SZ-Serie über das Kriegsende im Kreis vor 100 Jahren

Merzig-Wadern : 1919 dürfen Frauen erstmals wählen

Vor kurzem war es genau 100 Jahre her, dass durch den Waffenstillstand im Wald von Compiègne am 11. November 1918 nach viereinhalb langen Jahren endlich die Waffen schwiegen und der Erste Weltkrieg zu Ende ging. In dieser Artikelserie soll nachgezeichnet werden, wie die Menschen in der Merziger Region das Kriegsende 1918 mit seinen dramatischen Umbrüchen erlebten.

Es blieb natürlich nicht aus, dass es in der Folgezeit immer wieder zu Verstößen gegen die Anordnungen der Militärbehörden kam. Auch die Merziger Zeitung war hiervon betroffen. Für einige Tage wurde ihr Erscheinen untersagt, beziehungsweise wurde ihr nur erlaubt, die offiziellen Bekanntmachungen der Militärbehörde, des Landrates und der Bürgermeisterämter im reinen Wortlaut zu veröffentlichen. Der Grund für das Verbot könnte auf einem Verstoß gegen eine französische Verfügung beruhen, die es den Zeitungen untersagte, die alliierten Truppen weiterhin als feindliche Truppen zu bezeichnen. Daneben untersagte die Anordnung der Militärbehörde den Zeitungen, Propaganda für die Arbeiter- und Soldatenräte zu betreiben. Die französische Zensur bezeichnete diese als „Soviets“. Da die Merziger Zeitung das offizielle Veröffentlichungsblatt des Arbeiter- und Soldatenrates Merzig darstellte, könnte sie auch gegen diese Bestimmung verstoßen haben und aus diesem Grund für einige Tage verboten worden sein.

Überhaupt war die Existenz der Arbeiter- und Soldatenräte nach dem Einmarsch der Franzosen in ihre Besatzungszone nur noch von kurzer Dauer. Bereits nach einigen Tagen lösten sie die Räte kurzerhand auf. Die Merziger Zeitung berichtete am 14. Dezember 1918 in diesem Zusammenhang aus dem Kreis Merzig:

„Auf Veranlassung der französischen Kommandantur ist durch den Herrn Landrat die Auflösung der Soldaten-, Arbeiter- und Bauernräte nunmehr auch formell erfolgt. Soldatenrat hatten wir ja nur einen im Kreise, der mit der Auflösung des Ersatzbataillons sang- und klanglos verschwand. Von Bauernräten im Kreise hat man nie etwas gehört, es scheinen also keine vorhanden gewesen zu sein. Wir glauben auch nicht, dass der gesunde Sinn unseres heimischen Bauernstandes die Hand zu solcher Karikatur geboten hätte. Blieb also noch als Erbteil des Soldatenrates der Arbeiterrat in Merzig, der für wenige Wochen ein durch eigenes Verschulden nicht gerade rühmliches Dasein fristete, bis ihm jetzt ein gleiches Ende bereitet wurde. Mögen die ‚Räte a.D.‘ ihrer kurzen Ratstätigkeit ein dankbares Gedenken bewahren, die Merziger Nachwelt wird vielleicht später mit Staunen von der Kriegsfastnacht ihrer Vaterstadt Kenntnis nehmen, während die jetzige Generation ihm keine Träne nachweinen wird.“

Die Masse der Bevölkerung unterließ weitgehend alles, was die Besatzungstruppen als feindliche Handlungen ansehen konnten. Allerdings kam es immer wieder zu vereinzelten Aktionen, die die Autorität der Militärbehörden in Frage stellten und diese auf gewisse Art herausforderten. In einer Vielzahl von Fällen wurden dabei beispielsweise die angeschlagenen Bekanntmachungen der Besatzungstruppen abgerissen. Der Landrat sah sich daraufhin gezwungen, an die Bevölkerung zu appellieren, das Abreißen der Anschläge und Bekanntmachungen der französischen Truppen zu unterlassen. „Ich kann deshalb nur noch einmal die dringende Bitte aussprechen“, hieß es in der Bekanntmachung des Landrats, „dafür zu sorgen, dass die Anschläge auch seitens der Kinder nicht beschädigt werden, da andernfalls die ganze Bevölkerung darunter leiden müsste. Die Herren Bürgermeister werden um ortsübliche Bekanntmachung ersucht.“

Obwohl es zu keinen Anschlägen auf die Besatzungstruppen kam, schienen die Franzosen dem Frieden zunächst dennoch keineswegs getraut zu haben. Vielmehr fürchteten sie in gewissem Maße um ihre Sicherheit. In der Festnahme von Geiseln Anfang Dezember 1918 äußerte sich diese Furcht der neuen Herren ganz augenscheinlich. In erster Linie hatten einige Bergarbeitergemeinden im Saarbrücker und Neunkirchener Raum Geiseln zu stellen. Doch war auch die Gemeinde Losheim von Maßnahmen dieser Art betroffen, wie der nachstehenden Notiz der Merziger Zeitung vom 18. Dezember 1918 zu entnehmen ist, in der es heißt: „Losheim hat sieben Geiseln zu stellen. Ausgesucht sind der Bürgermeister, der Arzt, der Apotheker usw. – jedoch niemand aus dem Gemeinderat.“ Am 23. Dezember 1918 sah sich die Merziger Zeitung veranlasst, folgenden Appell an die Bevölkerung zu richten:

„Hütet die Zunge! Die Bevölkerung wird dringend davor gewarnt, irgendwelche Gerüchte zu verbreiten, die geeignet sind, Unruhe in der Stadt oder bei den Besatzungstruppen zu verbreiten. Abgesehen davon, dass dadurch das hier bestehende gute Einvernehmen mit den Besatzungsbehörden zum Nachteil der Stadt beeinträchtigt werden muss, laufen derartige Schwätzer auch Gefahr, dem Kriegsgericht vorgeführt und streng bestraft zu werden.“

Im persönlichen Umgang mit der einheimischen Bevölkerung gab vor allem der einfache französische Soldat nur ganz selten Anlass zu Klagen. Dies wird auch durch die folgende Notiz der Merziger Zeitung vom 18. Dezember 1918 über die Merziger Nikolaus-Kirmes bestätigt, in der es heißt: „An der verflossenen sogenannten Nikolaus-Kirmes durfte an drei Stellen getanzt werden – zum ersten Mal seit langer Zeit. Die echten Merziger haben das Tanzen noch nicht verlernt, denn das steckt ihnen zu tief in den Knochen. An dem Tanzvergnügen beteiligte sich auch die französische Besatzung in voller Harmonie.“

Dass es in Merzig keine Klagen bezüglich der hier stationierten beziheungsweise einquartierten französischen Truppen gab, belegt auch die folgende Meldung der Merziger Zeitung vom 24. Dezember 1918. Diese kleine Schilderung gibt auch Zeugnis darüber, dass sich das Leben langsam wieder in gewisser Weise unter den herrschenden Umständen normalisierte:

„In den letzten Tagen setzte ein lebhafter Christbaumverkauf ein. Der letzte Sonntag, der ‚Goldene Sonntag‘, wie ihn der Volksmund nennt, brachte trotz des schlechten Wetters ziemlich viel Leben in unsere Kreisstadt. Es wurde viel gekauft in den Läden. Das bunte Straßenleben war durchflochten mit französischen Uniformträgern, die massenhaft hier einquartiert waren, gestern aber wieder weitermarschierten. Gegen die Besatzung liegt wirklich nicht die geringste Klage vor. An ihrem gesitteten Betragen könnte sich mancher ein Beispiel nehmen!“

Das Ende des Krieges und die revolutionäre Umsturzbewegung, die das alte Kaiserreich hinwegfegten, bedeuteten für unsere Region an der Saar einen wesentlichen Umbruch. Die Monarchie war gestürzt, die Republik errichtet, und demokratische Strukturen sollten an die Stelle des alten Obrigkeitsstaates treten.

Alles in allem gesehen verlief die Revolution in der Merziger Gegend erstaunlich friedlich. Überhaupt blieb die Saarregion von den Wirren und blutigen Unruhen, die im übrigen Deutschland schon bald einsetzten, verschont. Dass es an der Saar so friedlich zuging, war nicht zuletzt der französischen Besatzung zu verdanken, die für Sicherheit und Ordnung sorgte.

Um die Jahreswende 1918/19 warben die verschiedenen politischen Strömungen, wie Zentrum, Sozialdemokraten und die neu gegründete Deutsche Demokratische Partei, um Stimmen für die Wahl zur verfassunggebenden Nationalversammlung. In einer Vielzahl von Versammlungen versuchten die Parteien die Menschen bis zum Wahltag am 19. Januar 1919 von der Richtigkeit ihrer Argumente zu überzeugen.

Was diese Wahl zu einer Besonderheit machte, war die Tatsache, dass die Frauen in der Merziger Region, wie überall in Deutschland, erstmals zur Wahl gehen durften. Am 30. November 1918 war nämlich ein neues Reichswahlgesetz in Kraft getreten, das sowohl das aktive als auch das passive Wahlrecht für Frauen beinhaltete. Der Umstand, dass im Verlauf des Ersten Weltkriegs Frauen immer mehr Aufgaben der Männer in der Zivilgesellschaft hatten übernehmen müssen, führte in Deutschland, aber auch in einer Reihe anderer Staaten, in der breiten Öffentlichkeit zu einer Neubewertung der Frauenwahlrechtsfrage. Allerdings scheinen die Frauen in einer ländlichen und zudem konservativen Gegend, wie der Merziger Region, damals das Wahlrecht keineswegs in ihrer Gesamtheit als eine besondere Errungenschaft angesehen zu haben. Diesen Eindruck gewinnt man zumindest beim Lesen des nachfolgenden Berichts der Merziger Zeitung vom 9. Januar 1919:

„Die Frauen wollen nicht wählen! Merkwürdige Erfahrungen machen diejenigen, die sich im Dienste des Vaterlandes der Mühe unterziehen, die Namen für die Aufstellung der Wählerlisten zu sammeln. Wenn sie in die Häuser kommen, um festzustellen, wer von den Bewohnern wahlberechtigt ist, so werden sie vielfach ganz fremd angeschaut und ein Teil der Frauen sträubt sich direkt dagegen, dass ihr Name verzeichnet wird. Was geht uns die Politik an, heißt es da. Wir lesen keine Politik, höchstens die kleinen Nachrichten. Wir verstehen nichts davon. Wir wollen nicht wählen. Mich bringen keine vier Pferde zur Wahl. Andere wollen die Namen ihrer Töchter nicht angeben. Die hätten in der Politik nichts zu suchen. Man erstaunt immer wieder darüber, wie völlig unberührt dieser Teil der weiblichen Wählerschaft von der ganzen ungeheuren Umwälzung dieser Tage geblieben ist. Dabei stehen 22 Millionen weibliche Wählerstimmen gegen 18 Millionen männliche. Bei den Frauen liegt also geradezu die Entscheidung. Da wird es noch eingehender Belehrung bedürfen, damit die Frauen sich der großen Verantwortung bewusst werden, die auf ihnen liegt, und vor allem begreifen, dass ein Fernbleiben von der Wahl auch verantwortungslos ist und eine schwere politische Unterlassungssünde bedeutet, die der Grundlegung des deutschen Neubaus wertvolle Kräfte entzieht. Es muss alles geschehen, dass die Pflicht zur Mitarbeit, die allein aus der Verwirrung der Gegenwart heraushelfen und ein Gegengewicht gegen den Radikalismus schaffen kann, auch bei der weiblichen Wählerschaft erkannt werde.“

Erwähnung finden muss an dieser Stelle ebenfalls noch, dass Anfang 1919 in Deutschland, was die Arbeitszeit betraf, mit der Einführung des Achtstundentages ebenfalls eine ganz wesentliche Änderung erfolgt war. In einem Bericht des Dillinger Anzeigers vom 3. April 1919 heißt es in diesem Zusammenhang:

„Die Arbeiter der Firma Karcher waren vor einigen Tagen mit Lohnforderungen an die Firma herangetreten. In der gestern statt gefundenen Arbeiterausschusssitzung, kam nach mehrstündiger Verhandlung folgende Einigung zustande: Der 8-Stunden-Tag mit Lohnausgleich wird sofort eingeführt. Außerdem erhalten die Arbeiter von 16 Jahren ab aufwärts eine Lohnerhöhung von 20 Prozent, Jugendliche von 14-16 Jahren 10 Prozent.“

Aus dieser Wahl ging im Kreis Merzig schließlich das Zentrum als eindeutiger Sieger hervor. Bei einer für die damaligen Verhältnisse bemerkenswert hohen Wahlbeteiligung von 85,75 Prozent erhielt das Zentrum immerhin 18 345 Stimmen, was einem Stimmenanteil von 74,14 Prozent entsprach. Die Sozialdemokraten erhielten weit abgeschlagen als zweitstärkste Partei nur 4822 Stimmen, was einen Anteil von 19,49 Prozent bedeutete. Die liberale Deutsche Demokratische Partei wählten 1461 Personen, was einem Stimmenanteil von 5,9 Prozent entsprach.

Das Zentrum, das bereits während des Kaiserreichs die bestimmende politische Kraft im Kreis Merzig dargestellt hatte, konnte seine dominierende Stellung behalten. Dies ist natürlich angesichts des ländlichen und katholischen Milieus der zu über 90 Prozent katholischen Bevölkerung auch nicht weiter verwunderlich. Die Sozialdemokratie hatte demgegenüber noch kaum Fuß fassen können. Ihre Anhängerschaft rekrutierte sich in erster Linie wohl aus der Arbeiterschaft der auf den Gruben und Hütten Beschäftigten. Doch war auch bei diesen Personenkreisen die Bindung an das katholische Milieu der Heimatgemeinden und die Bindung an die christlichen Gewerkschaften immer noch so stark, dass die Stellung des Zentrums zu diesem Zeitpunkt unangefochten blieb.

Eine Woche nach der Wahl zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919 hatte die Kreisbevölkerung noch einmal Gelegenheit, sich an einer Abstimmung, der Wahl zur preußischen Landesversammlung, beteiligen zu dürfen. Bei einer etwas geringeren Wahlbeteiligung war auch bei dieser Wahl die Zentrumspartei mit 75,62 Prozent die mit Abstand stärkste Kraft. Dann jedoch nahm die weitere Entwicklung an der Saar einen ganz anderen Verlauf.

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