| 21:02 Uhr

Merzig
Was junge Leute im Kreis bewegt

Hannah Dewes (v.l. n. r.) Michael Gillenberg, David Cuervo Müller und Karsten Thomaser diskutierten unter der Leitung von SZ-Redakteur Christian Beckinger (Bildmitte).
Hannah Dewes (v.l. n. r.) Michael Gillenberg, David Cuervo Müller und Karsten Thomaser diskutierten unter der Leitung von SZ-Redakteur Christian Beckinger (Bildmitte). FOTO: Ruppenthal
Merzig. Vertreter von Partei-Nachwuchsorganisationen werben auf Podiumsdiskussion für mehr politisches Engagement der Altersgenossen.

Sieht so aus, als würde es nicht viel zu diskutieren geben. So schien es zunächst am Mittwochabend im großen Sitzungssaal des Landratsamtes in Merzig. Um sechs Uhr sollte die Diskussion mit jungen Menschen um deren politische Belange im Kreis starten, doch halb sechs und viertel vor sechs verstrichen, und der Saal blieb leer. Kurz vor sechs strömten dann aber die Zuhörer in den Saal, so dass kaum ein Sitzplatz frei blieb. Unter den größtenteils jungen Leuten fanden sich Vertreter der „großen“ Parteien, etwa Landrätin Daniela Schlegel-Friedrich (CDU), Klaus Borger (Grüne) sowie Manfred Klein und Guiseppe D’Auria beides SPD-Mitglieder im Stadtrat der Kreisstadt.


Erörtert wurden an diesem Abend Themen, die junge Menschen im Grünen Kreis (aber nicht nur hier) beschäftigen.

Zu der Podiumsdiskussion hatten die Vertreter der Jugendorganisationen von CDU, SPD, FDP und Grüne in Merzig ins Landratsamt geladen. Junge Union (JU), Junge Sozialisten (Jusos), die Grüne Jugend und die Jungen Liberalen (JuLis) stellten ihre jeweilige Organisation vor und wollten vor allem junge Leute zum Mitmachen motivieren. „Jetzt wird diskutiert!“, hatten sie daher die Diskussion überschrieben, die SZ-Redakteur Christian Beckinger moderierte.



Er eröffnete die Runde mit der Frage, inwieweit die Jugendorganisationen mit der jeweiligen „größeren“ Partei verzahnt seien. Hannah Dewes, Sprecherin der Grünen Jugend und mit 17 Jahren die Jüngste unter den Vertretern der Jugendorganisationen an diesem Abend, erläuterte, dass ihr Verband nur sehr klein sei, lediglich neun Mitglieder zähle die Grüne Jugend im Kreis Merzig-Wadern. Unterstützung erhielten sie von der Grünen-Fraktion und könnten sich in deren Sitzungen einbringen. Michael Gillenberg, der für die Junge Union sprach, stellte heraus, dass die JU nicht mit der CDU gleichzusetzen sei, doch dass sich die beiden Parteiorganisationen untereinander austauschten. David Cuervo Müller aus Perl sagte im Namen der Jungsozialisten, dass er sich freuen würde, wenn in der eigenen Organisation und in der SPD noch mehr diskutiert würde. Karsten Thomaser, Vertreter der Jungen Liberalen, verriet die Vorteile, einer recht kleinen Partei anzugehören: Die Wege seien kürzer, und junge Menschen könnten problemlos Ideen in die FDP hineintragen.

Erstes großes Thema des Abends war die Innere Sicherheit. JU-Vertreter Gillenberg aus Merzig sagte, dass sie alle jungen Leute beschäftige. Seinen Worten nach schöpft die Politik alle Möglichkeiten aus, um die Innere Sicherheit Deutschlands zu gewährleisten. Es brauche eine moderne Polizei mit Tablets und Bodycams (Kameras, die an der Uniform der Polizisten befestigt wird und aus deren Sicht Geschehnisse aufzeichnen) sowie eine Umstrukturierung, um die Präsenz der Polizei vor Ort zu steigern.

Für die Grüne Jugend erläuterte Hannah Dewes: „Man muss vor allem das Sicherheitsgefühl steigern, das geht nur über die richtige Ausbildung und Ausstattung der Polizei. Gleichzeitig darf man nicht überreagieren und eine totale Überwachung aufbauen“, meinte die Gymnasiastin aus Noswendel. Dem schloss sich David Cuervo Müller (19 Jahre) an. Innere Sicherheit sei ein sensibles Thema und auch in der SPD sehr umstritten. „Man muss immer bedenken, dass Überwachung keine Verbrechen verhindert, aber sie kann helfen, diese aufzuklären“, sagte er. Seiner Meinung nach gehe eine flächendeckende Videoüberwachung zu weit. Karsten Thomaser (19 Jahre) stimmte der Meinung der anderen Diskussionsteilnehmer zu. Auch für den Jung-Liberalen aus Bietzen ist es falsch, überall Kameras aufzustellen.

Die Probleme im Öffentlichen Personennahverkehr waren das nächste wichtige Thema.  Karsten Thomaser hob hervor, dass dies alle jungen Leute betreffe. „Gerade bei Festen stellt sich immer die Frage: ‚Wie komme ich dort hin? Wie komme ich von dort aus wieder nach Hause?‘ Die Busverbindungen werden immer besser, und wir hätten auch noch Ideen zur Verbesserung des Jugendtaxis, aber die Situation ist noch lange nicht ideal.“

Hannah Dewes pflichtete dem bei. „Es ist zum Beispiel schwierig, von Noswendel nach Merzig zu kommen, aber schon nach Wadern fährt am Wochenende kaum ein Bus. Selbst wenn man einmal einen erwischt, muss man oft umsteigen oder fürchterlich umständliche Routen nehmen. Und mit langen Wartezeiten muss man sowieso rechnen.“ Michael Gillenberg sprach das Problem der Struktur des Nahverkehrs an, speziell die Wabenstruktur von Bus und Bahn müsse überarbeitet werden, da dieses System viel zu kompliziert sei. „Für die Nachtbusse haben wir hart gekämpft. Und diese Busse müssen auch noch besser ausgestattet werden. Ein kostenloses W-Lan wäre beispielsweise wünschenswert, und auch das Kaufen und Einlösen von Karten per Smartphone wäre eine Verbesserung für junge Fahrgäste“, regte er an.

Müller wünschte sich einen kostenlosen Nahverkehr, wie ihn etwa Luxemburg besitze. Er gestand jedoch ein, dass das für Land und Kreis wohl nicht zu finanzieren sei. Auf jeden Fall aber müsse der öffentliche Personen-Verkehr günstiger werden, darin waren sich alle Diskussionsteilnehmer  einig.

Christian Beckinger nahm die Gelegenheit wahr, diese Wünsche an Landrätin Daniela Schlegel-Friedrich heranzutragen. „Das Hauptproblem wurde bereits angesprochen, die Finanzierung“, sagte sie. Hinzu komme die schwierige Frage der Zuständigkeit. Für Busse, die kreisübergreifend fahren, ist ihren Worten nach der Zweckverband Personennahverkehr Saarland (ZPS) verantwortlich. Für die Kosten für Busse, die innerhalb des Kreises gemeindeübergreifend fahren, sei der Landkreis zuständig, für die Finanzierung aller Busse, die innerhalb einer Gemeinde fahren, die jeweilige Stadt oder Gemeinde. „Aufgrund dieser Struktur und der Tatsache, dass der Kreis Merzig-Wadern flächenmäßig sehr groß ist, glaube ich, dass diese Probleme nicht mithilfe des klassischen Nahverkehrs gelöst werden können. Stattdessen brauchen wir flexiblere Lösungen, wie etwa das Jugendtaxi. Aber gerade durch den technischen Fortschritt mit Apps und Smartphones verbessern sich die Chancen für solch flexible Lösungen immer mehr.“

Bei den Themen Inklusion und Bildung  ging es auch um die Frage, ob die bisherigen Förderschulen abgeschafft und alle Kinder mit besonderem Förderbedarf an normalen Schulen untergebracht werden sollten. David Cuervo Müller forderte, Förderbedürftige gleichberechtigt zu  behandeln. „Allerdings haben wir zu wenige Förder-Lehrer, um dem Bedarf gerecht zu werden. Dieses Problem lässt sich natürlich nicht von heute auf morgen lösen.“ Hannah Dewes  stellte heraus, dass Kinder mit Lernschwäche mehr Aufmerksamkeit bräuchten und man daher einen normalen Lehrer nicht mit Kindern mit speziellem Förderbedarf allein lassen dürfe. „Ich kenne Schüler, die auf die Förderschule gehen und die dort viel glücklicher sind, eben weil dort das speziell geschulte Personal vorhanden ist, das solche Menschen brauchen.“

Michael Gillenberg schloss sich dem an. Zuallererst entstehe Inklusion in der Familie. „Die Eltern müssen entscheiden können, was für ihr Kind am besten ist. Um Kinder mit besonderem Förderbedarf an einer normalen Schule angemessen betreuen zu können, fehlt es an Personal und Räumlichkeiten. Viele Eltern finden daher, dass die Förderschule die bessere Lösung darstellt.“ Kinder, die auf eine Förderschule gehen, könnten außerhalb der Schule Kontakte zu anderen Kindern knüpfen, speziell in Vereinen, die sich nach seiner Auffassung besonders für Inklusion einsetzten.

Karsten Thomaser vertrat eine ähnliche Meinung: „Besondere Kinder brauchen besondere Betreuung, daher müssen wir die Förderschulen unbedingt erhalten“, unterstrich der Junge Liberale.

Einer Wortmeldung aus dem Publikum zufolge sei Inklusion zwar wichtig und nötig, scheitere aber oft mangels Ressourcen an der Umsetzung.  Auch zu dem Thema bat Moderator Christian Beckinger die Landrätin um ihre Meinung. „Der Knackpunkt wurde schon genannt, die Ressourcen fehlen. So, wie es im Moment bestellt ist, leiden normale und förderbedürftige Kinder.“ Hinzu komme das Problem, dass die vorhandenen Räume für die derzeitigen Klassengrößen zu klein seien, da in jeder Klasse mittlerweile drei bis vier Kinder mit Förderbedarf untergebracht seien. „Es gibt also viele Baustellen, vor allem der Personalmangel. Ich sehe es aber so wie die jungen Leute: Kinder mit Förderbedarf gehören eindeutig in die Förderschule. Diese müssen wir daher unbedingt erhalten.“  

Zur Digitalisierung und deren Auswirkung  auf den Arbeitsmarkt sagte Hannah Dewes: Die Wirtschaft werde immer mehr digitalisiert, daher müsse auch die Bildung digitalisiert werden. Das stelle an saarländischen Schulen ein Problem dar. „Kinder müssen früh an die Digitalisierung herangeführt werden, Deutschland darf in dieser Hinsicht nicht zurückfallen“, betonte die Sprecherin der Grünen Jugend. Karsten Thomaser erinnerte sich an seine Schulzeit und erzählte, dass er dort nicht im Geringsten auf die digitale Welt vorbereitet wurde. Dies müsse dringend verbessert werden, meinte der Junge Liberale. Von anderen  Erfahrungen berichtete David Cuervo Müller, der das Schengen-Lyzeum besuchte hatte. Die deutsch-luxemburgische Schule sei mit Smartboards, W-Lan und Tablets besser ausgerüstet und bereite seine Schüler besser auf das digitale Zeitalter vor. „Allerdings müssen die Lehrer nicht einfach nur den Umgang mit der digitalen Welt lehren, sondern den Schülern auch den kritischen Umgang mit diesen Medien mit auf den Weg geben.“ „Das Internet ist eine Riesenchance, nicht nur für jüngere Menschen“, sagte Gillenberg. „Eine neue Erfindung wie Alexa, die es mir ermöglicht, per Sprachbefehl das Licht an- und auszuschalten, ist für mich vielleicht eine nette Spielerei, aber für ältere Menschen oder Menschen mit Behinderungen kann sie eine Erleichterung im Alltag darstellen“, sagte der gelernte Bankkaufmann. Zudem sei der Ausbau eines schnellen Internets wichtig, eine Ansicht, der sich die anderen Diskussionsteilnehmer einhellig anschlossen. „Viele haben Angst, aufgrund der Digitalisierung ihren Job zu verlieren, und das zurecht“, sagte Dewes. „Aber nicht zu digitalisieren wäre fatal. Dann fällt Deutschland am Ende in 20 Jahren hinter allen anderen Ländern zurück.“

Karsten Thomaser  betonte, dass auch das, was hierzulande als „schnelles“ Internet bezeichnet werde, im globalen Vergleich immer noch zu langsam sei. „Mittlerweile haben immer mehr Leute eine Bandbreite von 50 Megabit pro Sekunde, aber das reicht für Startup-Unternehmen nicht aus. Viele kommen daher gar nicht erst nach Deutschland, aufgrund der schlechten Infrastruktur und der mangelnden Flexibilität. Wir brauchen eine viel bessere Verkabelung“, sagte er.

Zum Datenschutz schlug Grüne-Jugend-Sprecherin Hannah Dewes vor, dass die Transparenz der Datenverwendung erhöht werden müsse, um ihn zu verbessern. „Ich will genau wissen, was mit meinen Daten passiert“, gestand jedoch ein, dass dies schwierig umzusetzen sei. Dafür sei die digitale Frühbildung wichtig. Man muss den Kindern beibringen, nicht alles ins Internet zu stellen. Nach Ansicht von Michael Gillenberg bringt die neue Datenschutz-Grundverordnung einen ungeheuren Bürokratie-Aufwand mit sich, den tatsächlichen Nutzen zum Schutz der Daten nannte er gering. David Cuervo Müller verwies darauf, dass der Datenschutz an den Schulen vernachlässigt werde, dass dem aber mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte. Karsten Thomaser pflichtete dem Juso-Vertreter bei, gab jedoch zu bedenken, dass man mit dem Datenschutz nicht zu weit gehen solle.