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Polizei informiert über falsche Polizisten

Merzig : Falsche Polizisten zocken 100 000 Euro ab

Gauner bringen Mittfünfzigerin um ihr Erspartes. Weisser Ring macht mit Infoveranstaltung auf Betrugsmaschen aufmerksam.

Vor der gläsernen Haustür erscheinen die dunklen Umrisse eines Mannes. Mit dem Telefonhörer am Ohr steht Hannelore S. (Name von der Redaktion geändert) im Flur ihrer Eigentumswohnung. „Kaffee“, sagt die Mitfünfzigerin. Das Codewort, das ihr die Stimme am Telefon genannt hat. Der Schatten vor der Haustür nickt. Hannelore S. öffnet die Tür und übergibt dem Unbekannten stillschweigend die Tasche mit 40 000 Euro. Das Geld, genau wie weitere 60 000 Euro wird sie nie wieder sehen.

Die Teammitglieder des Weissen Rings, Außenstelle Merzig-Wadern (von links): Stefanie Groß, Maike Schmittberger, Harald Becker, Gerd Ludwig, Eva Schwarz, Peter Maringer, Angelina Röder und Teamhund Sally. Foto: Weisser Ring/Sylvia Staniura

Gerd Ludwig und Maike Schmittberger vom Weissen Ring sitzen mit Hannelore S. am Tisch ihres Esszimmers. Hannelore S. sitzt kerzengerade und erzählt ganz ruhig, was ihr passiert ist. Die Mitarbeiter des Opferhilfevereins hören ebenso ruhig zu. Sie wissen: Was der Frau aus dem Hochwald passiert ist, ist bei Weitem kein Einzelfall. Deshalb veranstaltet der Weisse Ring einen Informationsabend zum Thema „Falsche Polizisten, Enkeltrick und weitere Betrugsmaschen“ am Mittwoch, 12. Dezember, ab 18.30 Uhr im Mehrgenerationenhaus in Merzig am Seffersbach. Kriminalhauptkommisar Christoph Hollinger wird mit Gerd Ludwig und Hagen Berndt vom Weissen Ring über verschiedene Betrugsmaschen aufklären.

Es war Ende Mai 2017 und schon später am Abend in einer Hochwaldkommune, als das Telefon von Hannelore S. zum ersten Mal klingelt. Es meldet sich Hauptkommissar Grimm. Die Polizei habe eine Gangsterbande dingfest gemacht. Einige Mitglieder seien jedoch noch auf freiem Fuß. Bei den Verbrechern habe man ein Notizbuch gefunden. Darin Adressen, vermutlich von Menschen, wo die Bande als nächstes zuschlagen würde. Die Adresse, unter der Hannelore S. mit ihrer kranken Mutter lebt, stehe ganz oben. Erschrocken hört sich die alleinstehende Frau an, was der vermeintliche Kommissar vorschlägt. Man wolle die Bande ködern, um sie bei der Übergabe festzunehmen. Sie solle Geld von ihrem Konto abheben und in einer Tüte auf die Treppe legen. Bis dahin sei die Polizei immer in ihrer Nähe. Beamte würden jetzt häufiger Streife fahren, vor allem dann, wenn sie schlafe. Sie solle ihn, Grimm, anrufen, wenn sie zu Bett gehe. Die beiden standen über Tage und Wochen in Kontakt. Bis zu drei Mal täglich. Hannelore S. ging zur Bank. Hob das gesamte Ersparte ab. Den Bankangestellten erzählte sie eine Lüge. „Die haben gesagt, ich solle nichts erzählen. Die Bank könnte mit der Gangsterbande unter einer Decke stecken“, sagt sie, als sie heute, mehr als ein Jahr später, darüber spricht. „Ich komme mir blöd vor.“

Auf den Trick der Betrüger hereinzufallen, habe nichts mit Bildung zu tun, sagt Hauptkommissar Christoph Hollinger, zuständig für Wirtschafts- und Betrugskriminalität im Landespolizeipräsidium. Nicht mal Leichtgläubigkeit will er unterstellen. „Die Täter schaffen es, durch geschicktes Verhalten die Leute glauben zu lassen, sie würden mit einem echten Polizeibeamten sprechen.“ Den Angerufenen werde oft sogar die Nummer der Polizei auf dem Display angezeigt. „Meistens 110, die Notrufnummer. Wobei die deutsche Polizei natürlich nicht von der Notrufnummer aus anruft“, stellt er klar. Den „falschen Polizisten“ gibt es laut Hollinger etwa seit 2014. Er ist nur eine von vielen Betrugsmaschen. Die Spur der Täter führt fast immer in türkische Call-Center. Obwohl die Täter meist in Deutschland aufgewachsen sind und akzentfrei Deutsch sprechen. „Sie versetzen ihre Opfer in einen Film“, beschreibt Hollinger. So ist es auch Hannelore S. ergangen. Sie war völlig im Gedanken verloren, Verbrecher zu jagen, gibt sie zu.

Die verlangten 40 000 Euro stellte sie wie gewünscht vor die Tür. Am nächsten Tag meldete sich Kommissar Grimm. Es sei niemand gekommen, um das Geld mitzunehmen. Die Polizei hätte es sichergestellt. Sie bekäme das Geld in Kürze auf jeden Fall zurück. Ob sie noch mehr Geld hätte, um die Einbrecher weiter zu ködern. Entschlossen, die Täter dingfest zu machen, ging Hannelore S. zur Bank. Unterschrieb ohne größere Überlegung einen Kredit von 40 000 Euro. Diesmal sollte die Polizei  persönlich vorbeikommen, um das Geld vor dem Einsatz noch auf Echtheit zu überprüfen. Ein paar Mal übergibt sie noch kleinere Beträge.

Die beiden Mitarbeiter des Weissen Rings hören den Schilderungen der Mitfünfzigerin verständnisvoll zu. Aus dieser Handlungsschleife, in die die Täter ihre Opfer manövrieren, finden sie von alleine oft nicht mehr heraus, sagt Gerd Ludwig. Und auch Hannelore S. hat das alleine nicht geschafft. „Ich bekomme mein Geld ja zurück“, soll der vermeintliche Kommissar Grimm immer wieder betont haben“, sagt sie. Und sie hat es geglaubt. Nachfragen sei er immer ausgewichen. Ende Juni letzten Jahres sollte die Rückgabe stattfinden. An diesem Tag hätte sie arbeiten müssen. Sie bittet ihren Chef um einen Tag Urlaub. Als dieser nachhakt, erzählt sie ihm, was passiert ist. Dem Chef ist sofort klar, welches falsche Spiel hier gespielt wurde. Er fährt seine Angestellte zur örtlichen Polizei.

Auf der Suche nach potenziellen Opfern durchforsten die Täter meist Telefonbücher. Dort wählen sie gezielt „altklingende“ Namen aus. „So kommt es, dass Personen auch schon drei vier Mal angerufen wurden“, sagt Hollinger. Wer den Verdacht hat, einen Betrüger am Telefon zu haben, der sollte auf jeden Fall den Anruf melden, rät Hollinger. Die Dunkelziffer sei nach wie vor sehr hoch.

Hannelore S. muss das Darlehen abbezahlen. Der Weisse Ring will ihr wenigstens zu besseren Konditionen verhelfen. Um die Eigentumswohnung sorgt sie sich. Und was aus ihrer Mutter wird. Sie wollten doch nochmal gemeinsam in Urlaub fahren.