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Merzig
„Warum kommen die Deutschen nicht mehr zu uns?“

 Das „Deutsche Evangelische Krankenhaus“ in Assuan, früher stets auch von saarländischen Reisegruppen besucht, ist mit über 20 Ärzten ein Erfolgsmodell. Finanziert wird es von Wiesbaden aus.
Das „Deutsche Evangelische Krankenhaus“ in Assuan, früher stets auch von saarländischen Reisegruppen besucht, ist mit über 20 Ärzten ein Erfolgsmodell. Finanziert wird es von Wiesbaden aus. FOTO: Traudl Brenner
Merzig-Wadern. Eine Reise ins Ägypten von heute deckt auf, dass es den Tourismus früherer Zeiten nicht mehr gibt. Auch sonst hat sich einiges verändert. Von Traudl Brenner

 


So mancher Leser unserer Zeitung mag sich noch an die früher so häufigen Berichte über Ägypten in dieser Zeitung erinnern: 1978 schon begannen die von der Christlichen Erwachsenenbildung in Merzig alljährlich organisierten  Ägypten-Reisen von der unteren Saar in das Land am Nil. Der damalige CEB-Chef Georg Hasenmüller hatte die Bildungsreisen ins Land der Pharaonen ins Leben gerufen und organisiert. Und die Saarländer sind in Scharen mitgefahren an den Nil. Jedes Jahr etwa 40 wissensdurstige Frauen und Männer jeder Altersklasse haben ihre Herzen an Tempel und Pyramiden, an Wüste, Nil – und an die Menschen verloren.

Zurückgekehrt sind sie voller Eindrücke – und ebenso voller Tatendrang. Denn sie hatten nicht nur die Schätze der Ägypter kennengelernt, sondern auch die deutsche Nonne Schwester Maria Grabis und ihre Hilfsaktion für die bettelarmen „Zabalin“, die Kairoer Müllmenschen. Sogar eine richtige Schule für die Müllkinder hatte sie gegründet.



So haben die Ägypten-Fans an der Saar den „Hilfsfonds Schwester Maria“ gegründet, Geld gesammelt und Sachspenden wie  Koffer-Nähmaschinen – alles, was die Ägypter, die sie kennengelernt hatten, so dringend brauchten.

Dann kam 2011 der „Arabische Frühling“, die Revolution in Ägypten – und damit das Ende der CEB-Ägyptenreisen. Mittlerweile ist zwar der Tourismus in das Land am Nil zurückgekehrt, doch sein Gesicht hat sich verändert. Und die Merziger Aktion gibt es nicht mehr.

Nun ist aber die Schreiberin dieses Artikels, die von Anfang an die Reisen der CEB nach Ägypten geleitet hatte, von Neugier übermannt worden und wollte sehen, wie sich das Land entwickelt hat. Schloss sich erst einer SZ-Leserreise an, die per Schiff auf dem Nil von Tempel zu Tempel fuhr, um sich dann allerdings, als die Gruppe noch einen Badeurlaub in Hurghada am Roten Meer  anhängte, auf eigene Faust auf den Weg in die Hauptstadt zu machen, um das Kairo von gestern mit dem von heute vergleichen zu können.

Ein erster großer Unterschied: Zu  Beginn der CEB-Ägypten-Reisen hatte Ägypten – nur drei Prozent des eine Million Quadratkilometer großen Landes sind fruchtbar – geschätzte 70 Millionen Einwohner. Heute sind es 97 Millionen, wovon allein  etwa unvorstellbare 22 Millionen in der Hauptstadt Kairo leben, oder besser: vegetieren. Der Tourismus ist, wie es den Eindruck macht, auf dem Rückmarsch. Von 1978 bis 2010  brummte er noch. Vor allem Deutsche kamen in Scharen und brachten viel Geld ins Land. Und jetzt das Wiedersehen, und der Schock:  Der Besucherstrom geht dramatisch zurück. Die Hotels sind halb leer. Die Basare, die früher überquollen, weil die Touristen Souvenirs kauften, ebenso. Deutsche, die Ägypten noch besuchen, gehören zur älteren Altersklasse und verbringen ihre Reise am liebsten auf einem Nilschiff. Junge Leute aus Deutschland sind rar. Man findet sie fast nur noch in den Badeorten. Die Taxifahrer und die einheimischen Guides – meist studierte Leute, Lehrer oft , die ihr miserabel bezahltes Lehramt für den Job in der Touristenbetreuung aufgegeben hatten – fragen verzweifelt: „Warum kommen die Deutschen nicht mehr zu uns?“  Jetzt sind zwar erstmals viele  Chinesen da - aber die lassen wenig Geld zurück und interessieren sich nicht besonders für Land und Leute.

Auch früher schon trugen natürlich viele muslimische Ägypterinnen Kopftuch, aber nur wenige waren voll verschleiert. Die Touristinnen durften, wie auch die einheimischen Koptinnen, ohne Kopftuch gehen. Aber die Besucher hatten genug Respekt vor ihren Gastgebern und deren Sitten - da wäre keine Touristin  aus westlichen Ländern mit bloßen Schultern oder kurzem Höschen in Ägypten rumgelaufen.

Heute nun sind viele Ägypterinnen voll verschleiert.  Selbst die Augenschlitze werden mit einem Schleier abgedeckt. Damit auch wirklich niemand die blanke Haut sieht,  müssen die Frauen Handschuhe tragen. Nun war das Klima jetzt, im Winter, noch mild mit 25 bis 30 Grad. Aber diese Regeln gelten auch bei 50 bis 60 Grad im Sommer. Die Arbeitslosigkeit hat katastrophale Ausmaße angenommen, das Schulgeld ist riesig hoch geworden und für viele Familien kaum noch zu bezahlen. Zwar ist die Grundschule kostenlos, aber da sitzen dann in jeder Klasse 60,70 Kinder, und Lehrer gibt es kaum, die verdienen anderswo wenigstens etwas mehr. Keine Chance für die Kinder also. Deshalb sparen sich Eltern, die die Zukunft ihrer Kinder sichern wollen, das hohe  Schulgeld für bessere, aber private Schulen buchstäblich vom Mund ab.

Was ist sonst geschehen in Kairo?  Neue Stadtteile sind entstanden. Hochhaus reiht sich an Hochhaus. Fertig geworden sind die wenigsten – meist stehen Bauruinen herum. Zwischen Kairo und Suez entsteht gerade eine zweite Hauptstadt. Sie ist schon weit gediehen und soll einer Million Ägyptern – aber nur ganz reichen! - neue Heimat werden. Natürlich gibt es auch viel mehr Autos als früher. Und die Fahrweise ist weiterhin chaotisch. Die Straßen sind verstopft, Markierungen, Ampeln – alles fehlt. Wer eine Straße überqueren will, riskiert sein Leben.

Und die heutigen Touristen, die Haupteinnahmequelle, die letzte Chance des Landes? Wenige respektieren die Bräuche und die Regeln der Religion des Landes. Viele gehen mit nackten Beinen, bloßen Schultern, ohne zu bedenken, dass sie damit dem Tourismus bald total den Garaus machen werden, denn die radikalen Muslime werden dagegen aufbegehren.

Das große Projekt der längst verstorbenen Schwester Maria Grabis indes, die Schule für die Müllkinder  – es war nicht mehr zu finden. Es sei, war zu erfahren, von einer  anderen Gruppierung übernommen worden, aber wo, wusste keiner mehr. Auch die damaligen einheimischen Dolmetscher nicht. Kairo mit seiner riesigen Einwohnerzahl ist halt nicht einfach zu überblicken.

Wiedergefunden hat die Autorin dieses Artikels immerhin in der oberägyptischen Stadt Assuan das ebenfalls von Deutschen ins Leben gerufene Evangelische Krankenhaus, das von der Christlichen Erwachsenenbildung in den Jahren zwischen 1978 und 2010 auch immer besucht und unterstützt wurde. Es ist weiter gewachsen und mit über 20 Ärzten eine der größten Einrichtungen am oberen Nil.