Merziger Museum zeigt historische Feinmechanik

Kostenpflichtiger Inhalt: Fellenbergmühle Merzig : Von der Mühle zur lebendigen Werkstatt

Die Fellenbergmühle in Merzig hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Heute wird sie als Kulturstätte und Trauzimmer genutzt.

Nur wenige schmale Gänge trennen die zahlreichen, dicht beieinander stehenden Maschinen. Entlang der Decke laufen Räder und Transmissionsriemen (historisches Riemengetriebe). An der einen oder anderen Stelle sind frische Arbeitsspuren auf dem alten, knarrenden Holzboden zu erkennen. In jeder Ecke des 1997 eröffneten „Feinmechanischen Museums Fellenbergmühle“ spürt man das Flair des beginnenden 20. Jahrhunderts. Das im historischen Stadtkern von Merzig liegende Museum umgibt eine ganz besondere Atmosphäre, die ihre Besucher nach nur wenigen Minuten in ihren Bann zieht.

„Das Gebäude der Fellenbergmühle gehörte zu einer Getreidemühle, die 1767 im Zentrum von Merzig in Betrieb genommen wurde“, erzählt Erwin Maul vom Förderverein Fellenbergmühle. Erbaut wurde sie von Romanus Siegele und Mathias Gusenberger. Die Mühle nutzte damals die Wasserkraft des Seffersbachs kurz vor dessen Mündung in die Saar. Ihren heutigen Namen erhielt sie zu Ehren des ersten Merziger Ehrenbürgers Wilhelm Tell von Fellenberg.

Die Werkstatt hat jedoch andere Wurzeln: Nachdem der Mahlbetrieb eingestellt worden war, erwarb Johann Peter Hartfuß im Jahr 1927 die Mühle und errichtete darin eine feinmechanische Werkstatt. Ein Familienbetrieb, der sich auf Präzisionswerkzeuge für das Uhrmacherhandwerk und die Goldschmiede spezialisierte. Dazu benötigte Hartfuß ein umfangreiches Sortiment an Zerspanungswerkzeugen wie Bohrmaschinen, Drehbänke, Fräs- und Hobelmaschinen.

Die zum Antrieb benötigte Energie produzierte der Betrieb selbst. Energielieferant ist auch heute noch der angestaute Seffersbach. Zur Verbesserung der Effizienz ersetzte Hartfuß im Jahr 1929 das alte Wasserrad der Mühle durch eine leistungsstarke Francis-Turbine. Dabei behielt er den Transmissionsbetrieb, rüstete also die einzelnen Maschinen nicht wie sonst üblich auf Einzelantrieb mit Elektromotoren um.

Da die Turbine laut der Deutschen Stiftung Denkmalschutz jedoch stark verrostet war, konnte sie zeitweise nur mit geringer Drehzahl betrieben werden. „2018 wurde das Schaufelrad der Turbine ausgebaut, vermessen und nachgebaut“, sagt Maul. Seit Anfang des Jahres läuft der Betrieb wieder normal.

Bei seinen Produkten, die aufgrund ihrer Präzision weltweit gefragt waren, blieb der Uhrmacher- und Mechanikermeister Hartfuß jedoch innovativ, wie Maul erzählt. So entwickelte er zusammen mit seinem Neffen Stephan Gottfrois die Trauringmaschine „Cardan“, die er 1931 beim deutschen Patentamt anmeldete. Unter Verwendung von Schablonen ließen sich mit der Maschine Trauringe beschriften. Eine weitere Eigenentwicklung war die Stanz- und Triebnietmaschine „Multiplex“.

Das 1925 von Hartfuß konstruierte Uhrwerk trieb 1955 die „Saarlanduhr“ (auch Tomaten-, Obst- oder Blumenuhr genannt) im Merziger Stadtpark an. Das Zifferblatt war aus Äpfeln, Birnen, Tomaten, Bohnen, Erbsen, Mohrrüben und Trauben gestaltet.

1959 übernahm die Familie Gottfrois den Betrieb, der 1973 eingestellt wurde, und verlagerte ihn schließlich Anfang der 80er Jahre an einen neuen Standort – die alte Werkstatt in der Fellenbergmühle blieb zurück und verfiel für einige Jahre in einen Dornröschenschlaf. Mit Unterstützung des Landkreises übernahm die Stadt Merzig 1991 die Anlage, sanierte sie und richtete mit Hilfe des Fördervereins ein Museum in dem dreigeschossigen Gebäude ein. Trotz Sanierung ist der Werkstattcharakter erhalten geblieben.

Das feinmechanische Museum Fellenbergmühle stellt heute eine Rarität in der Industriegeschichte dar. Denn viele der vorhandenen Geräte können immer noch in kürzester Zeit in Betrieb genommen werden, wie Maul erklärt. Leider finden nur wenige Besucher ihren Weg in das Museum, wie der 82-Jährige sagt. „Es könnten mehr sein.“ In der Vergangenheit kamen  aber auch schon mal Gäste aus Australien, aus Kanada, aus Frankreich und aus England nach Merzig, wie Maul berichtet.

Man merkt schnell, dass der 82-Jährige mit den Gerätschaften bestens vertraut ist – zu jeder hat er eine Geschichte parat. Kein Wunder: Er kennt sich bereits seit seiner Jugendzeit hier bestens aus. „Ich habe in dieser Werkstatt meine Lehre gemacht“, erzählt Maul, der sich immer mit großem Engagement für den Erhalt der Mühle eingesetzt hat. Heute leitet er Führungen durch die Werkstatt, setzt die historischen Maschinen mit fast schon traumwandlerischer Sicherheit in Betrieb, führt sie den Besuchern vor und fertigt vor deren Augen kleine Metallobjekte an. Unterstützt wird er dabei von Peter Gottfrois, dem Enkel des ehemaligen Besitzers, und Alfred Stutz, die selbst als ehemalige Lehrlinge ihr Handwerk hier gelernt haben.

Im Eingangsbereich des 1997 mit dem saarländischen Denkmalpreis ausgezeichneten und unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes befindet sich ein kleines Bistro. Das Dach­geschoss wird regelmäßig für wechselnde Kunstausstellungen genutzt, steht aber auch für Trauungen und kleinere Feierlichkeiten zur Verfügung. 2017 wurde die Fellenbergmühle 250 Jahre alt, gleichzeitig feierte der Förderverein seinen 20. Geburtstag.

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Das Uhrwerk der „Saarlanduhr“. Foto: Peter Franz
Erwin Maul vom Förderverein Fellenbergmühle bei der Arbeit. Foto: Peter Franz
Die Trauringmaschine „Cardan“. Foto: Peter Franz
Die Werkstatt im ersten Stock des Gebäudes. Foto: Spectrum/ Peter Franz. Foto: Peter Franz

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