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Aufbruch
Aufbruch ins Abenteuer neue Welt

Die Liebe war für Matthias Gansemer aus Roth und Mary Gansemer, geborene Oswald aus Saarhölzbach der Grund, nach Amerika auszuwandern. Der Vater des Rothers war gegen diese Verbindung. Im Bild: Mary Gansemer und sechs ihrer sieben Töchter vor ihrem Haus in Ashton, Iowa.
Die Liebe war für Matthias Gansemer aus Roth und Mary Gansemer, geborene Oswald aus Saarhölzbach der Grund, nach Amerika auszuwandern. Der Vater des Rothers war gegen diese Verbindung. Im Bild: Mary Gansemer und sechs ihrer sieben Töchter vor ihrem Haus in Ashton, Iowa. FOTO: Bernd Heinz, Familienbesitz
Taben-Rodt/Saarhölzbach. Ein Fünftel der Einwohner von Taben, Rodt und Hamm ist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Amerika ausgewandert, viele nach Iowa. Wie ein Detektiv hat Bernd Heinz ihre Spuren ausfindig gemacht und ist auf kleine Farmer und große Kaufleute gestoßen.

1816 gilt als das Jahr ohne Sommer. Ein Vulkanausbruch in Indonesien führt dazu, dass sich riesige Mengen an Staub und Asche wie ein Schleier um den Erdball legten. Die Folge: Die Sonne kommt kaum durch. Der Sommer in Westeuropa bleibt kalt. Es kommt zu Miss­ernten.



Weitere schlechte Ernten folgen – in Taben und Umgebung zwischen 1843 bis 1847. Und noch etwas erschwert das Leben: Die Familien besitzen nur Kleinstparzellen, denn das gemeinschaftlich genutzte Land des Tabener Klosters wurde zur Zeit der napoleonischen Besetzung aufgeteilt. Zudem herrscht starkes Bevölkerungswachstum. Die Menschen hungern. So beschreibt Bernd Heinz in seinem Buch „Tabener Auswanderer“ die Ausgangslage für den Exodus nach Amerika, eine Welle, die den ganzen Regierungsbezirk Trier erfasst.

Rund 120 Menschen verlassen zwischen 1850 und 1899 die Dörfer Taben, Rodt und Hamm – mehr als ein Fünftel der Einwohner, wie der Ahnenforscher herausfindet. Und sie treibt nicht nur der Hunger. Die Menschen haben Angst vor weiteren Kriegen mit Frankreich. Es gibt Unruhen im eigenen Land (Revolution von 1848) und keine Aussicht auf Besserung. Auf der anderen Seite erreichen die Menschen verlockende Berichte aus Amerika. Von kostenlosem Land, guten Ernten, ebensolchen Löhnen und von Arbeitskräftemangel ist da die Rede.

So kommt es, dass 1854 einer der ersten Tabener nach einem neuen Leben in den Vereinigten Staaten sucht: Johann (später John) Klein. Er wandert mit seiner Frau und zwei Kindern aus. Ihm kommt Bernd Heinz als Erstes auf die Spur. Heinz: „Ein Verwandter von ihm war in Taben, er hat die Familiengeschichte aufgeschrieben.“ Über diesen und weitere Kontakte landen Heinz und seine Frau Beate auf dem alljährlichen Familientreffen der Kleins in Dubuque im Bundesstaat Iowa. Im Ort sehen sie sich auch den Friedhof an – und da wundert er sich: „Ich habe viele Namen aus Taben dort gefunden wie Naumann und Gansemer.“

Es ist wenig über die Auswanderer bekannt. Heinz weiß von seiner Mutter, dass es viele waren. Es kommen auch immer wieder Amerikaner auf der Suche nach ihren Wurzeln ins Dorf. In der Ortschronik sind 40 Namen aufgelistet. Doch wann sind sie fortgegangen? Und wohin? Was ist aus ihnen geworden? Für den 63-Jährigen, der im Ruhestand seine Liebe zur Geschichte entdeckt hat, beginnt ein Projekt. Zunächst schreibt er einen acht Seiten langen Beitrag für das Kreisjahrbuch 2017 über die Tabener Auswanderer. Da packt es ihn. Wie ein Detektiv macht er sich auf die Suche nach Antworten. Alles muss Hand und Fuß haben, schließlich ist er ein faktenorientierter Betriebswirt.

Er wälzt hiesige Kirchenbücher, in denen lediglich Geburt, Hochzeit und Kinder vermerkt sind. Er findet eine alte Flurkarte von Dubuque mit den Namen der Grundstücksbesitzer. Über seine Internetseite bietet er Amerikanern auf der Suche nach Tabener Verwandten Hilfe an. Hunderte Mails gehen hin und her. Heinz erhält auf diesem Weg zuweilen Unterlagen. Er gleicht die Daten mit denen von Familienbüchern und Grabsteinen ab. Insbesondere die Gräber der Pioniere sind gut erhalten, da die Nachfahren stolz auf sie sind. Der Ahnenforscher besorgt sich die Daten des alle zehn Jahre erfolgenden Mikrozensus, doch auch sie geben nur bedingt Aufschluss. Als Herkunftsort ist in der Regel Preußen, nicht etwa Taben oder Rodt vermerkt.

Warum gerade Iowa? Bernd Heinz schafft es, die vielen kleinen Mosaiksteinchen zusammenzusetzen – zu einem 300 Seiten dicken Buch. Zwei Jahre braucht er dafür. Das Schicksal von 25 bis 30 Familien wird in dem Buch beleuchtet – Stammbäume inklusive. Oft fangen die Emigranten als Farmer an. In Iowa erhalten sie Land, das ihnen überlassen wird, wenn sie es urbar machen und fünf Jahre lang bewirtschaften. Heinz: „John Klein hat damals sinngemäß nach Hause geschrieben: ,Es ist gut in Dubuque. Kommt auch!’ Familiennachzug nennt man das heute.“

Es kommen einige, vor allem zwischen 1860 und 1870. Im Bundesstaat Iowa leben schließlich bis zu 30 Prozent deutsche Einwanderer. Es gibt deutsche Zeitungen, deutsche Vereine, deutsche Kirchen. Man spricht Deutsch – zumindest bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Dass viele Tabener unter den Einwanderern in Iowa sind, ist vielleicht kein Zufall. Beate Heinz stellt fest: „Die Gegend sieht aus wie bei uns auf dem Saargau.“ Nur, dass alles viel größer ist. Auch die Farmen. Bernd Heinz sagt: „Es ging dort vielen Leuten wesentlich besser als zu Hause.“ Erfinderische Überlebenskünstler Viele Tabener werden sesshaft, andere verkaufen alles und ziehen wieder weg. Einige arbeiten als Tagelöhner in einem Laden oder einer Fabrik, andere machen sich selbstständig. Beate Heinz meint: „Die waren zum Teil sehr erfinderisch und geschäftstüchtig.“ So eröffnet der 1843 in Roth geborene Franz Faha, ein Schneider, in der Kleinstadt Dyersville in Iowa schließlich das größte Kaufhaus der Region. Er wird einer der reichsten Pioniere. Die Söhne von John Klein betreiben eine Stinktierfarm und verdienen ihr Geld außerdem mit einem Saloon, einem Kino, einer Tanzhalle mit Musikbands, Landmaschinenhandel sowie einer Rollschuhbahn.

Ein neuer Blick auf die Welt. Für die ersten Auswanderer ist der Sprung über den Atlantik noch ein ganz großes Abenteuer, das mit einer sechs- bis achtwöchigen Überfahrt mit dem Segelschiff in Antwerpen oder Le Havre beginnt. Doch es werden immer mehr. Die Massenauswanderung nicht nur der Deutschen wird schließlich zum Massengeschäft – mit Reiseführern, die die Wirtschaft des Landes erläutern, mit Agenten, die die Reise managen, und mit Dampfschiffen, die nur noch sechs Tage unterwegs sind. Die Einreiseregeln werden immer strenger. Die große Welle ebbt ab. Den Blick von Bernd Heinz auf die Welt haben seine Nachforschungen zur Auswanderung der Tabener verändert. Er versteht Wildwestfilme und das Thema Waffenbesitz in den USA heute besser – angesichts von Pionieren, für die es extrem wichtig war, Land und Leben gerade in den ersten fünf Jahren in Amerika zu verteidigen. Der Tabener sieht auch viele Parallelen zur Einwanderung nach Deutschland heute. Und dann meint er noch: „Ich hätte das damals wahrscheinlich auch gemacht.“

Mit diesem Auswandererschiff Westernland, einem Dampfsegler, ging es über den Atlantik nach Amerika.
Mit diesem Auswandererschiff Westernland, einem Dampfsegler, ging es über den Atlantik nach Amerika. FOTO: Kollektion MAS | Museum aan de Stroom (Antwerpen)
Auswanderer Frank Faha eröffnete in Iowa ein großes Kaufhaus. Das Bild von 1892 zeigt ihn mit seiner Familie.
Auswanderer Frank Faha eröffnete in Iowa ein großes Kaufhaus. Das Bild von 1892 zeigt ihn mit seiner Familie. FOTO: Bildquelle: Frank Enyeart, USA
Bernd Heinz mit seinem Buch „Tabener Auswanderer“. Viel Recherchearbeit hat der Betriebswirt auf sich genommen, Bücher und Urkunden gewälzt, Daten abgeglichen und sich Unterlagen besorgt. Denn schließlich sollte alles Hand und Fuß haben.
Bernd Heinz mit seinem Buch „Tabener Auswanderer“. Viel Recherchearbeit hat der Betriebswirt auf sich genommen, Bücher und Urkunden gewälzt, Daten abgeglichen und sich Unterlagen besorgt. Denn schließlich sollte alles Hand und Fuß haben. FOTO: Marion Maier/Maier