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Interview Sarah Lesch
„Mit Humor kann man Schmerz verarbeiten“

Gastiert am 10. November in Losheim: Sarah Lesch.
Gastiert am 10. November in Losheim: Sarah Lesch. FOTO: Marcus Mlynek
Romantisch, poetisch und unverblümt kritisch wird es im Saalbau Losheim am Samstag, 10. November. So klingt die Musik von Liedermacherin Sarah Lesch auf allen drei Alben, die sie in sechs Jahren voll musikalischer Rebellion produziert hat. Mit ihrer neuesten Platte „Da draußen“ tritt sie ab 20 Uhr auf. Der Eintritt kostet 23 Euro. Die SZ hat sich mit ihr unterhalten.

Rebellisch, poetisch und ehrlich könnte eine Kurzbeschreibung deiner Texte lauten. Wer deine Musik noch nicht kennt, wird vielleicht überrascht sein. Wie würdest du einem Ahnungslosen deine Lieder sonst noch beschreiben, um ihn darauf vorzubereiten?


LESCH Ich sage immer, ich bin Liedermacherin und mache Liedermacher-Musik. Sie ist sehr textlastig und gibt viel zum Nachdenken. Auch aufwühlend und bewegend ist sie, glaube ich. Aus Rückmeldungen schließe ich, dass die Menschen, die zu meinen Konzerten kommen, sehr inspiriert und bewegt nach Hause gehen. Ich gebe ihnen viel Stoff zum Nachdenken mit. Aber die Melodie richtet sich nach dem Text. Ich bediene mich in vielen Genres und bei meinen Auftritten gibt es immer etwas Tanzbares, ganz zarte und leise Stücke, was zum Händchenhalten und Kuscheln sowie zum Heulen und Lachen.

Drei Alben in sechs Jahren: nicht schlecht im Singer-Songwriter-Bereich. Wo kommt die Inspiration zu deiner ungebrochenen Kreativität her?



LESCH Meine Musik kommt immer aus meinem Leben. Sie zeigt genau das, was mich berührt. Schon bei meinem ersten Album haben mich politische Themen bewegt. Aber die Dinge, die mich selbst betreffen, waren es, die mich zum Schreiben brachten. Ich kann nicht über irgendetwas schreiben, nur weil ich denke: Da muss es jetzt mal ein Lied drüber geben! Es sind Dinge, die mich treffen oder emotional anrühren, bei denen es eine Not gibt. Wofür ich keine Worte finde, dafür finde ich Lieder. Egal ob es etwas ist, das mir selbst passiert, jemandem, den ich liebe, dem mein Lied helfen soll, oder ob es etwas Politisches ist, was uns alle betrifft.

Die Musik kommt also aus deinem Leben. Sie liegt dir im Blut, könnte man sagen. Kommst Du aus einer musikalischen Familie?

LESCH Mein leiblicher Vater, mit dem ich aber nicht aufgewachsen bin, ist Musiker. Nach der Wende hatte er einen großen Schlagerhit, weshalb ich ihn aus dem Fernsehen kannte. Wahrscheinlich war diese Veranlagung schon immer irgendwie in mir. Meine Familie mütterlicherseits hat allerdings überhaupt nichts mit dem Musikgeschäft am Hut. Die wollten lieber, dass ich einen handwerklichen Job, also eine „richtige“ Arbeit mache. Sie hatten eher Angst, dass ich auf diese Flausen komme, da sie wussten, dass mein Papa das macht.

Und wie kam es dann schlussendlich dazu, dass du entgegen der Vorstellung deiner Familie den Sprung gewagt hast?

LESCH Da ich so jung schwanger geworden bin, war ich eben viel zu Hause. Meine Freunde sind ausgegangen oder ins Ausland und in coole Städte gezogen. Also habe ich angefangen zu schreiben – einfach, um mich auszudrücken. So wie eine Art Tagebuch. Dann ist mir ein schweres Ereignis widerfahren. Jemand, der für mich super wichtig war, ist gestorben. Daraufhin habe ich mein erstes Album fertiggemacht. Diese Begebenheit hat mir gezeigt, wie schnell alles vorbei sein kann. Dann habe ich mich nur noch gefragt, wieso ich nicht das mache, was ich wirklich will. Außerdem habe ich das traurige Erlebnis damit auch verarbeitet.

Im Bonner Generalanzeiger hat Hagen Haas dich als unangepasst, stachelig, aufmerksam, politisch, poetisch, angriffslustig, wildromantisch, umwerfend und „wie sie vieldeutig über sich selbst sagt, weltfremd“ beschrieben Diese Begeisterung verleiht dem Wort „weltfremd“ durch dich eine ganz neue, positive Bedeutung. Auch in deinem Lied „Testament“ singst du: „Wenn ihr das Welt nennt, bin ich gern weltfremd.“ Was oder wer ist für dich weltfremd?

LESCH Es wurde immer über mich gesagt, dass ich weltfremd bin. Das hier ist eine reine Trotzreaktion. Ich glaube, was die Leute meinten, als sie mich weltfremd nannten, war nur meine sehr positive und freigeistige Vorstellung davon, was man alles machen kann – was möglich ist. Dass ich ganz und gar nicht pessimistisch bin. Ich finde, wir müssen unsere weltlichen Wertigkeiten überdenken. Wir nennen jemanden weltfremd, der versucht, ethisch zu konsumieren oder vegan lebt. Jemanden, der Freischule mit seinen Kindern macht oder der Musiker werden will. Ich hingegen denke, es ist absurd, was uns verkauft wird beziehungsweise was wir unbedingt brauchen, um endlich schön oder endlich glücklich zu sein. Dass wir mit dem Auto ins Fitnessstudio fahren, um eine Stunde am Fahrrad zu trainieren, das ist einfach befremdlich.

So kann man dein Manifest, das Lied „Testament“, als deine Definition von weltfremd auffassen?

LESCH Ja. Wenn ihr das Welt nennt, bin ich gern weltfremd! Es trifft meine Ansicht zur Welt und Politik ganz gut. Was hier in diesem Europa passiert, diese Mauern, die gezogen werden… eine Gemeinschaft in der das Ego-Gehabe dieser Machtmenschen gefeiert wird, ist nicht die Welt, auf die ich Bock habe.

Mit deinen Liedern sprichst du viele junge Menschen an und bringst sie unwillkürlich zum Nachdenken. Zudem hast du den Beruf der Erzieherin erlernt. Was willst du der neuen, weltfremden Generation mitgeben?

LESCH Ich will nicht belehren. Man darf auf keinen Fall die Menschen bekehren wollen. Ich kann nur sein, was ich bin, und versuchen, mich und meinen Geist von allem, was mich einsperrt, zu befreien. Ich lebe mich einfach aus und verarbeite täglich, was mich beschäftigt. Das auszusprechen, was ich fühle, damit will ich inspirieren. Ich mache das auch für mich. Ich will nicht vorleben, sondern lebe einfach.

Du hast aber eine gewisse Vorbildfunktion als Musikerin und beeinflusst die Menschen, die dir zuhören.

LESCH Ja, und das ist eine große Verantwortung. Das ist so eine Eigenheit der Liedermacher: mit erhobenem Zeigefinger da stehen. Meine Mit-Musikerin Wencke Wollny sagt auf der Bühne immer, sie findet eher, dass man mit dem Zeigefinger irgendwo drauf zeigt und damit meint: Schaut mal hier, das ist doch irgendwie komisch. Man will den Leuten nur etwas zeigen oder ja, man zeigt sich selbst was. Ich singe mir meine Lieder auch selbst vor. „Testament“ zum Beispiel ist auch dafür da, mir selber ein Bein zu stellen. Es soll mich davor bewahren, in meine alten Muster zu verfallen.

Songtitel wie „Der Seemann“, „Matrose“, „Eisenheinrichs Fischerlied“ und der Namen deines zweiten Albums „Von Musen und Matrosen“ klingen sehr nach Meer und Seefahrt. Hast du einen persönlichen Bezug dazu?

LESCH Ich liebe das Meer. Dort, also an der Ostsee, habe ich meine Sommer und alle Ferien verbracht, da ein Teil meiner Familie dort her kommt. Das Meer inspiriert mich, beispielsweise beim Lied vom Kapitän vom Album „Lieder aus der schmutzigen Küche“. Dieses Lied ist eine wahre Geschichte von meinem damaligen Schwiegerpapa, Kapitän Stefan Schmitt. Seine bewegende Geschichte hat mich natürlich sehr inspiriert. Aber ich finde die Natur und die See toll. Ich denke viel in Bildern und habe dabei immer das Meer vor der Nase.

Aber in Losheim geht es nun um dein neuestes Album „Da draußen“. Mit dem gleichnamigen Lied oder Songs wie „Reise Reise Räuberleiter“ zum Beispiel beschreibst du poetisch und blumig das Schöne im Leben. Ist das ein Ausgleich zu deinen sonst oft so kritischen Texten?

LESCH Ja. Manchmal entstehen aus den schmerzhaftesten, schlimmsten Situationen ganz schöne, leichte, fröhliche oder lustige Lieder. Es ist oft so, dass man mit Humor viel Schmerz verarbeiten kann. Ich glaube, man gleicht sich damit selbst aus. Man heilt sich damit, dass man die Dinge aus einer lustigen Perspektive betrachtet. Auch wenn die Leute denken: Das ist ein leichter Song, den hat sie sicher in einer fröhlichen Situation geschrieben. Ich habe eine ganz große Unbedachtheit und „Pippi-Langstrumpfigkeit“ in mir, aber auch immer eine große Herzensschwere und Melancholie. Kein Song hat sich so leicht ereignet, wie er klingt. Es ist immer eine Form der Verarbeitung für mich. „Nimm’s leicht“, will ich mir damit sagen.

Man sieht dich oft in Begleitung anderer Singer-Songwriter. Wer wird dich denn in Losheim auf der Bühne begleiten?

LESCH Ich hab mir schon immer vorgenommen, wenn ich mal so viel Geld verdiene, dass ich Musiker mitnehmen kann, dann kommen andere Liedermacher mit, die ich selber toll finde und die ich darum anderen vorstellen will. Das werden diesmal Benni Benson und Lukas Meister sein.

Wer sind denn Benni Benson und Lukas Meister?

LESCH Benni und ich kennen uns schon sehr lange. Er ist ein Liedermacher aus Augsburg und macht eher so amerikanisch angehauchte Musik, aber eben mit deutschen Texten. Er hatte mich damals aufgrund meines Songs „Der Kapitän“ zu einem Flüchtlingsprojekt eingeladen, bei dem er engagiert war. Lukas Meister und ich haben uns in Stuttgart bei einem Liedermacher-Wettbewerb kennen gelernt, weil wir uns gegenseitig so toll fanden. Ich bin so stolz, dass ich mit zwei so guten Musikern fahre, die mittlerweile dicke Freunde von mir geworden sind. Zurzeit sind beide im Papa-Urlaub und im Herbst kommen sie für die Tour wieder.

Was gibt es sonst in Losheim zu erwarten?

LESCH Benni und Lukas machen Multi-Instrumentalisten-Musik und sind beide wunderbare Gitarristen. Aber es gibt auch ein bisschen Klamauk sowie ein Mini-Piano und ein kleines Schlagzeug. Bei mir ist alles immer ein bisschen zusammengeschustert.

Die Fragen stellte
Ann Sophie Willeitner.

Karten für das Konzert von Sarah Lesch gibt es beim Kreis-Kulturzentrum Villa Fuchs, Tel. (0 68 61) 9 36 70, www.villa-
fuchs.de, bei der Tourist-Info am See in Losheim, Tel. (0 68 72) 9 01 81 00, E-Mail: Touristik@losheim.de, sowie im Internet unter www.ticketregional.de.