SZ-Interviw mit Mesale Tolu vor ihrer Lesung in Merzig am 6. November

Journalistin kommt nach Merzig : „Das ist ein politisch motivierter Prozess“

Acht Monate saß die Journalistin in der Türkei in Haft – lange Zeit zusammen mit ihrem Sohn. Darüber spricht sie im SZ-Interview.

Terrorpropaganda und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung – so lauten die Vorwürfe, die die türkische Justiz gegen Mesale Tolu erhebt. Die 35-jährige deutsche Journalistin mit kurdischen Wurzeln wurde im April 2017 in ihrer Instanbuler Wohnung verhaftet. Zuvor hatte sie in der türkischen Hauptstadt für den privaten Radiosender Özgür Radyo sowie für die Nachrichtenagentur ETHA gearbeitet. Die folgenden acht Monate verbrachte Tolu in einem türkischen Frauengefängnis – einen Teil davon gemeinsam mit ihrem damals zweijährigen Sohn. Im Dezember desselben Jahres entließen die türkischen Behörden die Journalistin aus der Haft, aber erst im August 2018 durfte sie das Land verlassen. Zurück in Deutschland baute sich Tolu ein neues Leben auf. In einem Buch schildert sie ihre Erfahrungen hinter Gittern, es trägt den Titel „Mein Sohn bleibt bei mir!“. Sie war in Merzig zu Gast, die SZ hat sich mit ihr unterhalten.

Wie kam es zu der Entscheidung, dass Sie Ihr Kind für mehrere Monate mit ins türkische Gefängnis nahmen, um ihn dort zu betreuen?

MESALE TOLU Für die Menschen in Deutschland ist das sicherlich befremdlich, viele werden es nicht verstehen. Aber in der türkischen Realität ist es leider schon Routine, weil sehr viele Eltern in Haft sitzen und nicht wissen, was sie mit ihren Kindern machen sollen. Ich habe keine Familie in der Türkei, daher hatte ich nur die Wahl, meinen Sohn mit ins Gefängnis zu nehmen oder ihn nach Deutschland zu schicken, wie ich es später auch getan habe. Es war eine schwere Entscheidung, aber für die Psyche meines Sohnes war es die richtige, das würde ich immer noch sagen. Ich hatte erst 17 Tage nach meiner Festnahme erstmals wieder Kontakt zu meiner Familie. Sie schilderte mir, dass er sehr große Trennungsängste hatte. Die einzige Lösung war, dass er zu mir, seiner Mutter, kommt.

Was waren die größten Herausforderungen, die Sie in der Haft bewältigen mussten?

TOLU Die Bedingungen dort waren natürlich ein völliger Ausnahmezustand. Deshalb hatte ich ich gerade in den ersten Wochen auch große Zweifel an meinem Entschluss. Vieles waren verboten. Ganz banale Dinge, die ein Kind einfach braucht, durften nicht ins Gefängnis mitgebracht werden, zum Beispiel Babypuder oder Windeln. Die mussten dort gekauft werden, egal wie schrecklich die Produkte waren. Außerdem brauchen Kinder natürlich mehr als nur ihre Mutter und eine grundlegende hygienische Versorgung. Wichtig ist zum Beispiel auch eine gesunde Ernährung und die war nicht gegeben. Ich musste also abwägen, ob ich all das meinem Sohn zumute und auf mich nehme oder ob es ihm getrennt von mir psychisch schlecht geht.

Wie haben Sie sich beholfen, um den Alltag für den Kleinen trotz der Umstände möglichst erträglich zu gestalten?

TOLU Ich hatte ganz viel Unterstützung von Frauen, die mit mir im Gefängnis saßen und sich dort schon auskannten. Wir haben unsere Fantasie spielen lassen und sie haben mir gezeigt, wie man Dinge basteln oder Spielsachen erfinden kann.

Haben Sie da ein Beispiel?

TOLU Ja, wir haben aus einer Plastikflasche ein Auto gebastelt. Die Deckel von weiteren Flaschen wurden zu Rädern – solche Sachen waren Alltag bei uns.

Gab es in der Haftanstalt weitere Kinder?

TOLU Insgesamt waren dort 80 Kinder, aber nicht in unserer Zelle. Dort waren wir zusammen mit 20 und später sogar 36 anderen Frauen untergebracht.

Glauben Sie, dass diese fünfeinhalb Monate Ihren Sohn längerfristig gezeichnet haben?

TOLU Nein, das denke ich nicht. Deshalb weiß ich heute auch, dass es die richtige Entscheidung war. Er zeigt keine Zeichen eines Traumas und hat die Erfahrung gut verarbeitet, da wir auch über alles gesprochen haben. Bevor er zu mir in die Haft gekommen ist, dachte er, ich hätte ihn verlassen. Erst als er selbst dort war, konnte er begreifen, dass ich gezwungenermaßen dort bin. Ich denke das genügt für einen Zweijährigen. Der muss und kann die Hintergründe natürlich noch nicht verstehen und er weiß ja auch gar nicht, was ein Gefängnis ist.

Im Dezember 2017 wurden Sie nach insgesamt acht Monaten aus der Haft entlassen. Hatten Sie zuvor Angst, dass Ihr Sohn womöglich einen größeren Abschnitt seines jungen Lebens hinter Gittern verbringen müsste?

TOLU Wenn man in der Türkei ins Gefängnis kommt, weiß man nicht, wie lange man dort bleiben muss. Das ist völlig willkürlich. Ich habe einfach versucht, diese Ungewissheit auszublenden und jeden Tag möglichst sinnvoll auszufüllen und gut zu verbringen, damit nicht so viel von dieser Erfahrung an uns hängen bleibt. Einen Plan B hatte ich nicht. Es war jedoch immer klar: Wenn mein Sohn will, dann kann er zu meiner Familie in Deutschland. Deshalb war er auch nicht die vollen acht Monate bei mir.

Haben Sie Bammel, später Ihren Entschluss gegenüber Ihrem Sohn zu rechtfertigen?

TOLU Ich glaube, dass ich ihm das verständlich machen kann, wenn er alt genug ist. Dann wird er auch den gesamten Zusammenhang sehen – zum Beispiel, dass wir uns in einer Zeit befanden, in der sehr viele Menschen ins Gefängnis geworfen wurden, die Ähnliches durchleben mussten.

Vor drei Wochen wurde der Gerichtsprozess gegen Sie erneut vertagt. Wie schätzen Sie den Verlauf des Verfahrens ein?

TOLU Im Februar soll ein Schlussplädoyer gehalten werden. Das heißt aber nur, dass der Staatsanwalt bekannt gibt, welche Strafe er fordert. Ob das wirklich so passieren wird und ob gleich im Anschluss das Urteil fällt, weiß ich jedoch nicht. Generell kann man aber aus der Erfahrung sagen, dass in der Türkei sehr viele Angeklagte eine Haftstrafe bekommen, auch wenn Sie sich nichts zu schulden kommen lassen haben. Der türkische Staat will keine eigenen Fehler eingestehen.

Sie haben also keinerlei Vertrauen in die türkische Justiz?

TOLU Nein. Das ist ein politisch motivierter Prozess. Daher kann man die Türkei nicht als einen Rechtsstaat bezeichnen. Es gibt zwar immer mal wieder einzelne Freisprüche. Diese hängen jedoch immer auch mit dem politischen Kontext zusammen. Wenn die Türkei beispielsweise international etwas bewirken möchte oder mit der EU zusammenarbeiten will, dann können einzelne Häftlinge freikommen, aber das sagt nichts über die Rechtsstaatlichkeit des Systems aus.

Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang das Verhältnis von Deutschland und der Türkei?

TOLU Es gibt nach wie vor große Spannungen zwischen den beiden Ländern. Das sieht man etwa an Äußerungen Erdogans hinsichtlich unseres Außenministers Heiko Maas. Dennoch werden weiterhin normale Geschäfte gemacht.

Sie haben einmal kritisiert, dass alle nur zuschauen, wie in der Türkei Unrecht geschieht. Was könnte Deutschland Ihrer Meinung nach machen, um die Lage inhaftierter Journalisten in der Türkei zu verbessern?

TOLU Deutschland muss darauf pochen, dass die Türkei die Menschenrechte respektiert, sich an die Standards hält, die international gelten, und die Urteile des Europäischen Gerichtshofes beachtet. Deutschland ist in diesem Sinne mitverantwortlich für die Situation in der Türkei, weil es hartnäckig auf Grundsätze bestehen müsste, besonders bei einem Land, das jahrelang EU-Beitrittskandidat war.

Nachdem Sie im Dezember 2017 aus der türkischen Haft entlassen wurden, durften Sie nicht augenblicklich nach Deutschland ausreisen. Stattdessen verbrachten Sie weitere acht Monate in Istanbul. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

TOLU Ich war weiterhin in dem Land, in dem mir Unrecht angetan wurde. Aber ich habe es überlebt. Ich bin zurück in Deutschland, in meiner Heimat, arbeite als Volontärin bei der Schwäbischen Zeitung und habe einen ganz normalen Alltag. Ich gehe morgens zur Arbeit und bin abends wieder bei meiner Familie, genau wie ich es mir gewünscht habe. Das genieße ich sehr. Gleichzeitig vermisse ich die Türkei, ihre Kultur und ihre Menschen. Aber Sicherheit und Geborgenheit finde ich nur hier in Deutschland.

Würden Sie bei einem Freispruch wieder in die Türkei reisen?

TOLU Das weiß ich noch nicht. Wenn, dann liegt das noch einige Jahre in der Zukunft.

Wieso haben Sie sich dazu entschieden, als Volontärin bei der Schwäbischen Zeitung anzufangen? Sie hatten ja bereits viel als Journalistin gearbeitet…

TOLU Das stimmt zwar, aber das heißt nicht, dass ich bereits alle handwerklichen Fähigkeiten besitze und nichts mehr lernen kann. Mein Volontariat ist zudem crossmedial ausgerichtet. Das heißt ich arbeite dort stärker als zuvor digital und online mit Video und Radio. Auch deshalb kann ich hier mich gut weiterentwickeln.

Haben Sie nach Ihren Erfahrungen jemals in Betracht gezogen, dem Journalismus den Rücken zu kehren und etwas anderes zu machen?

TOLU Nein. Sonst hätte ich auch die die Zeit im Gefängnis nicht auf mich genommen.

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