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Misstrauen gegenüber der „fremden Rasse“ war tief verwurzelt

Merzig. Kein Thema bewegt seit längerer Zeit die Gemüter im Land so sehr wie die durch die Flüchtlingskrise bedingte Masseneinwanderung nach Deutschland. In unserer Serie wird die Zuwanderung in die Merziger Region während der vergangenen 200 Jahre auch als Geschichte der auf vielfache Weise stattgefundenen Begegnung mit dem Fremden dargestellt. Volkmar Schommer

Die Schilderung des Düppenweiler Zeitzeugen geht weiter: "Seine Füße hatte er mangels ordentlichen Schuhwerks oder ausgetretener Militärstiefel mit Säcken und Lumpen umwickelt. Seine bittenden Hände waren noch vom regennassen Lehm der Baustelle verschmiert und zitterten leise wegen der Ungewissheit, ob seine wortlos, mit unmissverständlicher Geste vorgetragene Bitte von diesem deutschen Burschen - auch ein Angehöriger der Siegernation - verstanden würde. Von der ‚Tagesbeute' an Äpfeln hatte ich zuerst gegessen und war schon fast satt, als plötzlich der schon beschriebene Russe mit einem Mitgefangenen vor mir stand. Seine nicht miss zu verstehende Geste zeigte auf das noch eingewickelte Butterbrot und heischte mitmenschliche Entscheidung in Sekundenschnelle und sie war leicht zu finden. Als aber das mitgebrachte, nicht eben kleine Butterbrot - meine Mutter kannte den Appetit ihres Sohnes - den Besitzer wechselte, griff der lammfromme Riese in die Tasche seines Militärmantels. Ein leises Knistern war zu hören und schon hielt mir der Russe eine Handvoll Papier entgegen, das ich als eine ganze Menge deutscher Reichsmarkscheine erkannte. Überrascht überflog ich die Geldmenge und stellte fest, dass ich da 55 RM, eine ganze Menge Geld also, in der Hand hielt. Schon hatte sich der Russe umgedreht, hatte scheue Blicke um sich her geschickt in der Angst, dass ein Aufseher, das ihm wohltuende Geschäft bemerkt hätte und es noch vereiteln konnte und die Freude nur von kurzer Dauer gewesen wäre. Er war schon im Begriff sich den ‚erfreulichen Einkauf' mit seinem Kumpanen zu teilen. Was aber war für ein Ausdruck im Gesicht des Russen, als er meine Hand erneut in seiner spürte, als ich ihm das Geld zurückgab und bedeutete, dass er es für eine spätere Not noch einmal einstecken sollte. Da standen sich ein riesiger Russe und ein noch halbwüchsiger deutscher Junge mit Tränen in den Augen gegenüber und jeder spürte, dass ein fast feierlicher Augenblick vorübergegangen war. Aus seiner Erfahrung war das gerade abgelaufene Ereignis mehr, als ein Kriegsgefangener erwarten durfte. Und immer wieder muss ich mich auch heute noch zurückerinnernd fragen, ob es dem Russen geholfen hat. Ob es ihm klargeworden war, dass es unter den Deutschen nicht nur Siegernaturen gegeben hat, und ob er seine Heimat je wieder lebend erreicht hat und dort erzählen konnte von dieser Begegnung, die mir so lebendig in der Erinnerung geblieben ist."



Der Umgang der deutschen Bevölkerung mit ausländischen Arbeitskräften war rigorosen Einschränkungen unterworfen. Die Gründe für die entsprechenden Bestimmungen waren zum einen darin zu sehen, dass die Fremdarbeiter in aller Regel Angehörige von Feindstaaten waren. Auf der anderen Seite bildete jedoch auch die nationalsozialistische Rassenlehre das Motiv für die strikte Trennung von Einheimischen und Fremden. Auf Plakaten in den Betrieben wurde nachdrücklich vor der Gemeinschaft deutscher Arbeiter mit den angeblichen Barbaren, Untermenschen, Verbrechern und Subjekten ohne Kultur und Zivilisation aus dem Osten gewarnt.

Weit stärker als die Furcht vor einem zu sorglosen Umgang der deutschen Arbeiter oder Bauern mit den Fremdarbeitern während der gemeinsam zu verrichtenden Arbeit in den Fabriken und sonstigen Arbeitsstätten oder in der Landwirtschaft ging in den Köpfen der nationalsozialistischen Volkstums- und Rassepolitiker dabei allerdings die Angst vor persönlichen Beziehungen und sexuellen Kontakten zwischen "Fremdvölkischen" und deutschen Frauen und Männern um.

Beziehungen waren verboten

Sexuelle Beziehungen Deutscher zu Ausländern waren daher verboten und unter strenge Strafe gestellt. In einem Merkblatt von 1940, dessen Kenntnisnahme auch die Bauern des Gaues Westmark durch ihre Unterschrift bestätigen mussten, wenn sie einen polnischen Gefangenen oder Fremdarbeiter zugewiesen bekommen wünschten, war der Umgang zwischen Polen und Deutschen geregelt. So wurde beispielsweise ausgeführt, dass es verboten war, gemeinsam mit Polen an einem Tisch zu essen, sie zu Festen und Feiern oder in die Gasthäuser mitzunehmen oder ihnen irgendwelche Vergünstigungen zu erweisen. Vor allem aber wurde wörtlich an die deutsche Bevölkerung appelliert: "Haltet das deutsche Blut rein! Das gilt für Männer wie für Frauen! So wie es als größte Schande gilt, sich mit einem Juden einzulassen, so versündigt sich jeder Deutsche, der mit einem Polen oder einer Polin intime Beziehungen unterhält. Verachtet die tierische Triebhaftigkeit dieser Rasse! Seid rassenbewusst und schützt eure Kinder. Ihr verliert sonst euer höchstes Gut: Eure Ehre."

Als im Verlauf des Jahres 1942 auch in unserer Region die Zahl der Fremdarbeiter immer stärker anwuchs, verbreitete das Gauamt für Volkstumsfragen der NSDAP sogar einen detaillierten Katalog von Vorschriften beziehungsweise Verboten für den Umgang mit "fremdvölkischen" Arbeitskräften und Kriegsgefangenen. Für die einzelnen Nationalitäten führte der Katalog genau geregelte Verhaltensregeln und Konsequenzen bei Verstößen auf. < wird fortgesetzt