Netzwerk Begabtenförderung im Kreis Merzig-Wadern will Schülern helfen

Kostenpflichtiger Inhalt: Netzwerk Begabtenförderung in Merzig-Wadern : „Leistung und Begabung sind zwei Paar Schuhe“

Das Netzwerk Begabtenförderung im Kreis Merzig-Wadern will Schulen, Beratungsstellen und weitere Akteure zusammenbringen.

Schon vor seiner Einschulung kennt Peter viele Buchstaben und er kann auch schon ganz gut rechnen. Er interessiert sich für eine Vielzahl von Dingen und freut sich schon darauf, in der Schule viel zu lernen. Was er schon weiß, will er in der Schule natürlich auch anbringen. Sich vorher zu melden, vergisst er dabei allerdings auch mal. Seine Lehrerin muss ihn immer wieder daran erinnern – damit auch die anderen Schüler in seiner Klasse zu Wort kommen.

Die Szene, die Nina Sticher vom Schulpsychologischen Dienst in Merzig beschreibt, ist zwar fiktiv, passiert aber so oder so ähnlich immer wieder. Und sie steht für etwas, das überdurchschnittlich Begabte (siehe Info) oft schon früh feststellen: Wer mehr weiß als andere, ist irgendwie anders. Und gerade Kinder können dies oft nicht richtig einordnen, weiß Sandra Behrend von der Beratungsstelle IQ-XXL. „Wenn der Lehrer zu einem Kind sagt: Du kannst es doch schon, sei doch mal ruhig, dann überfordert das das Kind“, berichtet sie. Sticher vom Schulpsychologischen Dienst Merzig ergänzt: „Das Kind versteht unter Umständen nicht, dass andere anders sind.“ Sie lernen langsamer, verstehen Dinge nicht so schnell wie sie selbst. Aber, betont Behrend: „Kein Kind möchte anders sein.“ Deshalb entstehe oft eine breite Varianz von Verhaltensveränderungen. „Es gibt Kinder, die machen absichtlich Fehler, damit sie nicht so auffallen“, ergänzt Sticher.

Sticher und Behrend wirken beide beim Netzwerk Begabtenförderung im Landkreis Merzig-Wadern mit. Dort treffen Akteure mehrerer Organisationen aufeinander. Zu den regelmäßigen Treffen kommen neben Vertretern von IQ-XXL und dem Schulpsychologischen Dienst auch Mitarbeiter der Lebensberatung Merzig sowie Vertreter der beiden Merziger Gymnasien, der Kreuzbergschule und der Grundschule Düppenweiler sowie des Kindergartens St. Mauritius. Sie tauschen sich über ihre Erfahrungen mit besonders begabten Schülern aus, wollen für mehr Zusammenarbeit sorgen und vor allem aufklären und informieren.

Einen Schüler mit einer überdurchschnittlichen Begabung zu erkennen, ist dabei manchmal gar nicht so einfach. „Leistung und Begabung sind zwei Paar Schuhe“, weiß Behrend. Sabine Erschens, Lehrerin am Gymnasium am Stefansberg (GaS) in Merzig, sagt: „Der Stereotyp vom Nerd, der überall eine Eins hat, stimmt nicht.“ Die Hochbegabten hätten oft Dreien und Vieren, entweder aus Unterforderung oder weil sie andere Prioritäten verfolgen. Einer der Klassiker sei es, sagt Behrend, dass ein Schüler sich selbst sage: „Eine 2 oder 3 reicht mir aus, ich will eh nicht Arzt werden.“

Hochbegabte, die – aus welchem Grund auch immer – keine besondere Leistung erbringen, werden als Underachiever bezeichnet. Das besondere Problem, dem sich Lehrer in diesem Falle gegenübersehen, beschreibt Erschens: „Die Lehrer erkennen das nicht direkt.“ Und wo keine überdurchschnittliche Begabung erkannt wird, kann auch keine Förderung stattfinden. „Wenn ein Kind ständig in der Unterforderungsschleife ist, ist das nicht gesund“, betont Behrend. Später könnten weitere Probleme hinzukommen – zum Beispiel, wenn das Kind keine Lernstrategien lerne, da es sie nicht benötigt. „Irgendwann kommt der Punkt, an dem sie sich anstrengen müssen“, weiß Sticher – und dann setze oft die Frustration ein.

Um dieser vorzubeugen, gibt es sowohl an einigen Schulen als auch unabhängig davon spezielle Angebote. „Häufig sagen die Kinder, dass sie in Fördergruppen zum ersten Mal Normalität erleben“, berichtet Behrend. Marie Burger von IQ-XXL erinnert sich an eine Schülerin, die zu ihr sagte: In der Förderung habe sie zum ersten Mal erlebt, dass andere auch lernen wollen.

Doch auch wenn eine überdurchschnittlich hohe Begabung erkannt wird, gibt es Schwierigkeiten. Denn oft seien die Eltern von der Situation überfordert. „Bei den Eltern entsteht oft eine große Verunsicherung“, sagt Behrend, „sie trauen sich oft nicht, darüber zu sprechen.“ Während Außenstehende von Hochbegabung oft wie von einem Privileg redeten, wissen betroffene Eltern in vielen Fällen nicht, wie sie ihr Kind behandeln sollen, wenn es beispielsweise mit fünf Jahren die Nachrichten sehen will oder daherredet, als sei es schon viel älter, als es eigentlich ist.

Eltern wüssten zudem oft gar nicht, welche Arten der Förderung es gebe, sagt Jennifer La Rocca von der Lebensberatung Merzig. „Diese Verunsicherung bemerken wir“, sagt sie. Oft vermittele sie Eltern und Kinder an den Schulpsychologischen Dienst, wo dann zunächst eine Testung durchgeführt wird. Erste Hinweise auf eine überdurchschnittliche Begabung könnten sich bereits im Kindergartenalter zeigen, sagt Sticher, räumt aber ein: Je älter das Kind sei, desto stabiler sei auch das Ergebnis – richtige Intelligenztests würden nicht vor der Einschulung durchgeführt.

Wenn ein Kind dann überdurchschnittliche Begabung in einem oder mehreren Bereichen zeige, könne entsprechende Förderung einsetzen. „Wichtig ist, dass es vom Kind kommt“, betont Sticher. Über die Möglichkeiten will das Netzwerk ebenfalls besser aufklären. So ist beispielsweise geplant, einen Ideenpool mit Anregungen für Klassenlehrer zusammenzustellen. Auch diskutieren die bisherigen Mitglieder des Netzwerks darüber, welche weiteren Akteure sie mit ins Boot holen können, um möglichst viele relevante Stellen zu vernetzen – und besser zu informieren. Denn dann können Kinder wie der fiktive Grundschüler Peter genau die richtigen Möglichkeiten erhalten, um sich zu entfalten.

Die Mitglieder des Netzwerks Begabtenförderung treffen sich regelmäßig zum Austausch. Foto: Carina Ballof-Meeß

Kontakt zum Netzwerk: Nina Sticher, Schulpsychologischer Dienst, Tel. (0 68 61) 80 15 40, E-Mail: n.sticher@merzig-wadern.de, oder Sandra Behrend, E-Mail: S.Behrend@bildung.saarland.de.