Viele suchten ihr Glück in der „Neuen Welt“

Viele suchten ihr Glück in der „Neuen Welt“

Viele suchten aufgrund der herrschenden Not ihr Heil außerhalb der deutschen Grenzen. In den 1840er Jahren, dem Höhepunkt der Pauperismuskrise, verließen viele Menschen das Land. Aus dem Regierungsbezirk Trier emigrierten von Oktober 1835 bis Dezember 1847 fast 16 000 Personen, meist nach Übersee. Auch aus der Merziger Region machte sich während des vorgenannten Zeitraums eine Vielzahl von Menschen auf den Weg in die "Neue Welt", was man anhand der Auswandererlisten ersehen kann. Dabei lässt sich sogar festhalten, dass gerade aus dem nördlichen Saarland und nicht zuletzt aus dem Kreisgebiet eine nicht unbeträchtliche Zahl nach Brasilien auswanderte. Vorstellungen von ökonomischen Erfolgsaussichten und politischer Selbstbestimmung schürten dabei den Mythos von den unbegrenzten Möglichkeiten in der "Neuen Welt".

Für viele Auswanderer begann die strapaziöse Reise mit einer Postkutschenfahrt oder zu Fuß von ihrem Heimatort nach den Überseehäfen Hamburg oder Bremerhaven. Am Ziel der Reise angekommen, stellten Briefe die einzige Verbindung in die "Alte Welt" dar. In ihnen berichteten die Auswanderer über ihre Erfahrungen, den Alltag und die Lebensgewohnheiten in der Fremde. Oft beinhalteten die Briefe auch Erfolgsgeschichten. So mancher der Angehörigen in der Heimat wurde durch die Schilderungen in den Briefen dazu angeregt, ebenfalls sein Glück in der Ferne zu suchen.

Infolge der gerade hier in unserer Region herrschenden drückenden Not hatten die unteren Bevölkerungsschichten nur wenig Interesse an politischen Fragen. Vielmehr waren die Menschen vornehmlich an der Besserung ihrer persönlichen wirtschaftlichen Lage interessiert. Dabei kann man davon ausgehen, dass die Not an der Saar keineswegs größer war als in vielen anderen Teilen des Rheinlands und in Deutschland überhaupt.

Die Revolution von 1848/49 im Kreis Merzig

Ausgehend von Frankreich brach 1848 eine Revolutionswelle über Europa herein und erfasste den größten Teil des europäischen Kontinents. Außenpolitische Misserfolge, Wirtschaftskrise und soziale Unruhen hatten in den 1840er Jahren in Frankreich die Opposition gegen König Louis Philippe I. immer stärker werden lassen. Demonstrationen weiteten sich zu einer Revolution aus, in deren Folge der König abdankte und am 24. Februar 1848 die Republik proklamiert wurde. Auf deutschem Gebiet sprang der Funke der Revolution zuerst auf den Südwesten über.

Am 27. Februar wurden auf einer Volksversammlung in Mannheim von liberaler und demokratischer Seite die "Märzforderungen" erhoben, die innerhalb weniger Tage in fast allen deutschen Staaten zu hören waren und Unterstützung in weiten Teilen der Bevölkerung erhielten. Forderungen nach Versammlungs-, Rede- und Pressefreiheit, allgemeine Volksbewaffnung, unabhängige Justiz, politische Gleichberechtigung aller Staatsbürger, Verfassungseid des Heeres und nicht zuletzt die Einberufung einer Nationalversammlung wurden nun von vielen Seiten erhoben.

Unter dem Druck der Ereignisse machten die Staatsoberhäupter Zugeständnisse im liberalen Sinne und gaben Versprechungen ab, was entsprechende Verfassungen betraf. Die Einsetzungen reformwilliger Ministerien in den deutschen Einzelstaaten sollten die revolutionären Bestrebungen eindämmen. Doch vor allem das liberale Bürgertum stritt auch für die nationale Einheit und eine freiheitliche Gesamtverfassung. Demgegenüber forderten Handwerker, Bauern, Arbeiter und Landarbeiter in einer Vielzahl lokal unterschiedlicher Protestaktionen eine Lösung ihrer sozialen und wirtschaftlichen Probleme.

Die Bevölkerung an der Saar und auch hier im Kreis Merzig war während der revolutionären Zeit von 1848/49 wahrscheinlich keineswegs so unpolitisch, wie dies vielfach angenommen worden ist. Die ziemlich hohe Auswanderungsquote lässt auch für den Kreis Merzig darauf schließen, dass es viele Menschen gab, die mit den wirtschaftlichen sozialen und politischen Verhältnissen unzufrieden waren und sich zumindest Teilbereiche der vorstehend beschriebenen Forderungen zu eigen machten. Zwar verlief die sich Anfang März 1848 an der Saar ausbreitende Revolution in relativ gemäßigten Bahnen. Dennoch gab es Tumulte an der unteren Saar, wie in Mettlach und Merzig, im Hochwald, aber auch an anderen Orten. Das Erscheinen von Militär dämpfte jedoch meist sehr schnell die Erregung.

Dr. Anton Jakob schrieb in diesem Zusammenhang dazu in einem Beitrag mit dem Titel "Merziger Streiflichter aus den Jahren 1848-49" in der Saarländischen Volkszeitung vom 4. April 1949 Folgendes: "Loyalität gegenüber den rechtmäßigen Herren, war stets eine Tugend der Kleinbürger, doch die Zeiten, die dem 48er Jahr vorausgingen, waren auch für die Nerven der ruhigsten Leute eine schwere Belastungsprobe. Schlechte Ernten brachten Teuerung und flauen Geschäftsgang."

Die Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen bedingte ein gespanntes Verhältnis zu den Behörden, die jede Regung der Unzufriedenheit mit erhöhtem Polizeidruck niederzuhalten versuchten. In den Tagen des Vormärz war es eine der wichtigsten Sorgen der regierenden Herren auch an der Saar, den Einfluss der politischen Agenten und Flüchtlinge abzudämmen. Wenn man in den Merziger Amts- und Polizeiakten dieser Zeit blättert, stößt man auf Namen, die in politischen und sozialen Bewegungen des vorigen Jahrhunderts einen besonderen Klang haben.

Da wird gewarnt vor einem gewissen Charles Perquin, einem Vertrauten des französischen Thronanwärters Louis Napoleon , vor einem Professor Guido Görres, Sohn des berühmten Politikers und Katholikenführers Josef v. Görres, vor einem Schneidergesellen Wilhelm Weidtling (bekannter Sozialist), vor dem Dichter Johann Herwegh, vor Ferdinand Freiligrath, dessen Schrift "Ein Glaubensbekenntnis" verbrecherisch genannt wird; auch ein Charles Marx aus Trier, damals 27 Jahre alt (Begründer des Marxismus) befindet sich auf der Liste der Verdächtigen."

Von den Behörden erging auch eine Warnung vor dem Redemptoristenpater Johann Ambrosius Zobel, der in Merzig und anderen Orten die Zuhörer seiner Predigten dazu aufgefordert habe, ihn bei einer möglichen Ausweisung "mit Blut und Leben zu verteidigen". Sicherlich hatte der Pater in seinen Predigten demokratische Gedanken anklingen lassen.

Jakob berichtet weiter, dass die revolutionären Ideen vielfach "hier wie anderswo" zum einen "durch wandernde Handwerksburschen, aber auch von Flüchtlingen von jenseits der Grenze aus Frankreich, der Schweiz und Belgien, von Agenten der Demokratie, des Sozialismus und Kommunismus" verbreitet worden seien.

Die Regierung habe daraufhin von den nachgeordneten Organen, Landrats- und Bürgermeisterämtern, laufende Berichte über die Stimmung der Bevölkerung gefordert. Die Bürgermeister seien zuweilen bestrebt gewesen, unangenehme Vorfälle zu vertuschen oder zu bagatellisieren. Doch musste der Merziger Bürgermeister Artois in einem Bericht vom 20. Mai 1848 zugeben, dass die Volksstimmung auch in Merzig sehr aufgeregt gewesen sei und zu etlichen revolutionären Aktivitäten geführt habe.

So waren im März Bürger unter Führung eines gewissen Gottdang vor das Merziger Rathaus gezogen und hatten den "preußischen Adler", das heißt, das preußische Wappen, von der Wand geschlagen. Im April hatte der Unmut, der sich unter den ärmeren Schichten immer mehr breitmachte, daneben dazu geführt, dass "etliche Angehörige dieser Unruhegeister einen von Trier kommenden, mit Kartoffeln beladenen Nachen angriffen, freilich ohne Erfolg, da eine Abteilung Militär zur Abwehr erschienen war."

Ein Kontingent Soldaten der Saarlouiser Garnison war schon seit März in der Stadt stationiert und wurde im Laufe des Jahres noch verstärkt, da ein Einfall revolutionärer Banden über die Grenze befürchtet wurde. Die Fähren von Merzig, Besseringen und Fremersdorf standen daraufhin unter militärischer Bewachung. "So sehr sich gewisse Kreise nach militärischem Schutz gesehnt hatten, so sehr wünschte man nach Monaten, die Befreiung von den stets hungrigen Gästen. Doch Herr von Strohta, der Kommandant von Saarlouis, hielt das Verbleiben eines starken Detachements wegen der politischen Lage für notwendig."

Ein militärisches Kommando war auch nötig, um den in der Bürgermeisterei Weiskirchen aufkommenden revolutionären Bestrebungen entgegenzutreten. Auch hier heißt es in einem Bericht, dass die verhältnismäßig ruhige politische Entwicklung nach der preußischen Besitzergreifung der Rheinlande 1815/16 während der "Biedermeierzeit" im Revolutionsjahr 1848 unterbrochen wurde. "Ein Beweis dafür, dass es unter der monarchischen Oberfläche heftige Gegenströmungen gab, die sich allenthalben, unter anderem auch in der Bürgermeisterei Weiskirchen, zeigten."

In einem Schreiben vom 14. April 1848 hatte Landrat Fuchs den Weiskircher Bürgermeister angewiesen, "alle Verbrechen und Exzesse nach Art. 2 des Strafgesetzbuches zur Anzeige zu bringen". < Wird fortgesetzt.

Mehr von Saarbrücker Zeitung