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Merzig
Offene Gesprächskreise: In Trauer vereint

Einander zu verstehen und gegenseitig unterstützen zu können, das schätzen die Teilnehmer der offenen Gesprächskreise für Trauernde in Merzig.
Einander zu verstehen und gegenseitig unterstützen zu können, das schätzen die Teilnehmer der offenen Gesprächskreise für Trauernde in Merzig. FOTO: dpa / Sebastian Kahnert
Merzig . Zweimal im Monat bietet der Pastoralreferent des Dekanats Merzig, Jürgen Burkhardt, offene Gesprächskreise für hinterbliebene Eltern und Angehörige an. Das Angebot wird rege genutzt. Die Teilnehmer sprechen über ihren Verlust und spenden sich gegenseitig Trost.

Am Mittwoch, den 15. November, es muss so gegen 16, 17 Uhr gewesen sein, schnappte er noch einmal nach Luft. Dann war es vorbei. Ganze elfeinhalb Jahre lebte er mit der Krankheit, und plötzlich ging alles so furchtbar schnell. Margot F* kämpft mit den Tränen, als sie spricht. Dabei sei der Tod ihres Mannes schon fast ein Jahr her. Doch fühle es sich immer noch so an, als ob es erst gestern geschah. Die Anderen nicken verständnisvoll, sie wissen, wovon die 72-Jährige redet.


Alle, die an diesem Dienstag hier sitzen, haben das Gleiche durchgemacht. Sie haben einen geliebten Menschen verloren, einige plötzlich, andere nach langer, schwerer Krankheit. Hier, das ist beim offenen Gesprächskreis im Haus der Familie in Merzig, der einmal im Monat von der Katholischen Familienbildungsstätte und dem Dekanat der Stadt angeboten wird. Ins Leben gerufen wurde er 1997 vom Pastoralreferent des Dekanats, Jürgen Burkhardt. „Ziel ist es, dass sich trauernde Angehörige in einem geschützten Raum austauschen können mit Menschen, denen das gleiche oder ein ganz ähnliches Schicksal widerfahren ist und dass sie merken, dass sie mit ihrem Leid nicht alleine sind“, erklärt er. Geleitet werden die Treffen von Burkhardt und zwei ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen, Margit Fuchs und Ruth Crippa.

Gut zehn Teilnehmer zähle der Trauergesprächskreis aktuell, die meisten von ihnen kommen zu jedem Treffen, manche bereits seit vielen Monaten. „Eine regelmäßige Teilnahme ist keine Pflicht“, betont Burkhardt. Ohnehin gebe es keine Regeln; wer über seinen Verlust und Schmerz oder seine Erinnerungen an den verstorbenen Menschen sprechen möchte, könne das gerne tun. Ebenso herzlich willkommen seien aber auch jene, die nur schweigend zuhören und lernen wollen, wie andere Hinterbliebene mit ihren Gedanken und Gefühlen umgehen. „Jeder kann selbst entscheiden, ob er etwas sagen will und wie sehr er sich der Gruppe öffnen möchte“, erklärt der Pastoralreferent. Das bestätigt auch Antje M.*, eine Teilnehmerin des Gesprächskreises: „Man darf lachen, weinen, stumm dabei sitzen, hier wird nichts von jemandem erwartet.“ Natürlich sei diese Form der Trauerbewältigung nicht für jeden etwas. „In den Gesprächskreisen wird man mit dem eigenen Schicksal und mit dem der Anderen konfrontiert. Für Menschen, die sehr viel Empathie haben, könnte die Last dadurch zu groß werden“, erklärt Burkhardt.



Aus diesem Grund biete er Vorgespräche an, bei denen die Betroffenen zunächst unter vier Augen über den Tod des Angehörigen und ihren Umgang damit sprechen können. Dabei kläre er auch, ob sich ein Gesprächskreis für die Trauernden überhaupt eigne. „Wichtig ist der Zeitpunkt. Der Verlust sollte mindestens einige Wochen zurückliegen, davor fällt es meist zu schwer, sich darauf einzulassen“, konstatiert er. Stelle sich heraus, dass der Hinterbliebene generell nicht der Typ für persönliche Gespräche in einer Gruppe sei, so könne Jürgen Burkhardt ihnen auch mit Einzelgesprächen begleitend zur Seite stehen.

Werner Z.* bezeichnet die monatlichen Gruppentreffen als seine „Rettung“. „Ohne sie würde ich mit meiner Situation schlicht nicht fertig werden. Ohne Hilfe geht‘s einfach nicht“, urteilt er. Ende vergangenen Jahres ist seine Frau bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, der Schuldige stand unter Alkoholeinfluss. 31 Jahre wären sie jetzt verheiratet gewesen, sagt Werner Z., 31 Jahre und einen Monat. „Ich bin bestrebt, alles weiterhin so zu tun, wie meine Frau das gewollt hätte“, erklärt der 61-Jährige, der seit dem Tod seiner Frau zusätzlich in psychologischer Behandlung ist. „Doch es gibt diese Tage, an denen ich in ein Loch falle, aus dem ich nur sehr schwer allein wieder herauskomme“,offenbart er. Dann helfe es ihm, über seine Gefühle zu reden. Weil er seine Bekannten und Freunde aber nicht immer mit seinem Kummer belasten wollte, entschied er sich dazu, die offenen Gesprächskreisen besuchen. „Eine wichtige Entscheidung“, stellt er fest. Hier, zwischen all den Mitleidenden, fühle er sich verstanden, könne Kraft schöpfen und versuchen, weiterzumachen. Weitermachen, irgendwie.

Den Freundes- und Bekanntenkreis nicht zu sehr mit seiner Trauer belasten zu wollen, das sei die Motivation vieler Teilnehmer, sagt Jürgen Burkhardt. Deren Bereitschaft, immer wieder aufs Neue Trost zu spenden, nehme mit der Zeit auch tatsächlich ab – was völlig normal und auch verständlich sei, schließlich stehe das eigene Leben im Vordergrund. „Irgendwann kann man mit Verwandten, Freunden und Bekannten nicht mehr so über den Schmerz sprechen, wie man es gerne möchte“, bestätigt auch die 57-jährige Antje M., deren Mann vor drei Jahren während einer Routine-Operation gestorben ist. „Trauernde entwickeln oft Rituale, um mit ihrem Verlust umzugehen. Außenstehende können das meist nicht begreifen, hier aber wird es von allen akzeptiert, man fühlt sich verstanden und unterstützt“, berichtet sie.

Antje M. ist nun am längsten mit dabei. In drei Jahren habe sie bisher nur ein einziges Treffen verpasst. Für sie sei der Trauerkreis „heilig“, eines Tages nicht mehr zu kommen, das könne sie sich nicht vorstellen, noch nicht. Als längstes Mitglied hat sie bereits einige Trauernde kommen und wieder gehen sehen. Jedes Mal, wenn jemand Neues dazu stoße, werde man sich seiner eigenen Fortschritte erst bewusst, erklärt die Witwe. „Man sagt sich: Du warst auch mal an diesem Punkt. Sieh, wie weit du es geschafft hast, es geht dir doch schon besser.“ Und wenn sie dann ihre eigenen Erfahrungen schildere und von ihrer Entwicklung erzähle, gebe das auch den Anderen Hoffnung auf Besserung. So unterstütze man sich immer gegenseitig.

Auf unabsehbare Zeit zu den Gesprächskreisen zu kommen, das sei aber nicht das Ziel des Angebots, betont Jürgen Burkhardt. Zwar gebe es mitnichten ein „Ablaufdatum“, doch weise er Teilnehmer schon zu Beginn darauf hin, dass die Gruppe von einem Wechsel lebe. „Trauernde finden in der Regel immer den Punkt, an dem sie sagen können: ,Ich komme jetzt alleine zurecht und kann mich verabschieden’“, sagt er. Natürlich bedeute das nicht, dass der Tod des Angehörigen damit vergessen sei und man nicht mehr um ihn trauern dürfe, im Gegenteil. „Man sollte seine Gedanken und Gefühle nicht wegreden. Aber es ist wichtig, herauszufinden, was in der Trauer hilft und was nicht“, erklärt der Pastoralreferent.

In einigen Fällen genüge die Trauerbegleitung in Form der offenen Gesprächskreise aber nicht. Dann sei es wichtig, zusätzliche Unterstützung, zum Beispiel durch einen Psychologen, in Anspruch zu nehmen. So wie Werner Z., der es nach seinen Worten „ohne eine Therapie nicht schaffen würde“. „Vor allem bei einem plötzlichen Verlust, etwa durch einen Unfall, ist in der Regel mehr Hilfe erforderlich“, sagt Burkhardt. Wenn er den Eindruck habe, dass ein Teilnehmer noch ärztliche oder therapeutische Begleitung benötige, so würde er es ihm in einem Einzelgespräch nahelegen.

Margot F. spult die vergangenen Jahre noch einmal gedanklich zurück, erzählt von dem Termin beim Arzt, der ihrem Mann Alzheimer diagnostizierte. Vom Leben mit der Krankheit, dem Leid und den Schrecken, die sie verursachte. Wie der Ehemann die Zahnbürste plötzlich in den Kühlschrank legte, des Nachts im Wald spazieren ging, sie auf einmal mit dem Messer bedrohte, weil er sie „einfach nicht mehr kannte“. Von seiner Zeit im Pflegeheim gegen Ende seiner Tage, von jenem Anruf am 15. November. Und von seinem letzten Atemzug. Ja, es fühle sich immer noch an, als sei es erst gestern gewesen. „Doch in den Gesprächskreisen darüber reden zu können, die Erinnerungen an meinen geliebten Mann lebendig zu halten, das lässt mich stets an ein Morgen denken.“

*Namen von der Redaktion geändert

Dieses Buch beschäftigt sich auch intensiv mit den modernen Formen der Trauerarbeit.:
Dieses Buch beschäftigt sich auch intensiv mit den modernen Formen der Trauerarbeit.: FOTO: SZ / Bistum Trier