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„Zigeunerbeerdigung“ machte Schlagzeilen in der Zeitung

„Zigeunerbeerdigung“ machte Schlagzeilen in der Zeitung

Kein Thema bewegt in diesen Tagen die Gemüter im Land so sehr wie die durch die Flüchtlingskrise bedingte Masseneinwanderung nach Deutschland. In diesem Beitrag soll die Zuwanderung in die Merziger Region während der letzten 200 Jahre als eine Geschichte der auf vielfache Weise stattgefundenen Begegnung mit dem Fremden dargestellt werden.

Allerdings gab es zum Teil auch ganz andere, wesentlich unvoreingenommenere Haltungen "Zigeunern" gegenüber. Die Merziger Zeitung berichtete am 13. Januar 1892: "Seit einigen Tagen hat eine Künstlergesellschaft mit 7 Wagen am hl. Kreuz dahier Standquartier. Man hat es hier nicht, wie andere Blätter (die Konkurrenz in Gestalt der Merziger Volkszeitung; d. Verf.) schreiben, mit einer Zigeunerhorde zu tun, sondern es sind Landsleute von uns, die sich durch künstlerische Aufführungen etc. ehrlich durchschlagen. Mehrere der männlichen Mitglieder haben ihrer Militärpflicht bei der deutschen Armee genügt und einer sogar in Berlin bei der Garde. Die Gesellschaft scheint gut ‚bei Groschen' zu sein, denn sie lebt gut und lässt viel Geld hier. Auffallend sind ihre schönen Pferde, für die sich schon mehrere Liebhaber gefunden haben. Einzelne Mitglieder der Truppe treiben nämlich auch Pferdehandel. Leider hat sie einen Todesfall zu verzeichnen. Eine junge Mutter hat das Zeitliche gesegnet; ihr 9 Tage altes Kind lebt. Die Gerüchte, wie sie verbreitet sind, beruhen auf Erfindung. Heute Nachmittag 2 Uhr wurde die Entschlafene auf dem katholischen Friedhof beerdigt. Schon vorgestern ist das Grab mit Backsteinen ausgemauert worden. Die Grabstätte kostet 60 Mk., welche der Ehemann im Voraus entrichtet hat. Auch wurde ein sehr schöner und wertvoller Sarg gekauft und es fehlte nicht an reichem Kranzschmuck. Wie gesagt, die Leute scheinen wohlhabend zu sein und wenn sie auch einen Typus haben, als seien sie Bewohner der Pußta, so sind es doch keine Zigeuner , was wir zur Ehre der Gesellschaft gerne bemerken wollen. - Heute Abend findet im Gasthaus Adam ein Concert der Truppe statt. Vor einem Jahre produzierte sich dieselbe im Trierischen Hofe und wir erinnern uns noch heute der guten Leistungen. Es empfiehlt sich daher, heute Abend zu Adam zu gehen, allwo auch noch ein Glas vorzüglichen Münchener Stoffes unserer wartet."

Interessant bei dieser Darstellung ist die Betonung, dass es sich bei der Künstlergruppe, obwohl dies allem Anschein nach doch der Fall war, nicht um "Zigeuner " gehandelt habe. Denn trotz ihres "Typus, als seien sie Bewohner der Puszta", hätten sich in der Gruppe gediente Soldaten befunden, seien sie "gut betucht", hätten gute Pferde und böten künstlerisch wertvolle Darbietungen. Alles dies traute man für gewöhnlich "Zigeunern" offensichtlich nicht zu; deshalb konnte es sich nach Meinung des Verfassers des vorstehenden Artikels auch nicht um eine "Zigeunerhorde" handeln. Dies wiederum scheint allerdings ein Hinweis dafür zu sein, dass sich zumindest Teile der Sinti und Roma zu diesem Zeitpunkt bis zu einem gewissen Grad in die deutsche Aufnahmegesellschaft integriert waren. Etwas ungewöhnlich erscheint lediglich die Tatsache, dass ungeachtet des Todesfalles eine Aufführung der Künstlertruppe stattfand.

Zwei Tage später, am 15. Januar 1892, berichtete die Merziger Zeitung über das Begräbnis der so plötzlich verstorbenen jungen Mutter, die Lani Blum hieß und deren Grab sich heute noch auf dem Propsteifriedhof in Merzig befindet, folgendes: "Es haben hier schon Begräbnisse stattgefunden, die eine sehr große Beteiligung aufzuweisen hatten, aber keines von all' diesen zeigte so viele Teilnehmer als die vorgestern stattgehabte ‚Zigeuner-Beerdigung'. Da sah man Damen und Herren, die das ganze Jahr hindurch nicht auf dem Kirchhof gewesen sind. Natürlich trieb sie nur die Neugierde dorthin. Sie glaubten vielleicht, die ‚Zigeuner ' würden irgendeinem Gebrauch huldigen und einen Totentanz oder sonst etwas aufführen. Man hat sich aber getäuscht; es soll ein sehr würdiges Begräbnis nach echt katholischer Art gewesen sein."

Dass Juden sich hier in der Merziger Region ansiedelten, stellt nichts Außergewöhnliches dar. Wilhelm Laubenthal berichtet in seinem Werk "Die Synagogengemeinden des Kreises Merzig", dass 1652 erstmals ein Merziger Jude namentlich erwähnt ist. Laubenthal geht allerdings davon aus, dass bereits zuvor Juden in Merzig ansässig waren, denn schon seit dem 8. Jahrhundert ist die Existenz von Juden auf dem Gebiet des mittelalterlichen Reiches nachgewiesen. Die Juden wurden in erster Linie als eine religiöse Minderheit verstanden.

Ein religiös motivierter Antijudaismus war bereits in der Antike verbreitet. Er machte sich vor allem im Mittelalter sehr stark bemerkbar und fand seinen Ausdruck in der Errichtung von Ghettos, Kennzeichnungen, wie dem "Judenfleck", den Juden gezwungen waren zu tragen, Zwangstaufen und Verfolgungen. Dieser historische Antijudaismus wurde zum Teil sowohl von der geistlichen als auch der weltlichen Obrigkeit zusätzlich befeuert, indem sie die Juden zu Sündenböcken machten, um von sozialen Missständen abzulenken. Im Zusammenhang mit der Kreuzzugsbewegung und der Ketzerbekämpfung kam es verstärkt seit dem 12. Jahrhundert zu größeren Judenverfolgungen. Unter anderem durch absurde Verleumdungen versuchte man die Ausgrenzung und Verfolgung der im Reich ansässigen Juden zu verstärken und zu rechtfertigen.

Neben dem Vorwurf der Brunnenvergiftung und der Ritualmordlegende wurden die Juden auch des Hostienfrevels bezichtigt. Vorwand war die angebliche Schuld des jüdischen Volkes am Tod Jesu Christi, da der Jude Judas Ischariot ihn an die jüdische Obrigkeit verraten hatte. Es ging das Gerücht um, Juden hätten sich geweihte Hostien beschafft, mit Messern durchbohrt, in Aborte geworfen, zerstoßen, verbrannt und somit Jesus immer wieder neu verspottet.

Obgleich viele Päpste, Kaiser, Gelehrte und Richter Beschuldigungen dieser Art immer wieder als Lügen bezeichnet haben, blieben sie über Jahrhunderte hinweg ein Mittel, die Juden in Misskredit zu bringen und zu verleumden. < Wird fortgesetzt.