Merzig-Wadern: Schwerer Stand für die Sozialdemokraten

Merzig-Wadern : Schwerer Stand für die Sozialdemokraten

Die Franzosen hatten nach den Bestimmungen des Waffenstillstandsvertrages das Land an der Saar besetzt und waren damit nun auch die neuen Herren in der Merziger Region. Das Jahr 1919 begann und die Menschen sahen sich einer für sie bis vor wenigen Monaten noch unvorstellbaren Umbruchsituation ausgesetzt. In den folgenden Teilen der Serie soll nun das Geschehen, das die Menschen in der Merziger Region vor 100 Jahren in Atem hielt, nachgezeichnet werden.

Natürlich fanden in diesen Tagen auch Wahlveranstaltungen der Sozialdemokraten statt. Allerdings erfolgte über diese sowohl in der Merziger Zeitung, ebenso wie im Konkurrenzblatt, der Merziger Volkszeitung, damals quasi das Organ der Zentrumspartei, keine besondere Berichterstattung, da beide Blätter eine eher konservative Haltung vertraten und von daher wohl nicht gewillt waren, den Verlautbarungen der SPD größeren Raum zu bieten.

In der Ausgabe der Merziger Zeitung vom 15. Januar 1919 wurden demgegenüber noch weitere Wahlveranstaltungen der DDP angekündigt. Diese fanden an den beiden folgenden Tagen jeweils in Mondorf, Hilbringen, Schwemlingen, Mettlach, Wadern, Nunkirchen, Bachem, Brotdorf und Düppenweiler statt. Redner bei diesen Veranstaltungen waren ein Ackerer namens Tritz aus Schwemlingen, der bereits erwähnte Eisenbahnschreiner Ommert aus Saarbrücken, Oberarzt Dr. Ennen aus Merzig, weiter ein Dr. Recktenwald aus Merzig und die ebenfalls schon erwähnte Oberlehrerin Zenker aus Saarbrücken.

In der gleichen Ausgabe meldete die Merziger Zeitung dann:

„Eine erfreuliche Nachricht geht uns zu: Die Deutsche Demokratische Partei, die Deutsche Volkspartei und das Zentrum haben sich geeinigt und für die Wahlen zur Nationalversammlung in unserem Wahlkreise Trier-Koblenz-Birkenfeld ihre Wahllisten verbunden. Wohlgemerkt, jeder Wähler wählt nach wie vor seine Liste, durch die Verbindung der Listen werden die Stimmen nur restlos ausgenutzt gegen den gemeinsamen Feind, die Sozialdemokratie. Es ist dadurch immerhin die Möglichkeit geschaffen, ein oder zwei Sitze mehr für die bürgerlichen Parteien zu gewinnen.“

Wenn man den nachfolgenden Artikel der Merziger Zeitung vom 16. Januar 1919 liest, so lässt sich unschwer erkennen, dass darin ganz eindeutig Stellung gegen die Sozialdemokraten bezogen wird, wenn ausgeführt wird:

„Die Ansprüche der Bergleute wachsen ins Fabelhafte: verkürzte Arbeitszeit, erhöhte Löhne! Vielleicht werden noch Nullstundentage bei unerschwinglichen Löhnen gefordert. Niemand des Proletariats will mehr ernstlich arbeiten, nur der Mittelstand und der Beamte bringen sich schier um. Dazu die schweren Steuern, die Sorgen und der Kummer um das geliebte, arme Vaterland. Manch Greisenherz ist bereits gebrochen für immer; es konnte den plötzlichen Zusammenbruch des Reiches nach so glanzvoller Vergangenheit nicht fassen. An unseren armen Kaiser und die ruhige, friedliche Zeit unter seinem Zepter, an unser einst so stolzes Heer darf man gar nicht denken, sonst werden die Augen feucht und die Stirn hämmert. Dabei ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass unser Vaterland noch nicht genug gelitten hat, dass die Verhältnisse noch schlimmer werden. Eine rote Regierung und es ist alles verloren! Zur Verhütung dessen lasst uns nächsten Sonntag zur Wahlurne treten, nicht anders als mit dem Stimmzettel einer bürgerlichen Partei! - Damit unsere Leser nicht etwa denken, das Kreisblatt erschiene von jetzt ab als ‚rote Fahne‘ der Spartakusbrüder, teilen wir ihnen mit, dass die Herausgabe der Zeitung auf farbiges Papier erfolgen muss, solange der Papiermangel nicht behoben ist.“

Aus der Wahl zur Nationalversammlung ging im Kreis Merzig schließlich das Zentrum als eindeutiger Sieger hervor, worüber schon berichtet worden ist. Im Gegensatz zum Ergebnis hier an der Saar, ging bezogen auf das gesamte Reichsgebiet allerdings die SPD als stärkste Fraktion aus den Wahlen hervor. Sie stellte 165 von 423 Mandatsträgern.

Zweitstärkste Partei wurde das katholische Zentrum mit 91 Abgeordneten. Die linksliberale DDP errang 75 Mandate, die von Gustav Stresemann geführte rechtsliberale DVP erhielt 19 Sitze. Von den „Flügelparteien“ erhielt die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) 44 Sitze, während die USPD, eine Absplitterung der Sozialdemokraten, auf 22 Abgeordnete kam.

Die Kommunisten waren zu den Wahlen noch nicht angetreten, da sie die parlamentarische Demokratie von Grund auf ablehnten. Erst am 1. Januar 1919 hatte der Gründungsparteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) als Zusammenschluss des Spartakusbundes mit den Bremer Linksradikalen stattgefunden. Der Spartakusbund erstrebte dabei eine „Räterepublik nach russischem Muster“.

Die SPD bildete zwar die stärkste Fraktion, doch war sie von einer absoluten Mehrheit weit entfernt. Die Merziger Zeitung kommentierte dies in ihrer Ausgabe vom 21. Januar 1919 wie folgt: „Es kann jetzt schon angenommen werden, dass trotz der ‚roten Flut‘ unser Reich in eine bürgerlich-demokratische Republik verwandelt wird. Dieselbe steht vor gewaltigen Aufgaben; sie wird sich aber mit Gerechtigkeit und Freiheit einen Weg bahnen, der uns wiederum zu einer kraftvollen, wirtschaftlichen Entwicklung bringt.“

Nach der Wahl Friedrich Eberts zum vorläufigen Reichspräsidenten durch die Nationalversammlung und der Beauftragung Philipp Scheidemanns mit der Regierungsbildung am 11. Februar 1919 konnte schließlich die „Weimarer Koalition“ aus SPD, Zentrum und DDP, die über eine Dreiviertel-Mehrheit verfügte, ihre Arbeit aufnehmen.

Eine Woche nach der Wahl zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919 hatte die Kreisbevölkerung noch einmal Gelegenheit, sich an einer Abstimmung, das heißt der Wahl zur preußischen Landesversammlung, beteiligen zu dürfen. Die verfassunggebende preußische Landesversammlung war nach der Novemberrevolution zuständig für die Erarbeitung und Verabschiedung einer demokratischen Verfassung für den ebenfalls zwischenzeitlich ausgerufenen Freistaat Preußen. Während für die Wahl zur Nationalversammlung keine Abgeordneten aus dem Kreis Merzig aufgestellt worden waren, stand für die Wahl zur preußischen Landesversammlung der Amtsgerichtsrat Dr. Werr aus Merzig für die Zentrumspartei auf der Liste. Bei einer etwas geringeren Wahlbeteiligung war auch bei dieser Wahl die Zentrumspartei mit 75,62 Prozent die mit Abstand stärkste Kraft.

Es ist an früherer Stelle bereits ausgeführt worden, dass die Frauen in der Merziger Region, wie überall in Deutschland, erstmals bei der Wahl zur Nationalversammlung Stimmrecht besaßen und zur Wahl gehen durften. Der Umstand, dass im Verlauf des Ersten Weltkriegs Frauen immer mehr Aufgaben der Männer in Wirtschaft und Gesellschaft hatten übernehmen müssen, führte sowohl in Deutschland wie auch in einer Reihe anderer Staaten in der breiten Öffentlichkeit zu einer Neubewertung der Frauenwahlrechtsfrage. Schon am 30. November 1918 war daraufhin ein neues Reichswahlgesetz in Kraft getreten, das sowohl das aktive, als auch das passive Wahlrecht für Frauen beinhaltete.

An dieser Stelle soll allerdings auch Erwähnung finden, dass den Frauen zwar das Wahlrecht zugebilligt worden war, sich an ihrer Stellung im Berufsleben tatsächlich jedoch noch nicht allzu viel geändert hatte. Wie man sich vielmehr vor allem von männlicher Seite die zukünftige Rolle der Frauen im Arbeitsleben nach dem Kriegsende vorstellte, geht aus einem Leserbrief an die Merziger Zeitung, der dort am 27. Januar 1919, also nur wenige Tage nach der Wahl zur Nationalversammlung, abgedruckt wurde, hervor. Darin heißt es:

„Nachdem der furchtbare Krieg zu Ende ist und unsere tapferen Feldgrauen zum größten Teil zurückgekehrt sind, bedarf man tatsächlich der weiblichen Arbeitskräfte in Büros nicht mehr. Während der 4½-jährigen Kriegszeit war es allerdings nicht anders möglich, unsere durch den Krieg abgerufenen männlichen Arbeitskräfte durch weibliche zu ersetzen. Es war für sie eine Ehre, die in den Krieg ziehenden Männer und Jünglinge des Bürostandes vertreten zu können. Nachdem nun ein recht großer Prozentsatz der Kriegsteilnehmer wieder angelangt ist, müssten die Damen doch selbst zur Einsicht kommen und sich sagen: Es gibt jetzt so viele junge Leute des Bürostandes (Kriegsteilnehmer), die durch den Krieg stellenlos geworden sind bzw. deren Stellen wir innehaben. Wir wollen ihnen zum Dank, dass sie unsere liebe Heimat so treu beschützt haben, ihnen ihre Stellungen wieder zukommen lassen. Stattdessen liest man noch immerzu in den Zeitungen Anzeigen, wie ‚Ein jüngeres Fräulein sucht Stelle auf einem Büro bei bescheidenen Ansprüchen‘. Für die Mädchen gibt es doch tatsächlich Stellen genug. Die Herrschaften wissen kaum Dienstmädchen oder Haushälterinnen zu bekommen. Warum? Weil eben alle eine Bürodame werden und bleiben wollen. Gerade auf dem Gebiet der Haushalte müssten die Bürodamen vertreten sein, denn dort ist das Nötige zu erlernen, was im späteren Leben gebraucht wird, nämlich die Hauswirtschaft; denn alle Damen wollen doch einmal heiraten. Also darum heraus aus den Büros zugunsten der stellenlosen Herren! Auch von Seiten der Arbeitgeber müsste darauf gedrungen werden, den Kriegsteilnehmern das Vorrecht zu lassen. In den Zeitungen war nach Kampfesschluss zu lesen: ‚Seid herzlich willkommen, ihr tapferen Krieger. Des Volkes Dank ist euch gewiss!‘ “

Wenn man die nachfolgend abgedruckte kurze Notiz der Merziger Zeitung vom 29. Januar 1919 liest, kann man sich unschwer vorstellen, dass in jenen Tagen den Menschen hier in unserer Region wohl der Schreck in die Glieder fuhr, als urplötzlich verstärkt ein Donnergrollen von Westen her zu vernehmen war.

Doch verschaffte der kurze Artikel den Menschen Aufklärung darüber, was die Ursache für dieses zunächst unglaubliche Geräusch war: „In den letzten Tagen und besonders gestern hörte man Donnergrollen von Westen her, als sei wieder Krieg. Die gewaltigen Detonationen rühren jedoch von den Sprengungen der schweren Unterstände an der westlichen Schlachtfront her.“

Erwähnung finden soll an dieser Stelle im Hinblick auf die zuvor stattgefundenen Wahlen noch eine Meldung der Merziger Zeitung vom 27. Februar 1919, wonach im Frühjahr des Jahres turnusgemäß eigentlich auch Kommunalwahlen hätten stattfinden sollen.

Allerdings sei die Abhaltung dieser Wahlen von den französischen Besatzungsbehörden abgelehnt worden. Als Begründung wurde dabei angeführt, diese Wahlen hätten für die Verfassung des Landes keine Bedeutung und zudem seien die alliierten Besatzungsbehörden mit den aktuellen Gemeindeverwaltungen, die über eine lange Erfahrung verfügten, gut ausgekommen.

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