Veranstaltung "Mittelstand 4.0" zeigte in Merzig Arbeitswelt von morgen

Veranstaltung im InnoZ Merzig : Virtuelle Welten und ihre Möglichkeiten

Die Veranstaltung „Mittelstand 4.0“ in Merzig bot den Besuchern jede Menge Informationen zu neuen Technologien und Künstlicher Intelligenz.

Kevin Höhn starrt gebannt auf einen Schädel, der vor seinen Augen schwebt. Mit seiner Hand gibt er die Richtung vor. Sichtlich beeindruckt beschreibt der Referent für Unternehmenskommunikation, welche Welten er entdeckt hat: „Wenn man die Hand bewegt hat, dann hat sich der Schädel geöffnet – und man hat Hirn und Augen gesehen.“ Möglich wird das durch eine sogenannte Augmented-Reality-Brille. Diese wirkt von außen wie ein Kopfhörer mit Brillengläsern, den man oberhalb der Ohren anlegt. Sie ist an einen Laptop angeschlossen und ein Sensor innerhalb der Brille erlaubt dem Träger das Lenken per Handbewegung. Wer sie trägt, taucht in eine erweiterte Realität ein – wie Kevin Höhn.

Diese und weitere faszinierende Experimente konnten die Besucher am Mittwoch bei der Veranstaltung „Mittelstand 4.0 – Neue Technologien für den betrieblichen Einsatz live erleben“ entdecken. Die Gesellschaft für Wirtschaftsförderung im Landkreis Merzig-Wadern hatte dieses Event in Zusammenarbeit mit den Kompetenzzentren „Mittelstand 4.0“ aus Hagen und Saarbrücken auf die Beine gestellt. Die Landrätin Daniela Schlegel-Friedrich begrüßte die Gäste und nutzte diese Gelegenheit, um den Veranstaltungsort „InnoZ“ (siehe Infokasten) vorzustellen. Außerdem beschrieb sie den praktischen Nutzen der Veranstaltung: „Es geht heute Abend nicht nur um die Theorie, sondern vor allem darum, marktreife Innovationen selbst zu testen. Es ist uns wichtig, explizit mittelstandsrelevante Themen anzusprechen.“

Danach betrat Dirk Burkhard vom Kompetenzzentrum „Mittelstand 4.0“ die Bühne. Er wollte mit seinem Vortrag den Nutzen der künstlichen Intelligenz (KI) für kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) verdeutlichen. Als eine Anwendungsmöglichkeit nannte er Bürotätigkeiten: „KI hilft dabei, mich bei Routinehandlungen zu entlasten.“ So könnten sich Unternehmen das zeitaufwendige Zusammentragen von Daten und Dateien ersparen, wenn sie auf Textmining setzten. Bei diesem Verfahren erkenne die KI automatisch die benötigten Daten und bringe sie an den richtigen Ort – mühevolle Kleinst­arbeit, die sich die Menschen im Unternehmen nicht mehr machen müssten.

Dirk Burkhard vom Kompetenzzentrum „Mittelstand 4.0“ sieht in der Künstlichen Intelligenz eine Entlastung für die Betriebe aus dem Mittelstand. Foto: Dirk Ley

Wie der Vorgang abläuft, demonstrierte Tobias Greff im Labor des InnoZ. Der Digitalisierungsexperte erklärte, dass das Programm Optical Character Recognition (OCR) analoge Schriftstücke oder Mitschriften erkenne und automatisch in ein Textdokument umwandle. Das System Robotic Process Automation (RPA) wiederum wähle Dateien an und übertrage sie. RPA sei sogar dazu in der Lage, selbständig E-Mails zu schreiben. Greff sieht viele Vorteile für mittelständische Betriebe: „Das Programm lernt die Übernahme von repetitiven Aufgaben. Die Arbeitszeit der Mitarbeiter wird dadurch frei für kreative Aufgaben.“ Er erblickt im Einsatz der KI eine personelle Entlastung der Betriebe.

In seinem Vortrag stellte Burkhard die Vorteile der KI heraus. Diese erkenne Muster, sei lernfähig und könne Probleme selbstständig lösen. Sie sei auch längst im Alltag angekommen. Als Beispiel nannte er die Anwendung „DeepL“. Diese ermögliche auf der Basis von KI-Algorithmen eine präzise Übersetzung. Das Programm erkenne Sprachmuster anhand von Gesetzestexten der Europäischen Union (EU). Burkhard erwähnte zudem auf KI basierende Chatbots, die selbständig Reservierungen durchführen könnten. Und in der Produktion sei die KI dazu in der Lage, auf Anhieb Details zu erkennen, die dem menschlichen Auge erst nach mehreren Stunden auffallen würden. Das gelte beispielsweise für Haarrisse in Windrädern. Burkhard ist davon überzeugt, dass sich mit Hilfe der KI in der Produktion viel Zeit einsparen ließe.

Im Labor konnten die Besucher eine weitere Anwendung der KI testen. Das von der Firma NVIDIA kreierte Programm „GauGAN“ erlaubt es jedermann, mit ein paar Mausklicks Kunst zu produzieren. Zuerst wählt der Anwender einen Hintergrund aus – zum Beispiel einen Sonnenuntergang über dem Meer. Auf ein leeres Feld kann er dann Berge, Wolken, Pflanzen, Felsen, Schnee und vieles mehr einzeichnen. Eine einfache Berührung mit einem Stift genügt, dann wird aus der primitiven Zeichnung ein realistisches, fast schon fotogetreues Bild.

Die Virtuelle Realität (VR) ist eine weitere Dimension der KI. Im Labor konnten die Besucher ausprobieren, wie es sich in der VR anfühlt. So setzte sich auch Dorothe Kreusch die VR-Brille auf. Sie schwärmte anschließend von der detailgetreuen Darstellung und fühlte sich „in eine andere Welt versetzt“. Die im Bereich Ausbildung und Personalentwicklung tätige Kreusch beschrieb ihre Eindrücke: „Ich habe zum ersten Mal eine solche Brille getragen. Es war super und entspannend. Ich bin sehr beeindruckt.“ Sie erzählte, dass sie die Veranstaltung besucht habe, um den aktuellen Stand der Technik und Digitalisierung live zu erleben.

Burkhard sieht im Hinblick auf den voranschreitenden demographischen Wandel eine wichtige Rolle auf die KI zukommen. Er erinnerte daran, dass in den nächsten Jahren viele Babyboomer in Rente gehen werden. Doch für diese geburtenstarken Jahrgänge aus der unmittelbaren Nachkriegszeit rückten nur halb so viele Arbeitnehmer nach. Eine Generationenlücke drohe und Burkhard glaubt, dass die KI dabei helfen könne, diese Lücke zu schließen. Im Übrigen bleibe der menschliche Faktor wichtig: „Wenn man das neuronale Netz mit Mist füttert, dann kommt auch Mist heraus!“