Serie Architektonische Entdeckungen: Einsegnungshalle auf Hauptfriedhof

Saarbrücken : Ein klug geformtes Haus des Abschieds

Die Einsegnungshalle von Peter Paul Seeberger auf dem Hauptfriedhof ist ein Werk von hoher gestalterischer Qualität.

In den 1960er-Jahren wurden Kirchen und Kapellen – oft allzu treffend – als „Gottes-Boxen“ bezeichnet. Der nüchterne „International Style“ der Nachkriegszeit hatte den Sakralbau ergriffen.

Als Erstes wurde die „St. Savior Kapelle“ als „God Box“ bezeichnet. Deutschlands bekanntester emigrierter Architekt, Ludwig Mies van der Rohe, entwarf sie. Die Kapelle entstand von 1949 bis 1952 auf dem Campus des Illinois Institutes of Technology in Chicago. Trotz der totalen Reduktion im Ausdruck bietet sie einen beeindruckenden Raum. Auch auf dem größten Friedhof Südwestdeutschlands, dem Saarbrücker Hauptfriedhof, steht ein Meisterwerk der 60er-Jahre-Sakral-Architektur: die Einsegnungshalle Peter Paul Seebergers, des berühmten Schulbau-Architekten in Saarbrücken. Die Halle, 1965 eingeweiht, besteht aus unverkleidetem Beton. Neben dem Hauptgebäude in Form eines Schuhkartons steht ein Glockenturm.

Der Charme des Gebäudes offenbart sich beim näheren Hinsehen. Die Fassaden sind wie Waben perforiert, was ihnen die Schwere nimmt. Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin von Egon Eiermann ist das berühmteste Beispiel für die damalige Affinität zu Betonwaben. In Saarbrücken machen die Waben einen Filter, der die umgebende Natur in ein Pixelbild verwandelt und so entfremdet. Denn Sichtschutz möchte eine Trauergemeinde genießen, aber nicht im grauen Bunker den ohnehin schon tristen Abschied von einem Angehörigen zelebrieren müssen. Der Andachtsraum ist kein kirchliches Gebäude und doch spirituell.

Ein umlaufendes Kupferfries von Boris Kleint gliedert den Raum. Dieser im Saarland sehr einflussreiche Künstler hatte Psychologie studiert und war Assistent bei Max Wertheimer, dem Begründer der Gestalttheorie. Ab 1933 studierte er in Berlin bei Johannes Itten. Nach dem Krieg erhielt Kleint eine Berufung an die Staatliche Schule für Kunst und Handwerk in Saarbrücken, 1953 übernahm er den Vorsitz im Saarländischen Künstlerbund, und 1957 gründete Kleint die Künstlervereinigung „neue gruppe saar“.

Die Materialreduktion des Gebäudes zeugt vom Geist der sechziger Jahre. Die raue Schalung des Betons gehört zum Repertoire des „Brutalismus“. „Brutal“ ist der Bau jedoch keineswegs. Im Gegenteil lebt er von Details, der geschickten Verbindung von Innen- und Außenraum und den kleinen Höhenunterschieden, die den Raum gliedern.

Die optische Erweiterung der kleinen Kapelle auf drei Seiten durch den „geliehenen Blick“ nutzt einen beliebten Trick aus der Landschaftsarchitektur. Der Kontrast zur Einsegnungshalle auf dem Friedhof St. Arnual, die der selbe Architekt zur selben Zeit entwarf, könnte kaum größer sein. Dort erinnert das spitze Zeltdach an ein Wigwam des Abschieds oder des Trostes. Einzige Gemeinsamkeit ist der umlaufende Arkadengang.

Im Inneren der Einsegnungshalle hat Seeberger eine Empore entworfen, die den Raum gliedert. Alles entscheidend ist ein Lichtschlitz über den Wänden, der das Faltdach abhebt: Elegant und leicht wird der spröde Beton dadurch. Die Decke ist innen mit warmem Holz verkleidet, und die dreieckigen Fenster lassen Streiflicht in den Saal. Die Wände führen die Blicke nach oben und Trauernde zur Kontemplation. Der Entwurf bietet einen Rahmen für Zeremonien in Frieden und Würde. Was Kritiker über die Chicagoer Gottes-Box schrieben, sie sei „in ihrer Simplizität nicht primitiv, sondern nobel“, gilt gleichermaßen für Seebergers Halle. Ernst und herb, aber nicht streng bilden die Interieurs eine Passage vom Dies- ins Jenseits – ohne aufdringlich zu sein und mit architektonischem Raffinement.

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