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Geschichte der Villa Borg: Römer verliebten sich in die Obermosel

Geschichte der Villa Borg : Römer verliebten sich in die Obermosel

Archäologen fanden heraus, dass das zweite und dritte Jahrhundert nach Christus die Blütezeit der Römersiedlung bei Borg war.

Wäre Johann Schneider nicht gewesen, wäre die Römische Villa Borg vielleicht nie entdeckt worden, findet Bettina Birkenhagen, Archäologin der Villa Borg. Seit dem 19. Jahrhundert ist die Fundstelle des antiken Hauses durch den Lehrer aus Oberleuken bekannt, der mit seinen Schülern durch die Wälder streifte und Begehungen unternahm. Schneider fielen die unnatürlichen Geländeerhöhungen auf, weswegen er um 1900 anfing, kleinere Grabungen durchzuführen. Dabei stieß er auf eine römische Siedlungsstelle und fand weitere Fundstücke, die durch Tiere oder Wurzeln an die Oberfläche gebracht wurden. Seine Funde sendete er ans Rheinische Provinzialmuseum nach Trier, wo diese und Schneiders zeitgenössischen Berichte noch heute einsehbar sind. Zwei Weltkriege brachten die Forschungen Schneiders in Vergessenheit, bis ausgedehnte Raubgrabungen drohten, das Denkmal derart zu zerstören, dass sich das Landesdenkmalamt veranlasst sah, eine Ausgrabung durchzuführen.

Der ehemalige Landrat Michael Kreiselmeyer setzte sich intensiv für das Grabungsprojekt „Römische Villa Borg“ ein und fand Unterstützung beim Kreistag von Merzig-Wadern, so dass dieses Gremium am 13. Juni 1986 den Beschluss fasste, mit den Ausgrabungen zu beginnen und diese wissenschaftlich auszuwerten. Ein Jahr später, am 1. April 1987, begannen dann die Arbeiten an der archäologischen Ausgrabung.

Beim Freilegen entdeckte man eine große Fundstelle, bei der viele Mauerwerke aufgedeckt wurden.  Zuerst wurden die Mauern des Badegebäudes sowie der Taverne ausgebuddelt. 1994 fasste der Kreistag den Beschluss, die Villenanlage nicht nur auszugraben, sondern diese auch in Trägerschaft der Kreis-Kulturstiftung wissenschaftlich fundiert zu rekonstruieren und so zum Leben zu erwecken. Für den Bau der Gebäude griff man auf das bestehende antike Fundament zurück, auf dem man die Neubauten hochzog. Das kam nach den Worten von Ausgrabungsleiterin Birkenhagen so gut bei den Besuchern der Ausgrabung an, dass man sich dazu entschloss, die anderen Gebäude ebenfalls voll funktionsfähig zu rekonstruieren.

Wieder komplett aufgebaut sind bisher das Torhaus, der Wohn- und Wirtschaftstrakt, Herrenhaus, Villenbad, Taverne, die römische Küche und die Gartenanlagen. Erst ein Drittel der gesamten Fläche der Villa ist bisher ausgegraben, insgesamt erstreckt sich das Gelände auf siebeneinhalb Hektar. Schon ein gutes Jahrtausend vor Christus wurde das Gelände genutzt und besiedelt. Als Erbauer der Villa gilt ein romanisierter Kelte, der die Gepflogenheiten der Römer übernommen hatte. „Die Architektur der Anlage ist für die Regionen auf der linksrheinischen Seite sehr typisch“, urteilt Birkenhagen. „Diese entwickelt sich in den Provinzen und ist kein Villentyp, den man in Italien findet.“ Zudem geht die Archäologin davon aus, dass die Villa auf „keltischen Grundlagen“ aufgebaut ist, „denn etwa 90 Prozent aller Villen dieses Typs haben eine Vorgängersiedlung von den Kelten“, beschreibt sie. Bis ins fünfte Jahrhundert nach Christus wurde das Anwesen immer wieder umgebaut, die Blütezeit der Villa war jedoch im zweiten und dritten Jahrhundert nach Christus. In dieser Zeit erfuhr das Anwesen die größte Ausdehnung, daher haben die Archäologen diese Zeit der Villa heute für die Besucher sichtbar gemacht. „Etwa 200 bis 250 Römer haben in dieser Zeit hier gelebt, Handel nach Trier und Metz betrieben und von der Landwirtschaft gelebt“, erklärt Birkenhagen. Dazu zählten große Familien mit ihren Bediensteten und Sklaven, die für die Gärten, Anlagen, Landwirtschaft und Viehzucht zuständig waren. Damit habe man auch die meiste Zeit des Tages verbracht, erläutert die Archäologin. Sie weist jedoch darauf hin, dass diese Zahlen lediglich Schätzungen sind, da bis heute keine Gräber gefunden wurden. Nach dem fünften Jahrhundert brach die Besiedlung plötzlich ab. „Eine Erklärung dafür gibt es nicht“, sagt Birkenhagen. „Die Villa wurde danach schnell wieder vom Wald zurückgewonnen, weshalb die Funde auch so gut erhalten sind.“ Wieso sich die Römer aber ausgerechnet hier niederließen, hat für die Archäologin vor allem mit den idealen Ackerbaubedingungen und der Wasserversorgung zu tun. Denn im umliegenden Wald gebe es viele Quellen und Bachläufe, die eine optimale Versorgung garantierten.

Die bei den Ausgrabungen gefundenen Relikte werden im Museum der Villa ausgestellt. Dazu gehören Köpfe von Skulpturen sowie weitere Dekorationen. Zahlreiche Handwerksutensilien wurden ebenfalls gefunden, Haarnadeln für aufwendige Frisuren, Schreibutensilien mit Siegelkapseln, Gefäße, Fibeln wie auch Gold- und Bronzemünzen. „Die große Anzahl an gefundenen Münzen lässt auf einen wohlhabenden Inhaber schließen“, schlussfolgert Gerd Schmitt, Marketingleiter der Villa Borg. Außerdem fanden die Archäologen zahlreiche Würfelspiele, „denn Römer haben immer sehr gerne gespielt“, erzählt Birkenhagen, seien es Würfel- oder Mühlenspiele. Im Herrenhaus können Besucher darüber hinaus antikes Mobiliar begutachten, das dem Original nachempfunden ist. „Alle Fundstücke sind in einem recht guten Zustand“, stellt die Archäologin klar, „bis auf die Glasgefäße, die sehr gelitten hätten.“ Auch Funde der Kelten und aus der Steinzeit beweisen, dass die Villa seit mehreren Jahrtausenden permanent von Menschen besiedelt wurde.

Auch die Latrine, die Toilette der Römer, ist voll funktionsfähig nachgebaut und wird nach wie vor mit Wasser gespült. Dafür wird im Innenhof Wasser von den Ziegeln aufgefangen, das durch die Latrine nach draußen ins Sickerbecken geführt wird. Birkenhagens Worten zufolge haben die Römer schon früher ihr gebrauchtes Wasser vom Baden wiederverwendet, um eine Wasserverschwendung zu vermeiden. In einer kleinen Rinne vor der Latrine konnten die Nutzer ihre Schwämme nach dem Toilettenbesuch auswaschen und reinigen.

Neben der Latrine sind zwei Bäder rekonstruiert, die ebenfalls instand gesetzt sind. Für die Farbe der bunten Wandmalereien griff man unter anderem auf das „Wallerfanger Blau“ zurück, das in dem Ort an der Saar abgebaut wurde. Schon die Römer nutzten einen Ruheraum nach dem Baden, ähnlich wie nach einem Saunabesuch, in dem Besucher eine Fußbodenheizung sehen können. Diese wurde durch heiße Luft gespeist und in den Wänden nach draußen geführt. So wurden auch diese ebenfalls erhitzt und brachten Wärme in den Raum.

Direkt daneben befindet sich heute die Taverne der Villa Borg, die sowohl überlieferte Originalrezepte der Römer als auch Gerichte aus der regionalen Küche anbietet, erzählt Schmitt. Das Rezept für die lukanische Wurst stammt beispielsweise aus der italienischen Stadt Lucca. Dabei mussten Köche und Metzger ein wenig experimentierfreudig sein, denn in den Rezepten fehlten oft die Mengenangaben. Im Kräuter- und Gemüsegarten werden ausschließlich Kräuter und Gemüse angebaut, die schon im zweiten und dritten Jahrhundert nach Christus angebaut wurden und die gegenwärtig von der Taverne für ihre Gerichte verwendet werden. „Sieht nicht nur schön aus, sondern wird auch tatsächlich genutzt“, hält  Birkenhagen fest. In der betriebsfähigen Küche finden regelmäßig Back- und Kochvorführungen für Gäste statt. „Gerade Kinder können den Zusammenhang zwischen Getreide und Brot nicht mehr herstellen“, sagt Birkenhagen. Daher können die Kleinen aus nächster Nähe lernen, wie Brot gebacken wird. Bei den archäologischen Ausgrabungen stießen die Forscher auf alte Mahlsteine sowie ein altes Becken und konnten einen Kesselofen sowie zwei Backöfen auffinden. In dieser Küche wird weiter ein römisches Brot gebacken, das die Besucher kaufen — und dessen Entstehung sie beobachten können.

Auf die experimentelle Archäologie möchte man in Zukunft stärker bauen und diese ab 2018 erweitern, erzählt Birkenhagen. Derzeit verfügt die Villa über eine Glashütte mit einem Ofen, in dem Gläser von erfahrenen Handwerkern nach römischen Vorlagen geblasen werden. Zusätzlich möchte man in den nächsten Jahren eine Schmiede und eine Töpferei errichten, um diese traditionellen Handwerkskünste zu unterstützen, die es Birkenhagens Worten zufolge heute nicht mehr so gibt wie damals. So möchte man nicht nur durch die Villa die römische Kultur am Leben erhalten, sondern auch diese Handwerke fördern. Außerdem will man Schülern und Studenten die Möglichkeit bieten, bei der Ausgrabung mitzumachen. Derzeit arbeiten die Forscher am Nebengebäude zwei, in dem die Töpferei entstehen soll.

In der Antike war das zweite Nebengebäude womöglich ein Wohngebäude für Bedienstete oder Pächter, die in einer gewissen Abhängigkeit zu der in der Villa lebenden Familie standen, da man dort viele Öfen gefunden hat. Das erste Nebengebäude diente wahrscheinlich als Lebensmittellager, erklärt Birkenhagen, weil man viele Vorratsgefäße gefunden hat.

Wie viel wir uns bei den Römern abgeschaut haben, zeigt die Villa Borg den Besuchern sehr plastisch. Römer legten viel Wert auf Hygiene, was die Latrine und die großen Bäder mit ihrem Ruheraum beweisen. Wasser wurde nicht verschwendet, sondern wieder verwendet, und eine Fußbodenheizung war schon im alten Rom eine Annehmlichkeit.

Erlebnisführungen mit einem Sklaven oder einem Legionär, die sich bei Besuchern größerer Beliebtheit erfreuen, als normale Wissensführungen, bringen die Historie näher. Dass von dieser so viel bekannt ist, „verdanken wir schriftlichen Überlieferungen, in denen solche Dinge einfach beschrieben sind und bis heute nachwirken“, sagt Birkenhagen. Viele Forschungsprojekte sind bisher abgeschlossen, viele dauern noch an. Die Untersuchung von Tierknochen ergab beispielsweise, dass in der Antike noch Wölfe lebten. Und diese Knochenfunde geben auch Aufschluss darüber, welche Tiere von den Menschen dieser Zeit gejagt wurden: Hirsche, Rehe und Wildschweine, aber auch Ziegen und Vögel gehörten zum Speiseplan. Sogar Austernschalen wurden nachgewiesen, die frisch von der Küste in den Obermosel-Raum transportiert wurden. Archäologische Studenten können in der Villa Borg ihre Masterarbeiten und Dissertationen schreiben, Themen gibt es Birkenhagen zufolge einige, weshalb sie „um jeden Studenten froh sind, der was machen möchte“, sagt sie.

Sobald die Ausgrabungen an Nebengebäude zwei und eins im eingezäunten Bereich abgeschlossen sind, wollen die Archäologen in den Wald vorrücken, in dem weitere Wirtschaftsbauten begraben liegen. Sukzessiv soll daran gearbeitet werden, um den Besuchern in irgendeiner Form die Bauten zugänglich zu machen. Außerdem kommt man so direkt an die Römerstraße, die zwischen Trier und Metz sowie in unmittelbarer Nähe der Villa verläuft. Die Pläne der Häuser liegen den Wissenschaftlern vor, denn mit Hilfe von geomagnetischen Scans mit Flugzeugen aus der Luft lässt sich deutlich im Gelände erkennen, wo noch nicht ausgegrabenes Material verdeckt liegt.

Schon die alten Römer kannten und nutzten das Prinzip der Fußbodenheizung, wie Jatros, der Haussklave der Römischen Villa in der Nähe des Perler Ortsteil Borg, zu berichten weiß. Foto: rup/Rolf Ruppenthal
Eine Delikatesse: Nach alten Rezepten wird in der Küche der Villa Gewürzbrot hergestellt. Foto: Villa Borg
Steinerne Erinnerung: der Kopf eines Römers. Foto: rup/ROLF RUPPENTHAL

Die Ausgrabungen der Villa Borg würden noch schätzungsweise 20 oder 30 Jahre andauern, sagt Schmitt. Für ihn und Birkenhagen ist es ein erklärtes Ziel, „dass sich die Villa weiterentwickelt und man zeitgemäß die römische Geschichte an die Besucher bringt“. Des Weiteren soll die Anlage, die von den erwirtschafteten Einnahmen lebt, durch diverse Veranstaltungen belebt werden. Die beiden Standbeine der Villa sollen Archäologie und Tourismus bleiben.