Mit Kopfhörern, aber ohne Musik

Mit Kopfhörern, aber ohne Musik

Der Eine zieht zuerst den rechten Fußballschuh an. Der Andere macht drei Schritte rückwärts, bevor er anläuft. Die Wissenschaft sagt: Routinen sind gut. Sportpsychologe Daniel Memmert erklärt: „Man muss Automatismen einstudieren. Es ist wichtig, um sich zu fokussieren.“

Rituale, Marotten oder von Aberglaube getriebene Handlungen - sie sind in der Sportwelt keine Seltenheit. Vor Beginn der Aufwärmphase spult zum Beispiel Darius Jonczyk das Lied "New Noise" der schwedischen Punk-Band Refused an die Stelle 1:07 Minuten. Bevor seine Mitspieler vom Handball-Zweiligisten HG Saarlouis nach einer letzten Ansprache des Trainers den Weg zum Spielfeld antreten, drückt der Kapitän auf die Abspiel-Taste. Die Stimme des Sängers erfüllt begleitet von lautstarker Hardrock-Musik die Kabine. Anschließend puschen sich die Saarlouiser Spieler im Kabinengang weiter mit dem von lautstarkem Klatschen untermalten Schlachtruf "HGS, HGS". "Das Lied gibt uns den Startschuss. Spätestens dann sind wir heiß und wissen, dass es endlich losgeht", erklärt Jonczyk, der das Ritual mit seinem früheren Mitspieler Daniel Altmeyer vor acht Jahren einführte: "Es hat an seiner Wirkung nichts verloren und gehört mittlerweile einfach dazu."

Mit harter Musik stimmt sich auch Bundesliga-Turner Thorsten Michels von der TG Saar auf einen Wettkampf ein. Vor seiner letzten Übung am Reck platziert er dann seine Badelatschen parallel neben den geplanten Landepunkt bei seinem Abgang vom Gerät. "So kann ich gleich reinschlüpfen, wenn alles glatt geht", erklärt er die Maßnahme, die weniger mit Aberglaube als mit Extra-Motivation zu tun hat: "Das Reck bildet als letztes Gerät den Abschluss eines Wettkampfs. Und mit den Schuhen daneben muss die Übung einfach gut durchlaufen." Ein früherer Gegner Michels' hat ein ganz anderes Ritual. "Vor seinem Einsatz am Pauschenpferd legte er eine Mohrrübe unter das Gerät, damit das Pferd nicht so störrisch ist und ihn abwirft", erzählt der Turner, Kapitän und Vorsitzende der TG Saar .

Mit Kopfhörern, aber ganz ohne Musik bereitet sich Sebastian Spahn, Tänzer der Bundesliga-Formation "Autres choses" des TSC Blau-Gold Saarlouis, auf Wettkämpfe vor. "Ich tue so, als würde ich Musik hören, gehe aber in Wirklichkeit das Stück ganz in Ruhe für mich durch", verrät er seinen Bluff: "Das hat den Vorteil, dass mich niemand anspricht und ich mich wunderbar konzentrieren kann."

Dimitri Friedrich, Kapitän der Drittliga-Volleyballer des TV Bliesen , fällt außer dem gegenseitigen Abklatschen nach einem Punktgewinn keine Marotte seiner Mannschaft ein. Auch Tennis-Spielerin Sarah Blum, die vom TC Merzig zum TuS Neunkirchen wechselte, bereitet sich eher unspektakulär vor. "Ich drehe nur wie eine Verrückte den Schläger vor einem Ballwechsel, wenn ich nicht gerade selbst Aufschlag habe", sagt sie.

Die fast wie krankhaft wirkenden Rituale von Tennis-Spieler Rafael Nadal kennen viele. Vor jedem Aufschlag berührt der Spanier seine Ohren, seine Nase, seine Schultern und seine Hose in einer bestimmten Reihenfolge. Nach jedem Punkt lässt er sich sein Handtuch geben. In jeder Pause widmet sich Nadal seinen zwei unterschiedlich temperierten Trinkflaschen. Er nimmt aus jeder nur einen Schluck, bevor er wieder zur anderen wechselt. Dann stellt er die Flaschen zwischen seine Beine mit dem Etikett in die gleiche Richtung ausgerichtet hintereinander auf. All das tut er immer und immer wieder. "Das polarisiert schon extrem", sagt Blum, die sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen lässt - es sei denn, eine Gegnerin trödelt: "Wenn ich Sport mache, dann mache ich Sport und spaziere nicht über den Platz." Rituale und Routinen gibt es im Sport zuhauf. Sie reichen vom Abklatschen vor einem Wettkampf oder einem Spiel bis hin zu extravaganten Selbstinszenierungen wie der allseits bekannte Freistoß-Ritus von Fußballprofi Cristiano Ronaldo von Real Madrid . Die Wissenschaft sagt: Routinen sind gut. Gerade in Stress-Situationen, in denen sich Sportler während eines Wettkampfes befinden, können sie Sicherheit bringen.

Wirkt das ewig gleiche Gehabe von Ronaldo für manchen Fan auf Dauer langweilig und lächerlich - besonders, wenn der folgende Schuss an der 170 Zentimeter hohen Ein-Mann-Mauer namens Philipp Lahm hängen bleibt, wie beim Weltmeisterschaft-Spiel 2014 zwischen Portugal und Deutschland (Endstand 0:4) -, so schafft es in den meisten Situationen annähernd eine Wiederholbarkeit der Kunstschüsse, die selbst Weltstars wie Ronaldo nicht wie am Fließband produzieren können. Zudem verschafft eine selbstbewusste Körperhaltung einem Akteur in Duell-Situationen wie beim Elfmeterschießen im Fußball einen Vorteil. Auch das ist wissenschaftlich belegt.

Der Sportpsychologe Daniel Memmert, Leiter des Instituts für Kognitions- und Sportspielforschung an der Deutschen Sporthochschule in Köln, hat sich mit diesen Themen beschäftigt und erklärte nach der Fußball-WM 2014 gegenüber der "Deutschen Welle": "Man muss Automatismen einstudieren. Man spricht dabei von mentalem Training. Es ist wichtig, um sich zu fokussieren, um die motorische Aktion, die hoch geübt ist, ablaufen zu lassen." Außerdem helfe der vor allem im Fußball weit verbreitete Aberglauben "In der Psychologie geht man davon aus, dass Selbstwirksamkeitsprozesse im Hintergrund mitschwingen", analysierte Memmert: "Man fühlt sich gut, man hat ein größeres Selbstbewusstsein, diese Aufgabe zu lösen, weil man weiß, dass man unterstützt wird, dass irgendetwas da ist, das einem positiv zusprechen kann. Aberglaube ist etwas, das man weiter im Fußball praktizieren sollte."

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