Wie der Krieg einem Jungen die Kindheit raubte

Merzig. Es ist still im Kombisaal der erweiterten Realschule in Merzig. Die Schüler der Klassen neun und zehn kamen eben noch laut schnatternd aus der Pause. Doch als Menachem Kallus mit seiner Schwester Emmy Arbel und Kabarettistin Alice Hoffman den Raum betritt, weicht das Stimmengewirr einer erwartungsvollen Ruhe

Merzig. Es ist still im Kombisaal der erweiterten Realschule in Merzig. Die Schüler der Klassen neun und zehn kamen eben noch laut schnatternd aus der Pause. Doch als Menachem Kallus mit seiner Schwester Emmy Arbel und Kabarettistin Alice Hoffman den Raum betritt, weicht das Stimmengewirr einer erwartungsvollen Ruhe. Hoffmann ist überregional bekannt geworden durch ihre Rolle als Hilde Becker an der Seite von Gerd Dudenhöfer. Sie steht in einem besonderen Verhältnis zu Menachem Kallus, sie lebte lange Zeit mit seinem Bruder zusammen, bis dieser 2001 verstarb. Alice Hoffmann begleitet Menachem Kallus auf seinen Vorträgen und übersetzt aus dem Englischen, was er erzählt. Sie hat maßgeblich Anteil an der Entstehung des Buches "Als Junge im KZ Ravensbrück". Man könnte eine Stecknadel fallen hören, als Menachem Kallus zu sprechen beginnt. "Menschen denken, dass so etwas Schreckliches in der Welt in der wir leben, nicht mehr passieren kann. Doch das ist ein Fehler. Wir alle, und besonders ihr tragt die Verantwortung dafür, dass so etwas nicht passiert", ist seine eindringliche Botschaft an die Jugendlichen gleich zu Beginn. Er sagt dies nicht verbittert oder anklagend, aber mit viel Nachdruck. Es ist ihm wichtig, dass die Schüler verstehen, wie sich seine Welt damals zunächst in kleinen Schritten, dann in unvorstellbarem Maße für immer verändert hat. Eines Tages hielt morgens ein Polizeitransporter vor dem Elternhaus von Menachem Kallus. Seine Großeltern, Eltern, Geschwister und er mussten packen und mitkommen. Ihm war, obwohl er erst zehn Jahre alt war, klar, was nun passieren würde. Er wusste, dass sich nun alles ändern würde. Was ihnen genau bevorstand, wusste zu diesem Zeitpunkt aber noch niemand. Die Familie wurde schon bald auseinandergerissen. Die Männer kamen in ein separates Männerlager nach Buchenwald. Die Kinder wurden mit der Mutter in ein Lager nach Ravensbrück gebracht, wo die Erwachsenen täglich bis zur völligen Erschöpfung arbeiten mussten. Die Kinder blieben sich selbst überlassen. Es fand sich schnell ein Spiel, bei dem die Kinder abgetrennte Dosendeckel in die Luft warfen und sich freuten, wenn er besonders schön oder weit flog. Eines Tages warf Menachem Kallus einen Deckel sogar bis über den Zaun, versehentlich genau in die Richtung zweier Wachsoldatinnen, die um den Zaun patrouillierten. Die Kinder ahnten, dass dies nicht gut ausgehen würde und liefen weg. Eine der Wachsoldatinnen wurde vom Deckel tödlich an der Halsschlagader verletzt. Sofort wurden alle Insassen zusammengetrieben, der Täter sollte sich umgehend melden. Es war klar, dass dies dessen sofortigen Tod zur Folge haben würde. Die Kinder schwiegen. Alle im Lager wurden hart bestraft, es war Winter und für Wochen durfte niemand Schuhe und Strümpfe anziehen. Aber durch diese Entscheidung überlebten alle. Irgendwann ging alles wieder seinen gewohnten Lauf. Das war das erste Mal, dass eine Entscheidung und ein Quäntchen Glück Menachem Kallus Leben gerettet haben. "95 Prozent waren Glück, fünf Prozent waren Köpfchen, also die richtige Entscheidung zu treffen. Glück war aber auch, dass wir überhaupt in der Lage waren, eine Entscheidung treffen zu können", erklärt Menachem Kallus. Schließlich wurde er in ein Männerlager nach Sachsenhausen gebracht, wo er in einer Fabrik Schuhe sortieren musste, die aus den anderen Lagern kamen. Sie wurden in Einzelteile zerlegt, um Stiefel für die Wehrmacht herstellen zu können. Der inzwischen Zwölfjährige musste mit seinem Freund die Absätze von den Schuhen trennen. Da die Juden in anderen Lagern wussten, was ihnen bevorsteht, hatten sie Wertsachen, Goldstücke und Geld in den Absätzen versteckt. Dies alles fanden Menachem und sein Freund bei ihrer Arbeit. Sie konnten die Fundstücke mit einem guten Plan und viel Mut für sich nutzen, um so an mehr Essen zu kommen. Wieder war es Glück und Köpfchen, was ihnen das Überleben bis zum Kriegsende sicherte. Fast 60 Jahre konnte Menachem Kallus nicht über seine Gefühle und Erlebnisse sprechen. Erst 2001 begann er alles aufzuschreiben, aus der Sicht des damaligen Kindes. Mittlerweile besucht er Schulklassen, um die Jugendlichen aufzuklären, wie es kein Geschichtslehrer kann. Er erzählt auf eine Weise, die betroffen macht, die aufrüttelt. Denn wie er offen sagt, war er nach dem Krieg nicht drei Jahre älter geworden sondern 30. Er hat nie eine unbeschwerte Jugend gehabt, da er durch die Erlebnisse in den Lagern und die Trennung von seiner Familie in kürzester Zeit erwachsen werden musste. Organisiert wurde die Veranstaltungen über die Landeszentrale für politische Bildung des Saarlandes.Das Buch von Menachem Kallus ist unter dem Titel "Als Junge im KZ Ravenbrück" im Metropol-Verlag (ISBN 3-936411-95-6) erschienen."Wir Kinder wurden mit der Mutter in das Lager nach Ravensbrück gebracht, wo die Erwachsenen täglich bis zur völligen Erschöpfung arbeiten mussten."Menachem Kallus

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