Merzig: Warum die Jury auf Platz eins verzichtete

Merzig : Warum die Jury auf Platz eins verzichtete

In allen drei Entwürfen für den Seffersbachbereich sieht das Preisgericht gute Ansätze, doch keiner konnte sie komplett überzeugen.

Keine Idee der drei Planerbüros für den Seffersbachbereich hat die Juroren komplett überzeugen können. So haben die Preisrichter einen zweiten Preis dem Entwurf des Teams arus Willy Latz und Dutt & Kist sowie dem des Büros Wandel Lorch zugesprochen. Den dritten Preis erhält der Entwurf des Teams M.E.S.S und Bochem_Schmidt Architekten. Mit einstimmigem Beschluss verteilt das Preisgericht die Preissumme von jeweils 3000 Euro an die beiden Zweitplatzierten und in Höhe von 1500 Euro an den Drittplatzierten. „Alle drei Entwürfe folgen unterschiedlichen Ansätzen und bieten eine breite Palette an interessante Ideen, die in der Folge weiterentwickelt und vertieft werden können“, sagen die Juroren. Ihre Beurteilung zusammengefasst:

Zu Team 1, M.E.S.S. Stadtplaner, Kaiserslautern in Gemeinschaft mit Bochem_Schmidt Architekten, Merzig: „Der Entwurf weitet den Blick über das Plangebiet hinaus und nimmt die städtebaulichen Bezüge auf. Er zeichnet sich durch eine fundierte Analyse der städtebaulichen Struktur aus und setzt diese konsequent in den Entwurf um. Bestimmendes Element des Konzeptes ist die Tieferlegung des gesamten Platzbereichs, die durchgehende Öffnung zum Wasser und damit eine klare Trennung zwischen Platz und Verkehrsfläche.

Der Gustav-Regler-Platz ist deutlich zum Seffersbach orientiert und verliert ein wenig den Bezug zur Randbebauung. Gleichzeitig wird die Randbebauung durch die Tieferlegung des Platzes überhöht und wirkt im Zusammenspiel mit dem langen, 1,80 Meter hohen Stufenelement aus Beton viergeschossig.

Die Funktionalität des Freiraums scheint ohne die Realisierung der Randbebauung fraglich. Die Grundidee der Arbeit basiert auf der konsequenten, radikalen Veränderung der topografischen Situation. Die offene Form des Platzes weitet den Blick auf den Seffersbach, in der planerischen Konzeption wird die Frage nach einem Zugang zum Wasser allerdings offen gelassen.

Die Endscheidung für eine große Offenheit der Fläche lässt kaum Raum für die spezifischen Anforderungen unterschiedlicher Nutzergruppen. Die vollversiegelte Fläche wirkt wenig spannend und vermittelt den Eindruck eines urbanen Platzes, der für die Größe der Stadt überdimensioniert und gleichzeitig eindimensional wirkt.

Durch die Absenkung entsteht einerseits ein geschützter Raum für Kinder, andererseits bietet die Gestaltung der Fläche wenig Angebote zum Spielen. Mit dem vorgeschlagenen Belag entsteht insbesondere nach Hochwasserereignissen ein hoher Unterhaltungsaufwand.

Das Mitdenken von Hochwasser­ereignissen als interessanter Ansatz im Umgang mit dem Thema Hochwasser wird Teil der Identität des städtischen Raumes. Der Verkehrsraum wird als Promenade ausgeführt und alle Verkehrsteilnehmer gleichgestellt. Der schmale Raum und die gerade Führung führen einerseits zur beabsichtigten Beruhigung, andererseits scheint der Raum aber beengt für die Begegnung aller Nutzergruppen.

Die homogene Randbebauung wirkt in der Kubatur angemessen und vermittelt durch die kleinteilige Fassadengestaltung eine positive Atmosphäre, die durch die Aneinanderreihung auf gesamter Länge schnell beliebig wirken kann. Dabei wird Bezug genommen auf die ebenfalls kleinteilige Struktur der Merziger Innenstadt, allerdings widerspricht die giebelständige Stellung der stadtgestalterischen Historie. Die Grundrisse sowie der Ansatz, die Gebäude über einen Sockel zu erhöhen, wirken positiv auf die Nutzungsmöglichkeiten in der Erdgeschosszone.

Der ungewöhnliche Ansatz in der Architektur bricht mit der üblichen Bauform und bildet ein Alleinstellungsmerkmal. Insgesamt wirkt der Entwurf analytisch und durchdacht. Er punktet mit dem radikalen Ansatz der Tieferlegung des Platzes sowie dem ungewöhnlichen Ansatz in der Architektursprache bezüglich der Randbebauung. Eine größere Vielfalt in der Architektur durch Fassadengliederungen und Materialwahl wären wünschenswert. Der Umgang mit der Gestaltung des Platzes und der damit verbundenen Funktionalität in Bezug auf verschiedene Nutzergruppen lässt Fragen offen.“

Zu Team 2, arus Willy Latz, Püttlingen in Gemeinschaft mit Dutt & Kist, Saarbrücken: „Der Entwurf entwickelt den Freiraum des Gustav-Regler-Platzes am Seffersbach sehr durchdacht und differenziert aus dem städtebaulichen Kontext. Damit weist es in der städtebaulichen Analyse dem Abschnitt des Seffersbachs und der Platzfläche klar eine städtische Freiraumfunktion mit urban-ökologischer Funktion zu.

Vor diesem Hintergrund entwickelt er die Platzfläche als großzügigen Platzraum mit einer klaren städtebaulichen Raumkante (Wohnnutzung) als Platzabschluss. Er schafft zusätzlich die Möglichkeit, an zwei Stellen unmittelbar ans Wasser zu gehen, sich dort aufzuhalten und das Wasser auch tatsächlich haptisch zu erleben. Der Freiraumentwurf bietet in Gestaltung, räumlicher Gliederung und den vorgesehen Ausstattungsangeboten vielfältige Möglichkeiten, die für die Nutzer die unterschiedlichen Qualitäten der Räume erlebbar machen. Der Wechsel von Sonne und Schatten, der Aufenthalt auf steinernen Flächen, in grünen Räumen oder unmittelbar am Wasser erscheint hier gut gelungen. Ein neuer Steg schafft neue Verknüpfungen, setzt die bestehenden kleinteiligen Wegenetze in Nord-Süd-Richtung fort und macht auch die im Wasser liegende Liebesinsel erleb-, aber nicht begehbar.

Hochwasserschutz und ökologische Belange wurden in den Entwurf ebenso integriert – Schaffung von zusätzlichem Retentionsraum durch Absenkung der Stufen zum Wasser – wie eine für alle Verkehrsteilnehmer gute Lösung der Straßenräume als Mischfläche. Um die Funktionsfähigkeit als Shared Space zu stärken wird hier empfohlen, die Anzahl der Stellplätze im Straßenraum noch zu reduzieren.

Trotz der hohen gestalterischen Freiraumqualität erscheinen in diesem Entwurf die Ausstattung und die Angebote des Platzes mit Lesecafé, mit mobilem Grün und weiterem fast zu viel und dem Ruhebedürfnis des Ortes nicht ganz angemessen (Überfrachtung?). Auf die beiden genannten Elemente kann nach Einschätzung des Preisgerichtes verzichtet werden. Auch erscheint das Ziel, den Platz für große Veranstaltungen nutzen zu können, nicht im vorgeschlagenen Maße erforderlich.

Die vielfältigen Erlebnisbereiche, Zugänglichkeiten und neue Wege zum Wasser, Wehre et cetera sind – auch vor dem Kostenhintergrund – zu reduzieren. Der Entwurf ist ein starker Entwurf in der Verknüpfung von Freiraum und Architektur. Diese stellt aus Sicht der Fachjury eine fachlich gute und zeitgemäße Lösung dar, löst aber die Diskussion um die Angemessenheit dieser Architektur für Merzig aus. Eine stärkere Kleinteiligkeit und größere Varianz in der Gestaltung der langen, gleichmäßigen Fassaden erscheint wünschenswert. Die Ausbildung der Erdgeschosszonen (Dienstleistung) wird eher kritisch gesehen. Insgesamt überzeugt dieser Entwurf durch seine differenzierte und Nutzer orientierte Neugestaltung der öffentlichen Freiräume, wobei die insbesondere die Zugänglichkeit zum Wasser als Qualität die es bisher im städtischen Raum von Merzig noch nicht gibt, hervorgehoben werden muss.“

Zu Team 3, Wandel Lorch Architekten, Saarbrücken: „Die Verfasser sehen in der Entwicklung einer städtebaulichen Konzeption für die Platzrandbebaung die zentrale Entwurfsaufgabe und weisen dem Gustav-Regler-Platz eine dienende Funktion als Erholungszone für den Innenstadtbereich zu. Überzeugend wird unter dieser Prämisse eine qualitätsvolle, stadträumliche Struktur entwickelt, welche die ortstypische Quergassenbebauung aufnimmt, sie zur Erschließung nutzt und die Poststraße vielfältig mit dem als innerstädtischen Erholungsraum zu betrachtenden Seffersbachbereich verbindet.

Die vorgeschlagene, insgesamt dreigeschossige, auf einem Sockelgeschoss mit Parkdeck aufgeständerte Bebauung ermöglicht barrierefreie Ost-West-Wohnungen die eine Orientierung auf die Altbaurückseiten der Poststraßenbebauung vermeiden. Die kammartige Aufreihung dieser Platzrandbebauung bildet mit den ausreichend dimensionierten und bepflanzten Zwischenhöfen eine abwechslungsreiche, begrünte Platzfassade. Die Höfe werden durch Hecken, Zäune oder bewachsene Natursteinmauern von dem öffentlichen Bereich abgetrennt. Die vorgeschlagene Baustruktur lässt sich auch in Abschnitten verwirklichen.

Der Verkehr wird in Form einer Shared-Space-Zone über sich öffnenden und verengenden Pflasterflächen mit unterschiedlichen Belägen geführt. Interessant ist der Vorschlag die Weiterführung der Gassen im Belag zu markieren.

Die öffentlichen und privaten Parkplätze sind ausreichend nachgewiesen. Positiv gesehen wird die Verlegung der öffentlichen Parkplätze auf die Häuserseite. Das Konzept für den Gustav-Regler-Platz ist das eines durchgängigen Erholungsgrünzugs, der auf eine Nutzung als Veranstaltungszone verzichtet. Der Dichter und sein Stein erhalten durch weitere Werkhinweise – unter dem schattigen Baumhain, eine angemessene, ruhige Gedenkstätte. Anmerkung: Die Wasserfläche des Seffersbachs wird in einem begrenzten Bereich mittels begrünter Abtreppungen erreichbar und bespielbar.

Ein weiterer Zweitplatzierter. Foto: Wandel Lorch Architekten, Saarbrücken/Frankfurt, Stefan Laport Landschaftsarchitekt
Platz drei. Foto: MESS Stadtplaner Amann & Groß PartGmbB; BSA Bochem.Schmidt Architekten PartGmbB

Die hierfür erforderlichen Geländeabtragungen sind auch als Hochwasserückstauflächen gedacht, so dass sich der Hochwasserabfluss durch die vorgelegte Konzeption nicht verschlechtert. Der Entwurf besticht durch die vorgeschlagene Baustruktur der Platzrandbebauung. Der Gustav-Regler-Platz wird mit Hinweis auf ausreichend vorhandene Stadtplätze nicht als bespielbare Freifläche sondern als begrünte Ruhefläche wenig verändert. Der Bachlauf wird zugängig, die Insel und die Fußgängerbrücke bleiben.“

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