Viele Menschen müssen viele Pillen schlucken

Viele Menschen müssen viele Pillen schlucken

Die Menschen im Grünen Kreis brauchen weniger Medikamente als im restlichen Saarland. Das zeigt der Arzneimittelreport der Barmer. Die Pro-Kopf-Ausgaben liegen mit 459 Euro unter dem Landesschnitt von 499 Euro.

Kein anderer saarländischer Landkreis verursacht auf Kassenseite so wenige Ausgaben für Medikamente wie der Landkreis Merzig-Wadern . Das zeigt der Arzneimittelreport der Barmer GEK , der von Professor Daniel Grandt, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin I des Klinikums Saarbrücken, erstellt worden ist. Die Arzneimittelausgaben der Krankenkasse pro Kopf im Landkreis Merzig-Wadern lagen bei 459 Euro .

Damit liegt der Landkreis Merzig-Wadern unter dem Landesdurchschnitt von 499 Euro und auch unter dem Bundesdurchschnitt von 485 Euro . Im Vorjahr lagen die Ausgaben für Arzneimittel im Kreis noch bei 389 Euro . Demografisch lassen sich die Unterschiede nicht erklären, denn die Daten wurden nach Geschlecht und Alter standardisiert.

Interessant sind auch die Saarland-Zahlen des Arzneimittelreports. In keinem anderen Bundesland gibt es mehr Menschen, die mindestens fünf Medikamente pro Jahr zu sich nehmen, als im Saarland. "Wenn Versicherten fünf oder mehr Arzneimittel in einem Jahr von ihren Ärzten verordnet werden, spricht man von Polypharmazie", sagt Olaf Marquardt, Regionalgeschäftsführer der Barmer GEK in Merzig.

Im Saarland werden nach seiner Darstellung rund jedem Dritten (34 Prozent) mehr als fünf Arzneimittel im Jahr verordnet. "Polypharmazie bedeutet nicht zwangsläufig, dass eine unangemessene Übertherapie erfolgt. Viele Untersuchungen legen aber nahe, dass bei Patienten mit Polypharmazie teils Arzneimittel unnötig eingenommen werden", erläutert Marquardt. Dabei bestehe ein erhöhtes Risiko von Wechselwirkungen zwischen den Medikamenten. Patienten haben nachMarquardts Worten seit 1. Oktober vergangenen Jahres Anspruch auf einen Medikationsplan, wenn sie mindestens drei zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen verordnete Medikamente gleichzeitig und dauerhaft einnehmen.

Die Arzneimittelausgaben könnten sich allerdings besonders leicht im Saarland senken lassen. Grund sei, dass das Saarland im bundesdeutschen Ländervergleich auf dem letzten Platz beim Einsatz von Biosimilars liege. Biosimilars sind Nachahmerprodukte von biotechnologisch hergestellten Arzneimitteln (Biologika). Biosimilars machen im Saarland nur 27,4 Prozent aller verordneten biotechnologisch hergestellten Arzneimittel aus. Der Bundesdurchschnitt liege bei 43 Prozent.

"Allein bei der Barmer GEK im Saarland hätten sich im Jahr 2015 durch die konsequente Verschreibung von Biosimilars rund 350 000 Euro an unnötigen Ausgaben verhindern lassen. Bei einer Therapie mit biotechnologisch hergestellten Arzneimitteln leidet die Versorgungsqualität nachweislich nicht", sagt Marquardt. Ein Biosimilar sei im Schnitt 25 Prozent günstiger als das Originalpräparat.

"Medizinisch lässt sich der enorme Unterschied des Saarlands zu anderen Bundesländern bei den Verordnungsquoten von Biosimilars nicht erklären. Dass viele Ärzte Biosimilars nur selten verordnen, könnte an der Informationspolitik der Pharmahersteller liegen, die schwindende Umsätze bei ihren teureren Originalpräparaten befürchten", sagt Marquardt. Umso mehr komme es auf die Kassenärztlichen Vereinigungen in den Ländern an, noch stärker über Biosimilars zu informieren und mögliche Vorurteile aus der Welt zu räumen. Die Kassenärztliche Vereinigung im Saarland sei hierzu auf einem guten Weg.