthalt im Saarland zu erledigen haben. Es wird vermessen, kartiert und notiert. Lichtverhältnisse werden untersucht, um gleiche Bedingungen für zwei Testbereiche, beide 100 Qudaratmeter groß, zu schaffen.



Tests vor und hinterm Zaun

Während Biologin Steffi Heinrichs die kleinen Eichen in dem nicht eingezäunten Bereich des Lutwinuswaldes untersucht, erheben Forstwissenschaftler Michael Unger und Techniker Karl-Heinz Heine erste Daten hinter hohem Drahtgeflecht. Beide Terrains sollen verglichen werden. Was die Wissenschaftler herausfinden wollen: Wie entwickelt sich der Wald mit und ohne Wild.

Nicht nur die Göttinger haben sich dieser Studie verschrieben. Wildbiologen der Uni Dresden sind an Bord, ebenso Betriebswissenschaftler der Uni München und die Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft (ANW). "Biodiversität und Schalenwildmanagement in Wirtschaftswäldern", so ist das bundesdeutsche Modellprojekt überschrieben. "Die natürliche Vielfalt wird durch diverse Faktoren beeinflusst", sagt Gangolf Rammo, Mitarbeiter des Projektes und Forstoberamtsrat beim Umweltministerium. Die Art der Bewirtschaftung nennt er als Beispiel, aber auch unnatürlich hohe Bestände an Schalenwild-Arten, wie Rehwild.

Jäger testen Intervalljagden

"Die Tiere lieben kleine Eichen ", verrät Forstwissenschaftler Vor. "In einem gesunden Mischwald ist das kein Problem. Da der Eichelhäher nicht alle Verstecke wieder findet, können viele der Eicheln auskeimen und zu neuen Nahrungsbäumen heranwachsen" - wie im Lutwinuswald. "An anderen Stellen sieht dies anders aus", ergänzt Rammo.

Läuft alles nach Plan, soll sich das bundesweite Pilotprojekt nach seinen Worten über zwölf Jahre erstrecken. "Fördergelder stehen aber erst für sechs Jahre fest." Danach sei es den Unis überlassen, das Projekt weiter fortzuführen.

"Es geht nicht um Schäden, sondern um Einflüsse, die das Wild verursacht. Ein Schaden entsteht erst durch eine von bestimmten Interessen geleitete menschliche Wertung." Um auch die Einflüsse der Jagd zu erforschen, habe man mit den Jägern im Lutwinuswald und in dem Revier der Familie von Boch eine andere Jagdzeit vereinbart - eine periodische. "Die Jäger haben sich freiwillig dazu verpflichtet, auf Intervalljagden zu gehen. Im April und Mai war ein Schwerpunkt. Ausgenommen davon waren Rehe, die Kitze mit sich führten, und Leitbachen mit Frischlingen. Bis August ist dann Ruhe, im September geht die Jagd wieder los."

Derweil steht für das Team aus Göttingen fest: Es wird seinen Aufenthalt im Saarland verlängern. "Wir haben die Zeit zu knapp berechnet", gesteht Biologin Steffi Heinrichs. Denn in den fünf ausgesuchten Terrains sollen alle Daten peinlich genau festgehalten werden - in den Privatwäldern der Familie von Boch (Hausbach, Britten, Saarhölzbach), im Privatwald Forstgut Hundscheid (Saarhölzbach, Serrig) sowie in den Staatswaldkomplexen "Bachemer Kammerforst" und im "Schwarzbruch" (Perl). "In den Staatswaldkomplexen überwiegt bei weitem Laubholz wie Buche oder Eiche, während es in den Privatwäldern zusammenhängende Nadelwaldbestände gibt", informiert Gangolf Rammo. "Für die natürliche Artenvielfalt ist der Projektraum von überregionaler Bedeutung, da er durch die Saarsteilhänge, durch teilweise kaum erschlossene und daher nicht bewirtschaftete Seitentälchen sehr seltene Lebensräume aufweist."

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Auf einen Blick Auch ohne Technik kann Forstwissenschaftler Torsten Vor die Höhe eines Baumes berechnen - mit einem Stock. Einzige Bedingung: "Er muss so gehalten werden, dass das obere Ende genau so weit über die Hand hinausragt, wie der eigene Arm lang ist", erläutert er. "Danach geht man so weit vom Baum, der zu messen ist, weg, bis der Wipfel und der obere Stockabschnitt gleich lang erscheinen." Die Baumhöhe ergibt sich nach seinen Worten aus der Entfernung vom Standpunkt zum Baum. "Es ist zwar keine zentimetergenaue Messung, aber man kann auf jeden Fall abschätzen, ob der Baum auf ein Haus fällt oder nicht." mst