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Wälder im Kreis werden zur Pilotregion

Wälder im Kreis werden zur Pilotregion

Wälder im Grünen Kreis gehören zu den fünf „Pilotregionen“, in denen unter anderem die Vegetation eines Waldstückes mit und ohne Wild untersucht werden. Gangolf Rammo, Mitarbeiter des Projektes und Forstoberamtsrat beim Umweltministerium, erläuterte SZ-Redakteurin Margit Stark das Projekt.

Projektmitarbeiter Gangolf Rammo. Foto: Ministerium

"Biodiversität und Schalenwildmanagement in Wirtschaftswäldern", so ist das bundesdeutsche Modellprojekt überschrieben, ein komplizierter Name. Was ist darunter zu verstehen?

Gangolf Rammo: Biodiversität ist der Fachbegriff für biologische Vielfalt. Die biologische

in Wäldern bezieht sich nicht nur auf die Baumarten, sondern auf alle Pflanzen und Tierarten, die im Wald heimisch sind. Die natürliche Vielfalt wird durch verschiedene Faktoren beeinflusst. Zum Beispiel die Art der Bewirtschaftung, aber auch durch unnatürlich hohe Bestände an Schalenwild-Arten .Hier ist vor allem das Rehwild zu nennen, das "selektiv" äst, das heißt, es bevorzugt bestimmte Pflanzen- und Baumarten, die in überbesetzten Rehrevieren nicht mehr existieren können.

Was bedeutet dies?

Rammo: Dies bedeutet einen Verlust für den Naturschutz, aber auch für Waldbesitzer, die einen gemischten Wald brauchen. Ein solcher Wald ist für die Zukunft (Klimawandel) stabiler, aber auch jetzt schon ertragreicher als anfällige Monokulturen. Schalenwildmanagement bedeutet im Grunde nichts Anderes als die Art der Bejagung. Die Bejagung ist die wesentliche Stellschraube, um die Balance zwischen Wald und Wild herzustellen.

Warum ist für das bundesdeutsche Modellprojekt ein Waldstück der Region Merzig ausgewählt worden?

Rammo: Das Gesamtprojekt wurde auf Bundesebene von der Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft (ANW) mit den Universitäten Dresden, Göttingen und München gestartet. Die ANW ist in Landesgruppen untergliedert. Alle Landesgruppen waren aufgerufen, geeignete Regionen zu melden. Unter diesen Meldungen wurden fünf Räume ausgewählt. Eine davon im nordwestlichen Saarland. Bei der Vorauswahl war wichtig, dass möglichst die wichtigsten Waldgesellschaften in Deutschland repräsentiert sein sollten.

Wo liegt dieser Bezirk genau?

Rammo: Es handelt sich um die Privatwälder von Boch (Hausbach, Britten, Saarhölzbach), Privatwald Forstgut Hundscheid (Saarhölzbach, Serrig), sowie die Staatswaldkomplexe "Bachemer Kammerforst", "Lutwinuswald"(Mettlach-Orscholz) sowie "Schwarzbruch" (Perl)

Was ist das Besondere an dem Terrain?

Rammo: Es sind Wälder in einem dicht besiedelten Raum mit einer teilweise sehr intensiven Freizeitnutzung. In den Staatswaldkomplexen überwiegt bei weitem das Laubholz (Buche, Eiche), während in den Privatwäldern noch zusammenhängende Nadelwaldbestände vorkommen. Für die natürliche Artenvielfalt ist der Projektraum von überregionaler Bedeutung, da er durch die Saarsteilhänge, durch teilweise kaum erschlossene und daher nicht bewirtschaftete Seitentälchen sehr seltene Lebensräume aufweist.

Wie unterscheiden sich die fünf "Pilotregionen" mit einer Gesamtfläche von 25 000 Hektar in Baden-Württemberg, dem Saarland, Sachsen- Anhalt, Thüringen und Nordrhein- Westfalen?

Rammo: Es sind zum einen die standörtlichen Faktoren: Höhenlage, Niederschläge, Topographie, und vor allem die verschiedenen Bodenarten, Geologie. Aus diesen Faktoren differenzieren sich die unterschiedlichen "Waldgesellschaften". Zum anderen unterscheiden sich die Gebiete durch Strukturmerkmale: Größe, Zusammenhang der Waldflächen, Eigentumsverhältnisse. Wichtig sind auch die vorhandenen Waldbestände(Baumartenzusammensetzung) und die Art(en) der Waldbewirtschaftung. Unser Projektgebiet repräsentiert vor allem in den südlichen Teilen die wärmeliebenden, relativ nährstoffarmen Buchenwaldgesellschaften mit Eiche.

Was wird in dem Modellprojekt untersucht?

Rammo: Zunächst wird der status quo ermittelt (Ist-Situation). Anhand objektiv, statistisch abgesicherter Methoden wird ein Netz von Untersuchungspunkten über die Waldflächen gelegt. An diesen Punkten werden nach standardisierten Methoden Vegetationsaufnahmen durchgeführt. An ca. 30 dieser Punkte wird zusätzlich folgende Versuchsanordnung etabliert: Eine Teilfläche, ca 100 Quadratmeter, wird wilddicht eingezäunt, eine weitere benachbarte gleichgroße Fläche mit den identischen äußeren Bedingungen wird nur markiert, bleibt also für das Wild zugänglich. Dort werden dann ebenfalls Erhebungen (junge Bäumchen und Pflanzen) durchgeführt und die Unterschiede mit und ohne Wildeinfluss dokumentiert.

Wie oft wird untersucht?

Rammo: Diese Untersuchungen (immer an denselben) werden an allen Punkten jährlich zweimal durchgeführt. Parallel findet auf Teilflächen eine Änderung des "Jagdregimes" statt. Wenn sich herausstellt, dass durch den Einfluss des Wildes die Baumartenzusammensetzung in der Verjüngung verändert ist, (Fehlen von Mischbaumarten), erfolgt gegen Ende des Projektes auch eine betriebswirtschaftliche Auswertung über die monetären Folgen für den Waldbesitzer.

Wann ist es gestartet worden?

Rammo: September 2015

Geht es dabei nur um Schäden, das Schalenwild, also Hirsche, Rehe, Damwild oder Wildschweine, anrichten?

Rammo: Es geht nicht um "Schäden", sondern um "Einflüsse", die das Wild verursacht. Ein "Schaden" entsteht erst durch eine von bestimmten Interessen geleitete menschliche Wertung. Die emotionalen Diskussionen im Bereich der Jagd kranken oft daran, dass man diese Interessen vorher nicht klar hergeleitet und begründet hat Beispiel: Wenn ein Waldbesitzer damit zufrieden ist, wenn er "nur" Fichten in seinem Wald hat, wird er den Ausfall von Eiche und Mischbaumarten nicht als Schaden empfinden.

Was ist, wenn der Waldbesitzer einen naturnahen Wald möchte?

Rammo: Will aber ein Waldbesitzer mit den Baumarten der natürlichen Waldgesellschaft arbeiten (naturnahe Waldwirtschaft) wird er das "Herausselektieren" von Mischbaumarten als empfindlichen Schaden ansehen. Es werden keine anderen Tierarten betrachtet.

Gibt es schon erste Ergebnisse?

Rammo: Nein

Wer ist an dem Projekt beteiligt?

Rammo: Technische Universität Dresden (Wildbiologie), Georg-August-Universität Göttingen (Vegetationsaufnahmen), Technische Universität München (Statistik, Auswertungen, Darstellung der Auswirkungen)Projektsteuerung: ANW Deutschland, Regionale Koordination: ANW-Saar und ich.

Über welchen Zeitraum ist es angesetzt?

Rammo: Von September vergangenen Jahres bis Ende 2021.

Welche Kosten verusacht es?

Rammo: : 2,6 Millionen Euro.

Wer trägt die Kosten?

Rammo: : Zwei Millionen stammen aus Fördermitteln des Bundesprogramms Biologische Vielfalt. (Bundesamt für Naturschutz ) Rest wird aus Personalkosten der Universitäten, der ANW, sowie aus flächenbezogenen Beiträgen der beteiligten Waldbesitzer erbracht. Es fließen also keine Gelder aus dem Budget des Umweltministeriums.

Schlüssel zum Erfolg soll eine Änderung des Jagdbetriebs sein. Was bedeutet dies für künftige Jagden?

Rammo: Es ist immer wieder zu betonen, dass die Wissenschaftler rein objektiv an die Materie herangehen. Es geht darum Zustände zu beschreiben und Veränderungen zu dokumentieren. Ohne Wertung! Ein Parameter der untersucht wird, ist, wie sich eine Änderung der Jagdstrategie auswirkt und dies auch nur auf einer Teilfläche.

Sollte sich auf diesen Teilflächen eine Änderung ergeben, die dem Waldbesitzer ermöglicht, seine waldbauliche Zielsetzung besser umsetzen zu können, hat er einen objektiven Hinweis, um die Umsetzung dieser "Neuen Jagdstrategie" auch in anderen Bereichen, auch außerhalb des Projektgebietes einzufordern.

Warum sind in den Pilotregionen geänderte Jagdzeiten eingeführt worden?

Rammo: Diese Änderungen werden nur im Eigenjagdbezirk von Boch sowie Lutwinuswald und Bachemer Kammerforst praktiziert. Also nicht in der gesamten Pilotregion.

Es sind im wesentliche jagdpraktische Erwägungen: Die Vorverlegung trägt der Erfahrung Rechnung, dass die Jagd am erfolgreichsten ist, wenn das Wild besonders aktiv ist, d.h. wenn es sich viel bewegt und dadurch eher in Anblick kommt, als zu Ruhephasen. Es gibt zahlreiche Untersuchungen, die gerade beim Rehwild sehr ausgeprägte Unterschiede in den Aktivitätsphasen belegen. Gerade die Phase von April an, die bisher noch zur Schonzeit gerechnet wurde ist hier besonders erfolgversprechend.

Was ist noch wichtig?

Rammo: Genauso wichtig ist bei den Änderungen auch die Konsequenz, dass es dann längere Perioden im Jahr gibt, an denen das Wild wirklich seine Ruhe hat. Unterm Strich gibt es zwar eine Vorverlegung, durch die Ruhezeit im Juni/Juli finden aber über das Jahr gesehen weniger Beunruhigung durch die Jagd statt.

Was bedeutet es, dass die Jagd auf alle Schalenwildarten weitgehend synchronisiert wurde?

Rammo: Bisher gab es teilweise unterschiedliche Jagd- und Schonzeiten, die sich im wesentlichen nicht auf wildbiologische Erkenntnisse, sondern meist auf Traditionen zurückführen lassen .In Revieren, die verschiedene Wildarten beherbergen, kann das dazu führen, dass der Jäger zwar draußen ansitzt, also Unruhe ins Revier bringt, dann aber nicht das Wild in Anblick hat, das im Moment freigegeben ist. Andere Wildarten sieht er dann, darf aber nicht schießen. Die Synchronisierung soll also dazu beitragen, die Jagd effektiver zu machen.