| 20:46 Uhr

Merzig
Suche nach dem europäischen Bewusstsein

In Merzig diskutierten Bürger angeregt über ihre Sicht von Europa.
In Merzig diskutierten Bürger angeregt über ihre Sicht von Europa. FOTO: Dieter Ackermann
Merzig. Auf eine Dialogreise machten sich Bürger in Merzig. Sie diskutierten unter Leitung des Progressiven Zentrums aus Berlin über Europa.

Wenn von Europa die Rede ist, sind es in der Regel die Politiker oder renommierte Wirtschaftsgrößen, die den Ton angeben. In den Räumen des SOS-Kinderdorfs Saar und des Mehrgenerationenhauses Merzig fanden dagegen jetzt acht ganz normale Bürger die ungeteilte Aufmerksamkeit eines Teams des Progressiven Zentrums, einer Denkfabrik aus Berlin, die von der Bundeszentrale für politische Bildung unterstützt wird. Um zu erfahren, wie in Merzig über Europa gedacht wird, tauschten sie in einer moderierten Diskussion ihre Ansichten zu Fragen der europäischen Sozialpolitik, Arbeit und Weiterbildung sowie Migration aus. Die Veranstaltung war Teil des Projekts „Europa hört – eine Dialogreise“ für das insgesamt zehn Stationen in Deutschland besucht werden.


Als Moderatorin bat Nicolina Kirby zunächst die Teilnehmer, die sich aus freien Stücken zu dieser Veranstaltung gemeldet hatten, um eine kurze Vorstellung. Die meisten von ihnen genießen bereits ihren Ruhestand, der Jüngste gab als 28-Jähriger seine persönliche Meinung zu den aufgerufenen Europafragen kund. Soufeina Hamed hielt als Künstlerin den Gesprächsverlauf kontinuierlich mit kleinen Skizzen auf der Karte „Europa hört“ fest, so dass sich im Verlauf der anderthalbstündigen Runde ein plakativer Gesamteindruck dessen ergab, was und wie Menschen aus Merzig über Europa denken. Gleich zu Beginn versicherte Paulina Fröhlich als Projektleiterin, dass alle Gesprächsbeiträge anonymisiert in die geplante Dokumentation einfließen werden.

Dann eröffnete Nicolina Kirby die eigentliche Fragerunde: „Fühlen Sie sich europäisch?“ Mehr oder weniger stimmten da noch alle Besucher zu. Keiner meldete dabei grundsätzliche Bedenken an. Das ergibt sich – wie fast alle anmerkten – schon aus der simplen Tatsache, dass sie in einem europäischen Dreiländereck beheimatet sind, wo sich grenzüberschreitende Kontakte im täglichen Leben fast automatisch ergeben.



Differenzierter ging’s danach bei der Gruppenaufgabe zu, zu der die Moderatorin mit der Frage aufforderte, wie die Befragten unterschiedliche Auswirkungen eines zusammenwachsenden Europas bewerten. In zwei Gruppen aufgeteilt, sollten die Merziger sich untereinander darüber verständigen, wie sie sechs Karten mit vorgegebenen Antworten nach ihrer Bedeutung für sie selbst bewerten. Während eine Gruppe die Vorteile einer gemeinsamen europäischen Währung priorisierte, kürte die andere Gruppe die gemeinsamen europäischen Werte als ihren Favoriten. Mit gespitzten Ohren registrierte dabei die Künstlerin – zwangsläufig mit dem Rücken zu den Befragten – den Diskussionsverlauf und „übersetzte“ das Gehörte skizzenhaft auf der Karte „Europa hört“.

Mit einfühlsamem Geschick lockte die Moderatorin im weiteren Gesprächsverlauf ihre Befragten mit den folgenden Fragen immer weiter aus der Reserve. Mehr und mehr flossen individuelle Lebenserfahrungen und Bewertungen in die Beantwortung der gestellten Fragen ein. So wurde beispielsweise im Zusammenhang mit der Sozialpolitik gefragt: „Soll Europa sich mehr einmischen?“ Hier offenbarten sich prompt unterschiedlichen Einschätzungen, wenn es unter anderem hieß: „Wirtschaftliche Stärke beeinflusst soziale Bemühungen“. Sofort war dabei die Rede von Rumänien, dessen eigene Fachkräfte nicht zuletzt aus dem Pflegebereich vielfach wegen der wirtschaftlichen Schwäche in der Heimat von der wohlhabenden Bundesrepublik abgeworben werden.

So entstand nach und nach neben der beeindruckenden Skizzenkarte ein Gesamteindruck von gesammelten Ideen, Sorgen, Ängsten, Wünschen und Meinungen von und zu Europa, der anschließend im Rahmen des Projekts „Europa hört“ von dem Team der Berliner Denkfabrik ausgewertet wird und dessen Ergebnisse dann sowohl in die Öffentlichkeit als auch in die Politik getragen werden sollen. Mit dieser „Dialogreise“ durch insgesamt zehn bundesdeutsche Städte, soll letztlich auch den Stimmen in Europa Gehör verschafft werden, die in den üblichen Debatten der Großstädte häufig überhört werden.

Soufeina Hamed übersetzt die Gesprächsinhalte an einer Tafel in Skizzen.
Soufeina Hamed übersetzt die Gesprächsinhalte an einer Tafel in Skizzen. FOTO: Dieter Ackermann