Neuer Nachbar fürs Zwergenwäldchen

Neuer Nachbar fürs Zwergenwäldchen

Bäumen gebührt Respekt. Vor diesem Baum freilich hätte ich mich lieber nicht ganz so tief verbeugt. Ich hätte ihn lieber nicht so gründlich kennen gelernt. Aber der Reihe nach.

Die Erbauer unseres Hauses müssen sich gefühlt haben wie Besitzer eines herrschaftlichen Parks, als sie den Garten anlegten: Sie haben Bäume gepflanzt. Dafür bin ich ihnen dankbar. Nur haben sie ein Tickchen übertrieben. Drei Scheinzypressen, zwei Birken, Rotfichte, Serbische Fichte, Kiefer, Koreatanne, Korkenzieherweide, Vogelkirsche, Eberesche, Zierkirsche plus ein uralter Pflaumenbaum auf gerade mal 750 Garten-Quadratmetern, das geht auf Dauer nicht gut.

Die nächsten Hauseigentümer haben obendrein Topf-Weihnachtsbäumchen ausgepflanzt. Zu meinen ersten Garten-Anschaffungen gehörte eine ordentliche Säge: Blaufichtchen und Nordmanntännchen sollten nicht auch noch groß werden, die mickernde Koreatanne fiel. Die Eberesche erledigte ein Pilz. Die Kiefer, extrem schief gewachsen, kippte eines nassen Wintermorgens um. Die Scheinzypressen im Vorgarten, mit der Zeit finstere Friedhofsraketen geworden, wichen einem grazilen Bäumchen.

Beim jüngsten Kontrollgang zeigt sich das nächste Problem. Die Omorika-Fichte, über Jahre schlanke kleine Schwester der imposanten Rotfichte hinten am Waldrand, ist inzwischen so hoch aufgeschossen, dass ihr Wipfel im Umfall-Fall in der Stromleitung landen wird. Was denkbar scheint: Die serbische Dame hat einen dünnen und auch noch krummen Stamm - in der Nachbarschaft knickte 2010 der Februar-Orkan Xynthia stabilere Omorikas wie Streichhölzer.

Die Fällgenehmigung vom Umweltamt kommt rasch. Die Baumpflegefirma - Platznot am Standort macht Profi-Einsatz nötig - hat flott einen Termin frei. In der Wartezeit schaue ich mich nach Ersatz um. Ein kleiner Laubbaum soll es sein, bis zum Boden beastet, auf dass er Nachbars Kompostplatz verdecke. Hell soll er wirken, heiter. Und passen zum Zwergenwäldchen aus Japan-Ahornen und Strauchpfingstrosen direkt nebenan. Lebkuchenbaum und Kobushi-Magnolie kommen in die engere Wahl. In einer regionalen Baumschule findet sich ein prächtiger Kuchenbaum, über 2,5 Meter hoch. Baumschuler mit perfektem Augenmaß praktizieren ihn zentimeterweise in mein Auto; angeschnallt auf dem Beifahrersitz reist er zu mir.

Die Fichte fällt, stückweise, präzise, das Seil-Team knickt anderen Pflanzen kein Blättchen. Nicht mal beim Rangieren mit der schweren Wurzelfräse: Kunstvoll bugsieren die Könner das sperrig wirkende, aber höchst bewegliche Ding an Leberblümchen und Cyclamen vorbei.

Zeit für Handarbeit. Schon vorher weiß ich: Das wird dauern. Denn bei Fichten heißt "Wurzeln fräsen" mitnichten "Wurzeln weg". Mit dichtem Filz knapp unter der Oberfläche krallen sich die Bäume im Erdreich fest, weit über die Kronentraufe hinaus. Eimerweise ziehe ich beim Umgraben zähe Fasern zwischen Bindfaden- und Bleistiftdicke aus dem Boden - das hatte ich erwartet. Nicht aber die Extra-Lektion, die Madame Omorika mir erteilt: Ich lerne wider Willen, wie Serbische Fichten sich ihre schlanke, elegante Figur leisten können. Sie verankern sich nämlich nicht nur mit den dicken Hauptwurzeln, die die Fräse erledigt hat. Sie gönnen sich zudem Oben-untenkreuz-und-quer-Zeug satt, mal daumen-, mal unterarmstark. Der Rodespaten, mit dem man trefflich hebeln kann, gerät an seine Grenzen. Wurzelsäge und Wasserschlauch stehen ihm bei. Kraftakt. Schlammschlacht. Geduldsprobe. Wer Fichten setzt, muss Gärten hassen.

Frisch gewonnenes Land. Pflanzen, endlich! Da steht er nun, der Lebkuchenbaum. Klein sieht er aus vor der Rotfichte - aber er wird aufholen, er wächst recht zügig. Ja, er harmoniert mit dem Zwergenwäldchen. Und sie sind zum Verlieben, diese samtigen Blättchen, die nach dem leuchtenden Austriebs-Braunrot erst grün und später herbstbunt werden - und im Fallen den Lebkuchenduft verströmen, der dem Baum den Namen gab.

Schnell noch Kleingehölze zur Begleitung im neuen, leeren Beet verteilen. Klappt prima - bis der letzte Ahornzwerg dran ist: Da stößt der Spaten auf unüberwindbaren Widerstand. Stein. Das Loch wird breiter. Das Loch wird tiefer. Immer noch Brocken. Viele Spatenstiche und Schlauchspritzer später fördere ich ein Rohr zutage, mit Steinen gefüllt, von klobigen, rohen Betonschalen senkrecht gehalten. Was war das mal? Egal, meine Neugierde und mein Respekt sind aufgebraucht - ich räume ab.

Es ist geschafft. Ich auch.